Mittwoch, 17 Mai, 2017; 14:30 Uhr

Das ZDF und Abu Ijad

Gastbeitrag von Florian Markl, Mena-Watch

„Zahlreiche Palästinenser haben heute mit Märschen an den Verlust ihrer Heimat nach der Staatsgründung Israels 1948 erinnert“, ist in einem gestern veröffentlichten Tweet der Redaktion von ZDF heute zu lesen. Das beigefügte Video ist reine Propaganda und einer Nachrichtenredaktion unwürdig: geschichtsfälschende Behauptungen, unterlegt mit stimmungsmachender Musik und Bildern, die palästinensische Gewalttäter ästhetisierend in Szene setzen. Gleich zu Beginn sieht man einen Mann, der bei einer Demonstration im Westjordanland einen symbolischen Schlüssel hochhält. Die Schlüssel, so ist dazu zu lesen, stünden für die Häuser, die die Palästinenser einst „zurücklassen mussten … Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden 700.000 Palästinenser vertrieben.“ Vergleichen wir die antiisraelische Propaganda des ZDF mit einem Bericht darüber, was sich rund um die Gründung Israels tatsächlich abspielte. Salah Khalaf, Kampfname Abu Ijad, war in der PLO die Nummer zwei nach Arafat, Chef des palästinensischen Geheimdienstes und einer der Führer der Terrororganisation Schwarzer September. In seiner Autobiographie beschrieb er, wie viele Palästinenser aus Furcht vor jüdischen Gewalttaten, die von der arabischen Propaganda gezielt geschürt wurde, die Flucht ergriffen:

„Deshalb entschlossen sich Hunderttausende, ihre Heimat zu verlassen. Sie wurden in diesem Entschluss noch bestärkt durch einige ‚nationale Komitees‘, die … von militanten Nationalisten gegründet worden waren und ihnen versicherten, dass ihr Exil nur von kurzer Dauer sein werde, nur einige Wochen oder Monate; diese Zeit würden die verbündeten arabischen Armeen benötigen, um die zionistischen Streitkräfte zu besiegen. Die Entscheidung der arabischen Länder, mit Waffengewalt die Gründung Israels zu verhindern, hatte bei den Palästinensern große Hoffnungen geweckt. …

Nicht ahnend, was sie erwartete, entschlossen meine Eltern sich ebenfalls, ins Exil zu gehen. Wir suchten Zuflucht in Gaza, der Geburtsstadt meines Vaters. Wir ließen Hab und Gut zurück und nahmen nur das Notwendigste an persönlichen Dingen mit. Noch heute sehe ich meinen Vater vor mir, wie er die Schlüssel unserer Wohnung in der Hand hält und beruhigend zu uns sagt, wir würden bald wieder zurück sein.“

Hunderttausende wurden demnach nicht „vertrieben“, wie ZDF heute behauptete, sondern sie entschlossen sich, das Land zu verlassen. Sie „mussten“ ihre Häuser nicht zurücklassen, sondern taten dies im Vertrauen darauf, dass sie nach der Zerstörung des jüdischen Staates bald wieder zurückkehren würden. Dass diese Rechnung nicht aufging, beklagen sie und ihre Nachkommen bis heute als „Nakba“ (Katastrophe).

Khalaf hatte nicht das geringste Interesse, Israel in freundliches Licht zu rücken. Trotzdem schilderte dieser hochrangige PLO-Funktionär die Ereignisse im Jahre 1948 weitaus weniger einseitig, als ZDF heute dies tut. Was sagt es über eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt aus, wenn ihre Nachrichtenredaktion Propaganda verbreitet, der gegenüber die Äußerungen des ehemaligen PLO-Vize-Chefs als differenziert und gemäßigt erscheinen?

Zuerst erschienen auf Mena-Watch