Die neue AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und ihre sexuelle Orientierung

Lesbisch und rechts

Warum die sexuelle Orientierung der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel nicht im Widerspruch zu ihrer politischen Einstellung steht.

Kommentar Von Patsy l’Amour laLove
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Kaum war bekanntgeworden, dass die AfD neben Alexander Gauland auch Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl erkoren hat, fällten einige Queer-Theoretiker ihr Urteil: Homonationalismus! Darüber müsse nun dringlich diskutiert werden. Schließlich lebt Weidel verpartnert mit ihrer Frau samt Kindern im Ländle.

Die These lautet, Homosexuelle würden von rechten Parteien wie der AfD, aber auch staatlichen Institutionen und Wirtschaftskonzernen hofiert und nähmen deren Umarmung mitunter dankbar an. Sie hätten, so die Annahme, ihre gesellschaftliche Machtposition seit den neunziger Jahren ausgebaut. »Macht« bedeutet in diesem Falle, dass die Feindschaft gegen Homosexuelle in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen und die rechtliche Gleichstellung Fortschritte gemacht hat. Typisch für diesen queeren Ansatz ist aber die Interpretation des Fortschritts als Unterdrückung, als Rückschritt oder eben »Nationalismus«.

Homonationalismus als Erklärung für Weidels Erfolg und ihr Engagement verdächtigt die Homosexualität als Beweggrund für ihre reaktionäre Haltung.

Den Begriff des Homonationalismus hat die US-amerikanische Queer-Theoretikerin Jasbir Puar unter anderem zur Diffamierung Israels erfunden . Das Land stelle Homosexuelle bloß besser, um damit von seiner Siedlungspolitik abzulenken; die Homosexuellen leisteten ihren Beitrag dazu durch nationalistische Anpassung. Bezogen auf die AfD wird Weidel als homosexueller Spielball der Partei verstanden. Sie ist jedoch kein lesbisches Ass im Ärmel der AfD, mit dem die Partei von ihrer Homosexuellenfeindlichkeit ablenken würde. Die neue Spitzenkandidatin sollte vielmehr ernst genommen werden als eben die Gegnerin homosexueller Emanzipation, als die sie sich präsentiert.

Der Begriff Homonationalismus beschreibt also eine Verschwörungstheorie, derzufolge Schwule und Lesben von oben vereinnahmt würden und mit den Strippenziehern der kapitalistischen Unterdrückung dankbar heitere Spielchen treiben. Die Vorstellung, dass die Homosexuellen mit »denen da oben« unter einer Decke stecken, hat eine lange Tradition in linker wie rechter Politik. Sie hängt zusammen mit der Angst vor einer Verführung zur Homosexualität durch die Homosexuellen, die politisch gewendet nur mit Wahn und Verfolgung beantwortet werden kann. »Homonationalismus« verrät uns demnach nichts Neues, außer womöglich über diejenigen, die diesen Vorwurf anführen.

Homonationalismus als Erklärung für Weidels Erfolg und ihr Engagement verdächtigt die Homosexualität als Beweggrund für ihre reaktionäre Haltung. Nicht aber die Homosexualität ist die Gewinnerin dieses Spiels, sondern der heterosexuelle Wahnsinn, der sich nicht zuletzt in der queeren Reaktion auf Weidels Kür zur Spitzenkandidatin zeigt: eine hasserfüllte Konzentration auf das Andere an ihr. Würde die Homosexualität dagegen so hofiert, wie es die These vom Homonationalismus behauptet, so würde um Weidels sexuelle Orientierung wohl kaum so ein Bohei gemacht. Vom »Heteronationalismus« Gaulands oder dem »Feminationalismus« der Beatrix von Storch war jedenfalls nirgends etwas zu lesen.

Weder ist Weidel als Spitzenkandidatin eine Marionette der angeblich homonationalistischen Rechtspopulisten, noch benötigt die AfD für etwaige Erfolge ein besseres Homo-Image. Die Partei kommt mit ihrer homosexuellenfeindlichen Politik bei einigen Homosexuellen ganz gut an. Bestes Beispiel dafür ist die neue Spitzenkandidatin selbst. Weidels rechte Laufbahn veranschaulicht ebenso wie die »Bundesinteressengruppe Homosexuelle in der AfD« ein Charakteristikum unserer liberalen Zeit und ihrer repressiven Toleranz: Man kann als offener Schwuler und offene Lesbe Anerkennung in einer nationalistischen Bewegung bekommen, die sich gegen die Emanzipation von Schwulen und Lesben ausspricht. Der Schluss drängt sich auf, dass sich darin ein symptomatischer homosexueller Selbsthass verdeutlicht: So kann man zur eigenen Homosexualität stehen und dieselbe zugleich im homosexuellenfeindlichen Kollektiv ablehnen.

Hinter dem Vorwurf des Homonationalismus steckt letztlich der Wunsch, dass die Homosexuellen doch ein wenig progressiver oder zumindest irgendwie schlauer sein sollten. Durch die Erfahrung von Ablehnung und die Differenz der sexuellen Orientierung wird man aber nicht zum besseren Menschen, wovon nicht zuletzt die Homosexuellen in der AfD Zeugnis ablegen. Die Enttäuschung über diese sich aufdrängende Erkenntnis ist für viele Queers derart herb, dass sie umso aggressiver versuchen, in den »eigenen Reihen« aufzuräumen. Weidel aber ist nicht gefährlicher als ihre heterosexuellen Parteikollegen. Ihr Erfolg verdeutlicht vor allen Dingen, dass auch Homosexuelle ätzende Rechte sein können und man das bei niemandem einfach hinnehmen sollte. Sich mit Begriffen wie »Homonationalismus« gegen die Homosexualität zu richten, ist die falsche Antwort auf Homosexuellenfeindlichkeit, Nationalismus und Rassismus, die eben auch von Homosexuellen vertreten werden können.