Die 63. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Kurz, aber kritisch

Zwischen einer und 45 Minuten lang sind die Beiträge auf den Oberhausener Kurzfilmtagen: Die Zwölftonmusik unter den Filmfestivals wusste schon Adorno zu schätzen.

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»Was im deutschen Film heute anständig ist, hängt mehr oder minder mit der Oberhausener Gruppe zusammen«, schrieb Theodor W. Adorno im Jahr 1962 an seinen Freund und Kollegen Siegfried Kracauer. Die Oberhausener Kurzfilmtage galten Adorno als Verkörperung des »Authentischen« auf der Leinwand, anders als die Massenproduktionen der Traumfabriken Hollywoods. Der Kurzfilm war mithin das Äquivalent zur Zwölftonmusik, der einzigen Musikrichtung, die Adorno noch akzeptierte, weil sie sich der Kulturindus­trie entziehen könne.

Ob Adorno an der 63. Auflage der Kurzfilmtage immer noch seine Freude hätte? Das Thema, das sich abseits der Wettbewerbe spezifischen historischen audiovisuellen Arbeiten widmet, hätte wohl zumindest sein Interesse geweckt: »Soziale Medien vor dem Internet, 1960–1990« lautet der Titel der ­Reihe. »Sozial« bedeutet auch außerhalb des medialen Diskurses längst nicht Aufklärung, Emanzipation, Partizipation und Freiheit.

Jahrzehntelang sei es der Traum linker Medientheoretiker gewesen, »den Konsumenten von Medien zum Produzenten von Medien zu machen«, sagt der Medientheore­tiker Tilman Baumgärtel, der diesen Schwerpunkt in Oberhausen kuratiert. Er knüpft damit an Bertolt Brecht an, der in seinem Aufsatz »Der Rundfunk als Kommunika­tionsapparat« aus dem Jahr 1932 forderte, der Empfänger solle auch Sender werden solle. Die deutsche Geschichte hat diese Forderung ­damals sehr schnell ad absurdum geführt. Und auch die Beispiele aus jenen drei Jahrzehnten zeigen schnell, dass es Grenzen der Aufklärung gibt.

Harun Farockis Frühwerke »Die Worte des Vorsitzenden« und »Ihre Zeitungen« aus den Jahren 1967 und 1968 stehen im Zeichen des Agitprop. Worte werden zu Waffen, Ziele sind der Schah von Persien und seine Ehefrau sowie die sogenannte Springer-Presse. Die Verbindung politischer Theorie mit revolutionärer Praxis stößt heute, rund 50 Jahre später, auf Unverständnis – auch beim Festivalpublikum, wie die anschließende Diskussion zeigt.

Wesentlich positiver aufgenommen werden die Filmbeispiele, in denen es um konkrete Probleme in Beruf und Alltag geht. Cristina Perinciolis »Für Frauen – 1. Kapitel« begleitet den Kampf von Verkäu­ferinnen für gleiche Löhne. Max Willutzkis »Mietersolidarität« dokumentiert die begrenzte Macht der Mieter im sozialen Wohnungsbau West-Berlins der siebziger Jahre. In beiden Filmen geht es darum, wenigstens die eigene, bescheidene Existenz ökonomisch abzusichern. Teilweise dargestellt im nach- be­ziehungsweise asynchronisierten 16-mm-Format, weder ästhetisch noch inhaltlich radikal, dafür aber praktisch und verständlich. Applaus im Kinosaal.

Die Film- und Fernsehbeispiele aus den achtziger und neunziger Jahren künden dagegen bereits von der Dialektik des Fortschritts. Paul Garrins behauptet in seinem Video-Manifest »Reverse Big Brother« aus dem Jahr 1990, dass es eine vollkommene staatliche Kontrolle über die Medien gebe. Verschwörungstheoretiker aller Schattierungen dürfen sich bestätigt fühlen. Hörer einer Call-in-Show von Radio Dreyeckland beschimpfen sich in Wutbürger­manier. Thema sind die Haftbedingungen der RAF-Mitglieder. Knapp zehn Jahre später gibt es Streit, weil die Macher des Senders antizionis­tische Agitatoren Raum für ihre Propaganda bieten.

Auch wenn es nur mediale Rand­phänomene waren: hate speech und Trolle waren immer schon Teil medialer Diskurse. Dass antiemanzipatorische, sexistische, rassistische und antisemitische Inhalte die Massen erreichen, ist jedoch ein Phänomen, das sich in der Internetkommunikation potenziert hat. An dieser Stelle lohnt es sich, noch einmal auf Brechts Radiotheorie einzugehen: »Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit.« Und weiter: »Unsere Gesellschaftsordnung (…) ermöglicht es, dass Erfindungen gemacht und ausgebaut werden, die sich ihren Markt erst erobern, ihre Daseinsberechtigung erst beweisen müssen, kurz Erfindungen, die nicht bestellt sind. (…) Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.«

