In »Nocturama« begehen Jugendliche terroristische Anschläge in Paris.

Der reine Drive

In »Nocturama« begehen Jugendliche terroristische Anschläge in Paris.

Anzeige

Teenager unterwegs durch Paris, zu Fuß, mit der Bahn. Mal gehen sie ­allein, mal zu zweit, zu dritt. Auf kurzzeitige Zusammenkünfte folgt die wortlose Zerstreuung, dann wieder formiert sich eine Gruppe in körper­licher Hochspannung und Entschlossenheit. Die präzisen Abläufe von Bewegungen, Gesten und Blicke erinnern an einen einstudierten Tanz, ein Ballett oder eine Schnitzeljagd.

Die Wege der Jugendlichen führen durch die Flure der Metro, über Rolltreppen, durch Ein- und Ausgänge, zwischendurch verschwinden Mobiltelefone in Mülleimern, werden neue aus Jackentaschen hervorgeholt, Nachrichten verschickt, Handyfotos gemacht. Blicke richten sich auf Uhren und U-Bahndisplays, irgendwann geraten Plastiktüten und verdächtige Pakete in die brillant choreographierte Handlungskette. Dann knallt es.

Die Jugendlichen in Bertrand Bonellos »Nocturama« sind militant, radikal – und chic. Sie sprengen Dinge mit hohem Symbolgehalt in die Luft: einen Bankentower im Büroviertel La Défense, ein Staatsgebäude, ein paar Autos, auch die vergoldete Bronzestatue der Jeanne d’Arc an der Place des Pyramides, eine Ikone des Front National, wird abgefackelt. Menschen sterben, aber so genau wollen es diese Teenager gar nicht wissen. Als die Explosionen in den Fernsehnachrichten zu sehen sind, haben sie sich von der greifbaren Wirklichkeit längst entfernt: In einem evakuierten Luxuskaufhaus, das sich die Jugendlichen als nächtlichen Versteck ausgesucht haben, kommt der Actionfilm, der »Nocturama« anfangs ist, zum Erliegen. Die jungen Terroristen bewegen sich nun wie todgeweihte Traumwandler durch die schöne Warenwelt – ein Fantasy-Reich mit unendlichen Konsum- und Verwandlungsmöglichkeiten: Essen, Trinken, Hits aus edlen Stereoanlagen hören, Go-Kart fahren, Baden, Dressen, Schminken und so weiter. Draußen rückt derweil eine Spezialeinheit der Polizei an.

»Nocturama« ist ein schöner, ein betörender und atemberaubender Film – mit opernhaften Anklängen und einer Fülle von Schau- und Hörwerten (vom Elektroscore, für den Bonello selbst verantwortlich zeichnet, über eingeblendete Zeitangaben bis hin zum Splitscreen). Auch wenn der Plot Parallelen zu gegenwärtigen Ereignissen nahelegt: »Nocturama« ist keine filmische Antwort auf die islamistische Terrorserie, die Paris im Jahr 2015 heimsuchte. Die erste Drehbuchfassung reicht ins Jahr 2011 zurück, ein Teil des Films wurde noch vor den Novemberanschlägen gedreht. Das einzige, was Bonello im Anschluss änderte, war der Filmtitel. »Nocturama« sollte ursprünglich »Paris est une fête« heißen, nach Hemingways Erinnerungen »Paris. Ein Fest fürs Leben« – ein Buch, das nach den Anschlägen zum Symbol für den Widerstand gegen religiösen Extremismus wurde. Bonello hat den Titel »Nocturama« einem Album von Nick Cave entnommen. Er spielt auf das Noctarium an, eine zoologische Einrichtung, in der man nachtaktive Tiere beobachten kann.

Als der Film im Frühjahr 2016 fertig war, stand er selbstverständlich trotzdem in Beziehung zur Realität. Dass in »Nocturama« eine eigene filmische Welt erschaffen wird, stellte für manche das eigentliche Problem dar. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes etwa wurde der Film nicht ins Programm auf­genommen. Als Bonello seinen Film im vergangenen Herbst bei der Viennale in Wien vorstellte, erklärte er, es sei ihm darum gegangen, eine diffuse Atmosphäre der Spannung zu beschreiben, die er in Frankreich gespürt habe. Eine Spannung kurz vor der Explosion. »Das musste doch passieren«, sagt eine junge Frau (Adèle Haenel bei einem Gastauftritt) im Film, die mit dem Fahrrad in der gespenstisch leeren Stadt unterwegs ist. Konkreter wird es nicht.

