Xavier Naidoos »Marionetten«

Am seidenen Faden

Xavier Naidoos Song »Marionetten« steht in der schlechten Tradition populistischer Kapitalismuskritik im Popsong.

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»Baby, baby you know it’s true/I’m a puppet just for you/I’ll do any little thing you say«, singt Tom Jones in seinem Hit »Puppet Man« von 1971. »Baby pull my string/Huh, yeah/Puppet man, puppet man-an«. Die Liebe macht aus dem Mann eine willenlose Marionette, deren Fäden seine Angebetete in Händen hält – ein geradezu klassisches Motiv der Popgeschichte, das sich von Frank Sinatra (»That’s Life«) über Sandy Shaw (»Puppet on a String«), Boney M. (»Strange«), die Lemonheads (»Lick«) und die Pet Shop Boys (»Rent«) bis hin zu Prince finden lässt: »Like a puppet on a string/I’m go’n dance and I’m go’n sing/I will do most anything/If you promise me da bang, bang, bang!« (Prince: »Da Bang«) Und selbst die White Stripes singen auf ihrem Debüt: »Your fingers have become a crane/Pullin’ on these puppet strings/What a feelin’ that’s begun« (»Sugar Never Tasted So Good«).

Seit der Romantik ist die Metapher der Marionette mit dem Kontrollverlust durch die Liebe verknüpft. Das Ausgeliefertsein, das Hängen in den Schnüren, die das eigene Handeln lenken, birgt eine weitere Dimension: »Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden. Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!« fasst E.T.A. Hoffmann das Dilemma der zerrissenen Identität in »Die Elixiere des Teufels« zusammen, diesen mit dem Verlust der Kontrolle über das Ich verbundenen Geisteszustand. Ebenso wie die Marionettenprotagonisten der Popsongs auch auf die eigene Gefangenheit im Musikindustriezirkus verweisen, der jene Liebesmetaphern permanent einfordert, liegt jenseits der romantischen Liebe, dem sich Ergeben in die Hände des Liebensobjekts, stets auch die Frage nach anderen Formen des fremdbestimmten Handelns. »Alle Menschen tummeln sich wie klappernde Marionetten durcheinander, und werden an plumpen Drähten regiert«, lässt Ludwig Tieck seinen Protagonisten im Briefroman »William Lovell« (1796) formulieren.

»Master of puppets I’m pulling your strings/Twisting your mind and smashing your dreams«, meinen rund 200 Jahre später Metallica mit den gleichen Metaphern Ähnliches. Auf dem Album »Master of Puppets« benennen sie Abhängigkeiten, in ­denen sich der Mensch befindet, seien es Drogen oder die Religion, im letzten Song »Damage, Inc.« werden die Fäden symbolisch zerschnitten. Metallica deuten auf gesellschaftliche Machtverhältnisse, die sich auf das Individuum auswirken und die sie zu reflektieren einfordern. Michel Foucaults Frage »Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?« würden sicher auch Metallica als Grundfrage ihres Albums unterschreiben. Es geht um die gesellschaftlichen Zustände, die das eigene Handeln bestimmen, die determinierenden sozialen und psychologischen Umstände, wie es bereits Georg Büchner seinen Danton 1835 in »Dantons Tod« formulieren ließ: »Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nicht wir selbst! Die Schwerter, mit denen Geister kämpfen, man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen.«

Aus diesem Zustand zu erwachen, den Zustand des Verwaltet- und Regiertwerdens zu überwinden, ist der Inhalt der »Matrix«-Film-Trilogie wie auch diverser Songs, von Devos »Puppet Boy« (»Get up puppet boy/You’ve got a job to do«) bis hin zu Kreator: »Just a functional endurance like a puppet on a string/Never realising they have taking everything« in ihrem Song »Slave Machinery«.

Michel Foucaults Frage »Wie ist es möglich, dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – dass man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?«, würden sicher auch Metallica als Grundfrage ihres Albums unterschreiben.

Während die Marionetten hier noch ironisch oder unfreiwillig komisch wirken, deutet sich schon an, dass die Übergänge hin zu jenen Bereichen fließend sind, in denen aus der Kritik an Machtverhältnissen im Sinne Büchners oder Foucaults eine mit der Idee einer übergeordneten, die Welt beherrschenden, jedoch nicht greifbaren Macht spielenden »Kritik« von Machtverhältnissen wird. Wenn Ferris MC in »Puppenspieler« von 2016 etwa die prekäre Lage des einfachen Arbeiters problematisiert, der »für die Firma ein auswechselbares Produkt« ist und im Refrain singt: »Der Puppenspieler hat dich in der Hand/Du machst die Bilanzen, aber sie die Millionen«, so zeigt sich in diesem »sie«, das nicht näher ausgeführt wird, in Kombina­tion mit dem Puppenspieler die Problematik einer verkürzten Kapitalismuskritik.