Kultur ist zur Ware geworden in einer verwalteten Welt, in der sich Aufklärung als Massenbetrug entstellt hat. »Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst«, hatten Adorno und Max Horkheimer bereits in der »Dialektik der Aufklärung« geschrieben. »Sie ist der Zwangscharakter der sich selbst entfremdeten Gesellschaft. (…) Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie bloß zur Standardisierung und Serienproduktion gebracht und das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des gesellschaftlichen Systems sich unterschied.«

Eine Diskussion im »Festival Space« beschäftigt sich mit der Entwicklung sozialer Medien, ohne wirklich ins Detail zu gehen. Der Künstler Sebastian Heidersberger spricht über das interaktive Fernsehprojekt »Van-Gogh-TV – Piazza Virtuale«, das er im Jahr 1992 für die Documenta IX produziert hatte. Nachts, während die Konkurrenzsender nur Trash und Konserven zeigten, ging man bei 3Sat auf Sendung – was Marktanteile von mehr als zehn Prozent zur Folge hatte. Die Zuschauer konnten sich per Fax, Computer oder Telefon in die Livesendungen einschalten. Als Christoph Schlingensief live sendete und den Satz: »Tötet Helmut Kohl« in die Hörermuschel rief, war es vorbei mit der künstlerischen Freiheit. Fortan sei jeder eingehende Anruf zensiert worden, so Heidersberger.

Mahide Lein, lesbische Aktivistin aus Berlin, berichtet von der Arbeit bei LÄsbisch-TV, dem ersten lesbischen Sendeformat weltweit. Zwischen 1991 und 1993 wurden 27 Sendungen beim inzwischen eingestellten Kabelsender FAB (Fernsehen aus Berlin) ausgestrahlt, der immerhin bis zu 350 000 Zuschauer erreichte. Anders als in der Schwulenszene sei es bei den Lesben nicht zuerst um Sex gegangen, so Lein: »Wir waren in der Frauenbewegung aktiv und entsprechend politisiert«, sagt sie. Geld gab es keines, am Ende einer Sendung wurde regelmäßig zu Spenden aufgerufen.

In einer Wortmeldung geht es schließlich um die Attraktivität von Youtube-Klicks für »die Wirtschaft«, um deren »Vermarktung« und um Klicks überhaupt, ohne die eben nichts gehe. Schlagworte wie »Erfolg« und »Ertrag« als Kriterien für gut ­gemachte Arbeit – die totale Ver- und Entwertung also. Wenn milliardenschwere Großkonzerne mit Produkten wie Youtube und Facebook den Markt überschwemmen, ist die Utopie nicht einmal mehr denkbar. Der Begriff »soziale Medien« wird angesichts der »technologischen Rationalität« des Apparats zur Farce – wenn nicht zur Tragödie.

Die Utopie einer besseren Welt zeigen auch die Filme des internationalen Wettbewerbs nicht, die Negation der bestehenden nur bedingt. Indem sie sich vermehrt der (verdinglichten) Erscheinung widmen und dabei das Wesen nur oberflächlich berühren, sind sie selber Teil des Ganzen, das das Unwahre ist. Dennoch: Unter ästhetischen Gesichtspunkten konnte sich der Kurzfilm immer schon mehr dem Experiment widmen, da er sich nicht dem Diktat der Verwertung beugen musste.
Die Filme versuchen, eine Realität abzubilden, die allzu oft im Verborgenen bleibt. »Water Marks« von Meshey Koplevitch zeigt die Kindheit und Jugend im Kibbuz Dafna an der Grenze Israels zu Libanon und Syrien. Der Lärm von Geschossen und Raketen und plätschernde Bäche stehen im Kontrast zueinander. »Dame 2« von Kathryn Elkin dokumentiert Sexismus und Macht in den Fernsehformaten damals wie heute. Ein Interview mit Helen Mirren in der Talkshow »Parkinson« aus dem Jahr 1975 wird als Song rekonstruiert und vorgetragen – naiv, widersprüchlich und gerade deshalb verstörend.

Die mehreren Hundert Beiträge der Wettbewerbe befassen sich mit historischen Ereignissen wie etwa der finnischen Wochenshow der fünfziger Jahre oder dem Einmarsch Südafrikas in Lesotho im Jahr 1998, mit regionalen, lokalen, persönlichen und politischen Geschichten aus ­Japan, Südamerika, den Krisengebieten im Nahen Osten oder den Wüsten der Großstädte. Erzählungen und ­Beschreibungen wechseln mit visuellen Experimenten, Loops und ­Patterns. Wer sucht, wird fündig.

Schafft es der Kurzfilm dabei tatsächlich, sich der verwalteten Welt zu entziehen? Die Kulturindustrie enthalte, so Adorno in seinen Schriften zu »Kulturkritik und Gesellschaft«, das »Gegengift ihrer eigenen Lüge«. Zumindest ist das oberste Ziel der Filmemacherinnen und -macher nicht, sich von den Filmerlösen und Preisgeldern ein Apartment am Hollywood Boulevard zu kaufen. Auch wenn einige davon träumen dürften, schließlich haben auch Roman Polanski und Co. ihre ersten ambi­tionierteren Filmversuche im Kleinformat absolviert – auch in Ober­hausen. Und auch das dürfte Adorno gewusst haben, als er an Kracauer schrieb.