Der Terrorismus von »Nocturama« ist reine Fiktion, eine cineastische Phantasie. Allein die soziale und ethnische Zusammensetzung der Gruppe hat etwas Utopisches: Mädchen und Jungen, Weiße und Schwarze, Sprösslinge des Bürgertums und arabischstämmige Kids aus der Banlieue. Auch der Habitus mag so gar nicht zum herrschenden Bild von Militanz passen: Die Gesten der Jugendlichen, mehrheitlich verkörpert von Schauspielerinnen und Schauspielern, die zuvor noch in keinem Film mitgespielt haben, sind zärtlich, die Gesichter verwundbar. Derartig von Machismo befreite Radi­kale hat das Kino selten gesehen. Keine Parolen, keine Überlegenheitsgesten, kein Potenzgehabe – nur eine Spur jugendliche Arroganz.

Bonello legt sein Porträt einer Jugend zwischen Aufbegehren und Melancholie als Genrekino an. Um Charakterzeichnung oder soziolo­gische Analyse geht es ihm nicht. Referenzen für die Kaufhauspassage, die Bonello im Art-Déco-Gebäude La Samaritaine, einem ehemaligen Pariser Warenhaus, gedreht hat, sind unter anderem John Carpenters »Assault on Precinct 13« (1976) und George A. Romeros »Dawn of the Dead« (1978). Der erste Teil des Films wiederum ist eine direkte Anlehnung an Alan Clarks »Elephant« (1989) – ein minimalistisches Filmexperiment, das 40 Minuten lang, mit einer Steadycam gefilmt, eine Reihe von Killern auf dem Weg zu ihren Opfern begleitet. Während Clark einen zeitlichen und geographischen Kontext mitlieferte (Belfast, Ende der achtziger Jahre), sucht Bonello nach Entleerung und Abstraktion – selbst wenn sein Film konventioneller anmutet. »Nocturama« beteiligt sich nicht am Diskurs, der Film stellt sich eher daneben – und sagt dabei doch mehr über die Gegenwart als das meiste, was im Gewand von Realismus und Relevanz daherkommt. Die Motive der Figuren werden ins Off verlagert, übrig bleibt der reine Drive: Bewegung und Aktion.

Der Film tue etwas, das man nicht tun solle, schrieb der britische Gu­ardian entrüstet: Er lasse den Terrorismus cool aussehen. Aber hat nicht die in Kinosprache übersetzte Logistik eines Anschlags, seine Vor­bereitungen, seine Abläufe, seine Mechanik, immer etwas Genrehaftes? Ob aus Naivität und fehlender Haltung (»Der Baader Meinhof Komplex«) oder trotz Reflektiertheit (»Carlos«): Die Gesten des Kinos werden reproduziert. Auch die Bewegungen der Teenager in »Nocturama« sind dem Kino abgeguckt, sie sind nicht authentisch.

Im Kaufhaus begegnen die Jugendlichen ständig ihren Doppelgängern – ein Junge mit T-Shirt und Sneakers steht einmal vor einer Schaufensterpuppe im identischen Outfit. Es soll kein zynischer Kommentar auf die Jugend von heute sein, die zuerst zerstört und sich anschließend dumm an Chanel und Fendi erfreut. Er bringt die Dinge auch nicht in ein ambivalentes Verhältnis zueinander – etwas, das in der zeitgenössischen Kulturproduktion ein wenig zum faulen Trick heruntergekommen ist und dazu dient, sich mit dem Bewusstsein von der Komplexität der Welt zu schmücken. Bonello reiht Handlungen und Zeichen aneinander und lässt sie unverbunden nebeneinander stehen: Action, Genre, Aufbegehren, Konsum, kopierte Gesten, authentischer Schmerz. Am Ende sind es einfach traurige, ängstliche Kinder, die in einem ­Luxuskaufhaus abgeschossen ­werden.

Nocturama (D/F/BE 2016): Regie und Drehbuch: Bertrand Bonello. Darsteller: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers. ­Filmstart: 18. Mai