Damit steht Ferris MC, dem man einen unsensiblen Umgang mit problematischen Metaphern bescheinigen muss, nicht alleine. Eine konkrete Machtform hatten Crass im Visier, als sie sich 1979 in »I Ain’t Thick (It’s Just a Trick)« der Schönheitsideale annahmen, deren Konsequenzen vor allem junge Frauen zu spüren bekommen. Über die »Drei Engel für Charlie«-Schauspielerin Farrah Fawcett heißt es dort: »She’s just a puppet in their indoctrination plan/›Be like me girls and become a real man‹«. Während bei Metallica noch überhört werden konnte, dass tatsächlich ein Puppenspieler auftritt, der den Hörer anspricht, wird bei Crass ein »they« eingeführt, das einen geheimen Plan verfolgt und dabei zum Lenker jener Puppen wird, für die Fawcett repräsentativ sei. »Sie« verfolgen einen Plan der Indoktrination, der im Songtext konkret über das Fernsehen, Bücher und andere Medien die Menschen erreicht und sie manipuliert. Crass singen in »Yes Sir, I Will« von »The ruling elite with their puppet figurehead«, The Hives sind sich 2001 in »Lost and Found« sicher: »No business man is going to use or confuse me/’Cause I ain’t no puppet for his capital gain«, und Oi Polloi versichern: »We’re not the puppets of some big business wanker« (»Your Beer Is Shit And Your Money Stinks«). Die Komplexität der Welt wird in den Lyrics von The Off­spring 1994 hörerkompatibel reduziert: »Superpowers flex their wings/Hold the world on puppet strings« (»It’ll be a long time«), und wurde bereits von Chumbawamba 1985 in »Total Control« fürs linksakademische Milieu aufbereitet: »Ask the puppet-masters/Who pull the strings/›Who makes the money/When the puppets sing?‹/Ask the corporations/›Where does the money go?‹«. Leftöver Crack wissen 2001 die Antwort auf diese Frage danach, wer die Fäden zieht: »Puppets are planted by the CIA/The new world order of a new decay« (»With the Sickness«). Discharge nehmen 1984 in »Ignorance« die Lügenpresse ins Visier: »Propaganda on the T.V./Propaganda in the news/To keep us all divided/To keep us all in line/ ­Slaves by your own compulsion/Puppets in a playing hand/Slaves by your own compulsion/Puppets in a playing hand«.

Der Verweis auf übermächtige Puppenspieler, gesteuerte Medien, die »Elite«, Geldmengen in den Händen gesichtsloser Konzernchefs und die Macht der USA findet sich bei Bands aus der linken Punkszene genauso wie bei Musikern rechter Provenienz, die ebenfalls mit dem Bild der Marionette spielen. Von ei­ner Metapher kann hier kaum mehr die Rede sein, denn, wie es Verschwörungstheorien eigen ist, wird an jene unsichtbaren Mächte fadenziehender Hintermänner geglaubt, die das Weltgeschehen bestimmen.

Explizit benannt wird das Judentum als »Strippenzieher« in Songs rechter Musiker, Stahlgewitter etwa singen im Song »Völker wehrt euch« von den »Feinden unsrer Freiheit« deren »Zentrum die Ostküste der USA« sei, »sie dirigieren weltweit ihre Marionetten, der unsichtbare Krake hält die Welt in Ketten«. Mindestens seit im frühen 20. Jahrhundert das antisemitische Pamphlet der »Protokolle der Weisen von Zion« Verbreitung gefunden hat, gehören jene Bilder der jüdischen Weltverschwörung, der Kraken und jüdischen Strippenzieher zum Standardrepertoire des Antisemitismus. Auch für den Niedergang traditioneller Kultur und Werte werden die »Wurzellosen Weltbürger – Die Lügnerschar der Völkermörder«, wie Division Germania in »Seht wer euch (ver)führt« singen, verantwortlich gemacht: »Doppelzüngig gellt ihr Wort – Vergiftet Heim & Hort/Ganze Staaten Marionetten – Der Globus liegt in ihren Ketten«. In »Diese Zeit« macht sich die Band Division Staufen vor allem Sorgen um die Deutschen, denn: »Den Stolz haben die Deutschen verloren, sie werden zu Marionetten erzogen/Nach dem Motto ›Brot und Spiele‹ – Idealisten gibt es nicht mehr viele«.

Die Naziband Sturm 18 nannte 2002 einen Song, in dem ebenfalls der Verlust von Tradition durch »Überfremdung« thematisiert wurde sowie die »Knechtschaft« des »deutschen Volkes« durch die »Erben Zions«, nach der Stadt »Babylon«. Das »Babylon System«, das Bob Marley 1979 angeprangert hat, weil es den »Leidenden Blut aussaugt« und das »Volk betrügt«, haben die Söhne Mannheims 2004 in ihrem gleichnamigen Song aufgegriffen. Xavier Naidoo singt: »Nenn mich ruhig einen Staatsfeind/Denn ich weiß nicht, ob er es gut meint./Oh Mann, ich gönn ihm seine Auszeit/Damit die Steuerlast mal ausbleibt/Und man die Scheiße aus ihm raustreibt!« (»Babylon System«)

Wenn Xavier Naidoo mit den Söhnen Mannheims jetzt das Marionetten-Bild aufgreift, aktualisiert er eine antisemitisch unterfütterte Weltsicht. Verkoppelt wird die Metapher mit einem Bild, das als Aufruf zur Gewalt an den »Volksverrätern« verstanden werden kann: »Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid/Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid«. Im Song »Marionetten« kommt die verworrene Weltsicht jener zum Ausdruck, die unter Marionetten keine Metapher für Macht­verhältnisse verstehen, sondern reale »Puppenspieler«. Bereits 2002 hat der verstorbene Musikkritiker Martin Büsser in einer Rezension zu Naidoos damals aktuellem Album geschrieben: »Besonders infam wird es auf ›Wenn ich schon Kinder hätte‹, einer Nummer, in der Naidoo allen körperliche Gewalt androht, die seine Kinder zu ›formen‹ versuchten. In dieser pathetisch instrumentierten Musik schrumpft menschliche Freiheit zu bedingungsloser Knechtschaft unter Gott und die patriarchal geführte Familie.« Büsser diagnostizierte bereits damals eine Nähe Naidoos zum »Denken der Rechten«, das sich heute, 15 Jahre später, offen zeigt und auf Zustimmung bei Fans und Wutbürgern stößt.