Es gibt kaum etwas Anachronistischeres als die Hanf-Parade in Berlin. Die Forderung nach der Legalisierung von Cannabis ist so alt wie die Raumfahrt - mindestens. Und so, wie es heute nichts Außergewöhnliches mehr ist, daß Menschen auf anderen Planeten rumhopsen, so ist das Kiffen inzwischen gesellschaftlich fest etabliert. In Berlin jedenfalls kann man sich sogar im Café Kranzler in Ruhe einen Joint drehen, ohne daß man schief angeguckt wird - außer von bayerischen Touristen vielleicht. Eine Hanf-Parade in Berlin ist etwa so wie eine Alkoholparade in München. Dort im Süden ist der Umgang mit Marihuana und Haschisch freilich noch ungewohnter. Zu sehr hat dort das Bier ein Monopol. Kein Wunder, daß gerade aus Süddeutschland viele nach Berlin zur Hanf-Parade gefahren sind.
Aber macht es Sinn, für die Legalisierung von etwas zu demonstrieren, das sich ohnehin schon durchgesetzt hat, auch gegen das Gesetz? Braucht es einen Protestmarsch von Fußgängern, die fordern, daß man legal bei Rot über die Fußgängerampel gehen darf? Nein. Das einzig Linke an Drogen ist ihre Subversivität. Statt sich um Legalisierung zu kümmern, sollte man die Energie lieber darauf verwenden, das Zeug besser zu verbreiten.
Trotzdem ist die Forderung nach Legalisierung natürlich nicht falsch. Denn Verbote, die einfach nur eine Beschneidung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten bedeuten, sind immer anzugreifen. Also klar, legalize it! Aber, liebe Leute, wir haben 1997! Selbst die SPD ist schon für die Legalisierung des Drogenkonsums. Geht zur nächsten Bundestagswahl, wählt Gerhard Schröder und schon ist alles geritzt! Dann könnt ihr auch in München kiffen, wo ihr wollt. Und wenn gewünscht, schicken wir aus Berlin ein paar Joint-Bau-Berater nach Regensburg. Wetten, die Jusos spendieren den Bus!?
Aber das ist eben das Traurige. Alle Welt weiß, daß Kiffen nicht annähernd so gefährlich ist wie Alkohol, daß noch nie und nirgends ein einziger Mensch am Kiffen gestorben ist. Obwohl kein Wissenschaftler mehr aufsteht und von dem "gefährlichen Suchtstoff" Cannabis spricht, haben wir einen Drogenbeauftragten der Bundesregierung, der beklagt, die SPD sehe dabei, wie sich die Kinder "zu Tode kiffen", der von "Teufelszeug" spricht und von (erwiesenermaßen nicht vorkommender) Cannabis-Abhängigkeit. Kein Wunder, daß die CDU/CSU-Politik auf Repression gebaut ist. Klar, wenn man anfängt nachzudenken, muß man sich womöglich auch noch mit den mehr als 40 000 Alkoholtoten jährlich auseinandersetzen. Und spätestens seit Titanic eine Tabelle führt, wissen wir, daß gerade CSU-Politiker immer wieder gerne besoffenen Kopfs ihren BMW gegen den Baum fahren: Es gibt nichts Anachronistischeres als die Hanf-Parade, außer der herrschenden Drogenpolitik.