04.09.1997
Klaus Naumann sinniert über friedensstiftende Einsätze in Bosnien

Zwangsvorstellungen eines deutschen Generalstäblers.

"Über das, was wahr und was bloße Meinung, nämlich Zufall und Willkür sein soll, entscheidet nicht, wie die Ideologie es will, die Evidenz, sondern die gesellschaftliche Macht, die das als bloße Willkür denunziert, was mit ihrer eigenen Willkür nicht zusammenstimmt. Die Grenze zwischen der gesunden und der pathogenen Meinung wird in praxi von der geltenden Autorität gezogen, nicht von sachlicher Einsicht." Adornos 1961 formulierte Einsicht in das Verhältnis von "Meinung, Wahn, Gesellschaft" wird durch die zunehmende Müdigkeit der wenigen kritischen Geister hierzulande, sich der ungebrochenen Serbenhetze entgegenzustellen, aufs neue bestätigt. Was soll man auch tun, wenn durch die Machtlosigkeit eines jeden Versuchs, die "gesunde" - den Apologeten bürgerlicher "Öffentlichkeit" zufolge sich einzig an empirischen Tatsachen orientierende - Meinung zumindest als Möglichkeit anzudeuten, doch nur die Übermacht des vom Staatsbürgerkollektiv sowieso Gewußten bestätigt wird. Die in der Tat durch "Fakten" im Wortsinne untermauerten Anstrengungen, die beispielsweise Peter Handke, Thomas Deichmann, Mira Beham und Peter Brock unternahmen, um den Empfängern der antiserbischen Hetzpropaganda einen unverzerrten Blick auf das Geschehen zu ermöglichen, sind gescheitert. Allerdings nicht, weil sie totgeschwiegen wurden. Vielmehr galt der hiesigen Öffentlichkeit allein der Versuch, Propaganda mit Tatsachen zu konfrontieren, als illoyale Unverschämtheit, einzig geeignet, die gewollte "Wahrheit" der Propaganda zu bestätigen.

Es hat keinen Sinn, einen von Zwangsvorstellungen Besessenen über deren Unbegründetheit aufklären zu wollen. Befreien könnte ihn und seine potentiell gefährdete Umgebung nur die Einsicht in die Arbeitsweise der ihn plagenden Dämonen. Doch was tun, wenn der Besessene aufgrund seines pathogenen Zustandes zu solcher Einsicht weder fähig noch bereit ist? Die bürgerliche Gesellschaft in ihrer universellen "Humanität" hat für solche Fälle ein probates Mittel auf Lager: Wegsperren. Was tun aber, wenn Zwangsvorstellungen nicht mehr Ausnahmen, sondern Allgemeingut sind, wenn sie von den Repräsentanten der Gesellschaft in Übereinstimmung mit ihrem Fußvolk öffentlich artikuliert werden, wenn also das "Irre" in den Stand allgemeinverbindlicher "Wirklichkeit" gesetzt ist? Es bleibt nur die Möglichkeit, aus den wahnhaften Äußerungen auf die praktischen Intentionen zu schließen. Um sich dann vor deren Konsequenzen zu schützen, dürfte man allerdings nicht völlig machtlos sein.

"Was wäre, wenn Karadzÿic«-Anhänger sich einen Soldaten greifen und ihn ... ach was, ... schlachten würden die den. Wie lange halten wir solche Bilder denn aus." Das stammt nicht von Peter Schneider, nicht von Erich Rathfelder, ist kein Produkt des "Meutenjournalismus". Es ist der vom Tagesspiegel (27. August) wiedergegebene Originalton des Klaus Naumann, deutscher General und ehemaliger Oberbefehlshaber der Bundeswehr, heute Chef des Militärausschusses der NATO, dem Gremium, in dem die Entscheidungen über Krieg und Frieden getroffen werden. Was der General hier in einem Vortrag über den "friedensstiftenden" Einsatz der von ihm kommandierten Sfor-Truppen zum besten gibt, ist eine geradezu klassische sadistische Projektion. Weil es sich hier nicht um einen beliebigen Stammtischsadisten handelt, sollte Naumanns Phantasie durchaus in der Tradition der kolonialistischen Kannibalismus-Projektionen und der antijüdischen Ritualmord-Legende gesehen werden. Das, was die Projekteure in die blutrünstigen "anderen" projizierten, wollten sie diesen stets selbst antun und übertrafen dann in ihrem Handeln noch ihre Phantasien. Das vom General genußvoll gemalte Bild der schlachtenden Serben und die billige rhetorische Frage nach der Standhaftigkeit deutscher Medienkonsumenten drückt den Wunsch nach präventiver Vergeltung aus. Wie eine solche dann bezeichnet wird, dafür liefert der gleiche Bericht des Berliner Hauptstadtschranzenblatts einen Anhaltspunkt: Die Tötung des ehemaligen Polizeichefs von Prijedor durch ein Sfor-Kommando wird "Verhaftung" genannt.

Die deutsche Öffentlichkeit wird mit solchen Neudefinitionen keine Probleme haben. An der Unterscheidung von Faktischem und Willkürlichem ist sie nicht interessiert, überhaupt scheinen ihr Begrifflichkeiten nur noch notwendige, aber keineswegs unverzichtbare Verpackungen zu sein. Zeigte doch zuletzt der einhellige Beifall für das Agieren der "westlichen Wertegemeinschaft" im bosnisch-serbischen Machtkampf, daß hierzulande auch die inhaltliche Definition der sonst kultisch verehrten "demokratischen Werte" - wie Wählervotum und parlamentarische Mehrheitsentscheidungen - nicht mehr wert sind als der Dreck unter dem Fingernagel eines deutschen Generals.

Von einer anderen Phantasie des Naumann wünschte man sich allerdings, daß sie in Erfüllung gehe: "Bei der heutigen Vernetzung der Welt wissen Sie nie, ob es zu Racheakten gegenüber Objekten im Herkunftsland der Truppe kommt." Doch angesichts der Schwäche und Zahnlosigkeit der radikalen Opposition im Herkunftsland Deutschland muß man wohl realistischerweise davon ausgehen, daß sich auch hier nur der projizierte Wunsch des Generals erfüllt: Ausbau des innerstaatlichen Über-wachungsapparates.