»Ich habe mich gut gefühlt«
Wie lange haben Sie Heroin genommen?
14 Jahre, von 1976 bis 1990. Seitdem bin ich im Methadon-Programm.
Wie kamen Sie zum Heroin?
Ich habe relativ spät damit angefangen, mit 25 Jahren, einfach aus Neugierde. Ich habe eine Frau kennengelernt, die abhängig war, was ich aber erst nach einem halben Jahr mitbekommen habe. Und dann wollte ich das mal probieren, um es nachvollziehen zu können.
Diese Probe scheint ansprechend gewesen zu sein.
Das kann man sagen. Die Droge hat mich wirklich fasziniert. Ich habe vorher vieles ausprobiert: Alkohol, Cannabis, LSD, aber es war alles nicht das Richtige für mich. Das waren also überhaupt keine Einstiegsdrogen für mich. Und dann kam das Heroin.
Wie hat es gewirkt?
Das war die erste Droge, die ich nehmen konnte, und keiner hat es gemerkt. Ich habe mich unheimlich gut gefühlt. Beim Alkohol bin ich früher manchmal sehr aggressiv draufgekommen. Das war beim Heroin ganz anders. Ich wurde ruhiger und umgänglicher für andere Menschen.
Was geht da ab, wenn man Heroin nimmt?
Das ist der absolute Überflieger. Ich war damals sportlich sehr aktiv, habe einen guten Job gehabt in einer Kneipe und alles, was ich angefangen habe, lief besser. Ich hatte duch Heroin beruflich viel Erfolg. Ich wurde sehr selbstsicher. Ich war immer auf so einer Wolke. Ich konnte durch nichts mehr verletzt werden, niemand ist gefühlsmäßig so richtig an mich rangekommen. Ich stand immer über den Dingen, fühlte mich sehr stark.
Also nur psychische Auswirkungen?
Ja, also halluzinogen ist das überhaupt nicht. Heroin geht nur aufs Gefühl.
Man sagt Heroin aber auch nach, es sei eher isolierend und abtörnend.
Das verändert sich mit der Zeit. Anfangs wirkt das schon ähnlich wie Kokain, dieses starke Glücksgefühl und so. Die Gefühle der Isolierung kommen erst sehr viel später, wenn die körperliche Abhängigkeit einsetzt, beziehungsweise, wenn mann es bemerkt.
Ab wann war Ihnen klar, daß Sie abhängig sind?
Erstmals nach drei Jahren - im Knast. Vorher kam ich immer an den Stoff, und finanzielle Probleme hatte ich ja auch nicht.
Die Haftstrafe hing mit der Droge zusammen?
Ja, das war ein Beschaffungsdelikt. Ich war damals Ersttäter und habe trotzdem gleich vier Jahre bekommen.
Und wann beschlossen Sie, daß es besser wäre aufzuhören?
Nachdem ich im Knast das erste Mal entzogen hatte. In dieser Zeit im Knast war ich clean. Ich bin dann rausgekommen und dachte, jetzt ist alles vorbei mit der Drogenabhängigkeit und der Szenezugehörigkeit. Aber nach nur einer Woche war ich wieder dabei auf der Szene, und alles fing von vorne an. Nur schlimmer, denn diesen Beschaffungsstreß und diesen Teufelskreis, in den man da gerät, den kannte ich ja bis dahin nicht. Vorher hatte ich immer genug Geld, in meinem Job habe ich funktioniert, war sehr beliebt bei meinen Freunden und den Gästen im Lokal, und niemand wäre darauf gekommen, daß ich heroinabhängig bin. Die ganzen negativen Seiten von Heroin habe ich erst nach meiner Inhaftierung kennengelernt.
Wie ist das gekippt?
Es fing damit an, daß ich diesen Job nicht mehr hatte. Es ging alles rasend schnell. Ich war innerhalb von sechs Wochen wieder so hoch dosiert, wie vor dem Knast nach drei Jahren. Nach nur einem Jahr war ich wieder kurz vor der Inhaftierung, weil ich mich nur noch in diesen Kreisen bewegte. Das ist eben das Geld-Problem.
Und traten dann nicht auch körperliche Störungen ein?
Nach meiner ersten Therapie 1986, also zehn Jahre nach dem ersten Konsum etwa, habe ich die ersten körperlichen Anzeichen mitgekriegt, Abszesse vor allem. Und dann habe ich von meiner HIV-Infektion erfahren.
Hatte diese Infektion mit dem Heroin zu tun?
Ja, ich muß mich über eine Spritze angesteckt haben.
Seit sieben Jahren sind Sie nun auf Methadon. Hat das eigentlich auch eine Rauschwirkung?
Ein wenig schon, aber es fehlt der Kick. Das Glücksgefühl wie beim Heroin setzt nicht ein. Der Körper ist also nur ruhiggestellt, man ist abgedeckt.
Aber gesund ist das auch nicht, oder?
Na ja, gesund ist es vielleicht nicht, aber auch nicht schädlich. Es ist ein reines Opiat, und man kann es sein ganzes Leben nehmen.
Wieso sind Sie in das Methadon-Programm gegangen?
Um nicht noch einmal diesen Entzug machen zu müssen. Das hätte ich damals mit Sicherheit nicht überlebt. Das heißt, der Entzug vom Heroin steht heute noch aus.
Und haben Sie vor, das Methadon mal abzusetzen?
Ich habe nicht vor auszusteigen. Ich habe zu oft die Erfahrung gemacht, daß ich nicht abstinent leben kann und will.
Aber wenn das Methadon nicht so richtig kickt, was bringt Ihnen das dann?
Ich habe alle Drogen ausprobiert und nichts hat mich so angemacht wie Heroin. Wenn ich jetzt abstinent werden würde und dann doch wieder eine Droge wollte, dann würde ich bestimmt wieder auf Heroin zurückgreifen.
Auch mit dem Wissen, daß Sie damit so oft abgestürzt sind?
Ja. Heroin ist die Droge, die mir am meisten gibt. Jede andere wäre auch nur ein Ersatz. Da kann ich auch beim Methadon bleiben. Das Methadon ist mein Schutz vor Heroin, also der Droge, die ich eigentlich gerne haben möchte, die ich auf legalem Weg aber nicht bekomme.
Mal angenommen, Heroin gäbe es ganz legal und in reiner Form zu kaufen. Würden Sie dann wieder darauf umsteigen?
Mit Sicherheit. Wenn es erlaubt wäre, zugänglich für mich und finanzierbar, dann würde ich es nehmen. Dem Streß der Illegalität setze ich mich aber nicht mehr aus. Dafür ist mir mein Leben doch zu kostbar; jetzt wieder.
Und die Sucht macht Ihnen keine Angst?
Ich persönlich würde die Sucht in Kauf nehmen. Wenn ich mir so die ganzen Alkoholiker anschaue und deren Suchtproblem, also mit denen möchte ich nicht tauschen. Klar gibt es viel Negatives im Zusammenhang mit Heroin, aber für das meiste ist der Gesetzgeber verantwortlich. Wenn der Beschaffungsdruck nicht da wäre und man Heroin in vernünftiger Form zu vernünftigen Preisen bekommen könnte, würden viele Probleme wegfallen, wie etwa die ganze Verelendung. Die kommt durch die Repression zustande.