Gelebter Kapitalismus

Sekt und Sozialismus Von Julia Schramm
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»Die Marke ist das Leben«, denke ich jedes Mal, wenn ich mich durch den grotesk überfüllten Laden im ostberliner Zentrum kämpfe. Ich mag den Laden, auch weil ich dort die beste Jeans gefunden habe, die ich je hatte. Sie sitzt, ist bequem, sieht gut aus, hat also alles, was Jeans eigentlich nicht haben. Auch wenn die Qualität nicht so gut ist, sind die Schnitte so vorteilhaft für meinen Körper, dass ich manchmal denke, ich sollte mit den Sachen dieser Billigmodekette zu einer Schneiderei gehen und sagen: »Nähen Sie mir das bitte aus gutem Stoff!« Mittlerweile ist mein Kleiderschrank voll mit dieser Kleidung – Kleider, Hosen und meine geliebten Strickjacken, die Teil meiner täglichen Uniform sind. Zum Glück bin ich mit meiner Liebe zu dieser Marke in meinen Kreisen ziemlich alleine, was bedeutet, dass niemand jemals die gleichen Klamotten hat. Mit ­uniformen Massenklamotten aus der persönlichen Uniformität ausbrechen – ein Paradox, für das ich den Laden liebe. Die Gespräche mit meinen linksliberalen Freunden und Freundinnen darüber sind auch immer eine Herzlichkeit. Wie, diese Billigmodekette produziert genauso wie andere? Aber wie kann das sein? Es ist oft ein unerwarteter Einstieg in ein Gespräch darüber, dass eine Kette nicht besser ist als eine andere, nicht im Kapitalismus, weil wir im Kapitalismus alle den gleichen Regeln unterliegen. Und diese Kette schlägt sich innerhalb dieses Regelapparats sogar noch ganz gut im Vergleich zu manch anderem Modeunternehmen. Ja, natürlich ist die Marke ein Symbol für eine Wegwerfkultur, aber das ist eben auch Kapitalismus. Alles für den Profit.

Mal ehrlich, die Geringschätzung des Unternehmens gilt in großen Teilen eigentlich jenen, die am unteren Ende der sozialen Hackordnung stehen. Menschen, die keine Kohle haben, die in unserer Gesellschaft die Drecksarbeit machen, die Abgehängten, wie es im Feuilleton immer heißt – das sind diejenigen, die sich in dem Laden tummeln, nach ein paar schönen Sachen für wenig Geld gieren. Mit einem feschen Kleid aus dem trüben Alltag ausbrechen wollen. Alt, jung, groß, klein, alles dabei. Dazwischen finden sich ein paar Fashionistas mit Designerhandtaschen, die mit klarem Blick durch die Reihen ziehen und denen man nicht ansieht, dass sie diese Marke tragen. Es ist laut, es ist anstrengend und überfüllt und gleichzeitig ist es so zivilisiert, dass es fast schon gruselig ist. So viele unterschiedliche Menschen und Sprachen auf so kleinem Raum, auf der Suche nach dem eigenen kleinen Glück – und es bleibt friedlich, ruhig, freundlich. Wir Menschen können das nämlich ziemlich gut, also freundlich sein und friedlich. Und letztlich wollen wir alle ja schön aussehen und uns wohl fühlen – die Welt ist eh schon anstrengend genug. Da darf es auch mal diese Marke sein.