die Attraktivität von Amoktüren

Besser als Sex und Drogen

Kolumne Klassenkampf Von Liselotte Kreuz
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Am 26. April vor 15 Jahren hat er es getan, der Robert Steinhäuser: Hat Pistole und Pumpgun eingepackt, ist in seine ehemalige Schule gelaufen und hat 16 Menschen und dann sich selbst erschossen. Bevor der zu erwartende Medienhype um diese Geschichte am Ende noch ohne mich stattfindet, mache ich natürlich gerne mit, gucke unschuldig und frage, wie das nur hat passieren können, warum nur ein Mensch so etwas macht und ob da jetzt wenigstens was draus gelernt wurde. Denn, wir Lehrerinnen sind ja immer sehr darauf bedacht, dass irgendwas gelernt wird. Und es wurde ja auch was gelernt! Meine Schule zum Beispiel hat jetzt Amoktüren. Das sind Türen, die ohne Schlüssel nur von innen zu öffnen sind und die, das finde ich interessant, für mich als Person ohne jede Knasterfahrung eine überzeugende Gefängnisatmosphäre schaffen, obwohl sie technisch betrachtet die Jugendlichen ja nicht ein-, sondern nur aussperren, zum Beispiel wenn sie während des Unterrichtes mal aufs Klo müssen. Der Platz direkt an der Tür ist, seit es die Amoktüren gibt, recht beliebt, weil man dort darüber entscheiden kann, wie schnell man die Tür auf ein Klopfen hin öffnet oder ob man das Klopfen lieber ganz überhört; man hat ja sonst nicht so viel zu melden. Natürlich ist seitens der Schulleitung strengstens verboten, die Türen zum Aussperren zu benutzen, schließlich sei das kein Spielzeug, sondern eine sehr ernste Sache.

Seltsamerweise findet das Verbot wenig Beachtung. Amoktüren sind für einige Jugendliche fast genauso interessant wie Sex und Drogen, wobei sie gegenüber diesen den unschlagbaren Vorteil haben, dass Gott sich in keiner bekannten Publikation über sie geäußert hat und man mit ihm wegen denen also schon mal keinen Ärger bekommt, sondern nur mit der Schulleitung. Insofern muss man anerkennen, dass Amoktüren eigentlich besser sind als Sex und Drogen, jedenfalls für religiöse Jugendliche. Das school shooting hatte auch weniger schülerfreundliche Folgen, Spiele wie Counter-Strike sollen für Jugendliche jetzt beispielsweise schwieriger zu beschaffen zu sein, zumindest in der Theorie. Das ist gemein, weil Computerspiele, da Gott sich auch zu ihnen nicht geäußert hat, vielen Jugendlichen als ebenso attraktiv gelten wie Amoktüren, und ich glaube ja auch eher nicht, dass das was hilft. Denn, wenn man in einem irren System, das Leid verursacht und Wahnsinn, zu denen gehört, die das alles, System und Leid und Wahnsinn, auf spielerische und spaßige Weise weiterreichen sollen an die nächste Generation, dann kommt er vermutlich manchmal einfach zu einem zurück, der Wahnsinn, und hat eine Pumpgun dabei und will einfach nicht mehr spielen.