18.09.1997
Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Auf dem Weg zum Entwertungsschock

Der pazifische Defizitkreislauf erschüttert die japanische Wirtschaft

Der Kasinokapitalismus ist seit den achtziger Jahren nicht nur zum Strukturzustand innerhalb der einzelnen Nationalökonomien geworden, sondern diese Struktur hat sich auf einer zweiten Ebene auch internationalisiert; und zwar nicht nur im Sinne einer Globalisierung der spekulativen Finanzmärkte, sondern auch in der Form internationaler Defizitkreisläufe zwischen den verschiedenen, durch die Globalisierung in Auflösung begriffenen Nationalökonomien.

Sowohl Kapital- als auch Handelsbilanzdefizite hat es natürlich auch schon früher gegeben, aber hier gilt dasselbe wie hinsichtlich der Staatsverschuldung und der Expansion des Kredits überhaupt: In vergangenen Epochen waren es vergleichsweise bescheidene Defizitmengen, die nicht über längere Zeiträume hinweg aufgehäuft wurden, sondern bald wieder abgetragen werden mußten (und im Zuge der jeweiligen kapitalistischen Expansion auch relativ leicht abgetragen werden konnten).

Heute aber haben wir es mit nicht nur wesentlich größeren Dimensionen der Außenverschuldung, sondern auch mit strukturell verfestigten und bereits seit zehn bis zwanzig Jahren hochgeschraubten regelrechten Defizitkreisläufen zu tun, die nicht mehr im Zeichen realökonomischer Expansion stehen, sondern im Gegenteil diese Realexpansion nur noch simulieren.

Europäischer Defizitkreislauf

Es gibt mehrere solcher Defizitkreisläufe über den ganzen Globus verstreut; die beiden wichtigsten sind jedoch der europäische und der pazifische Defizitkreislauf. In Europa steht das in den Zeiten der fordistischen Expansion nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehäufte Finanzkapital der BRD im Zentrum der Defizitkreisläufe auf allen Ebenen. Zum einen leihen sich die durchwegs in ihren außenwirtschaftlichen Bilanzen der BRD gegenüber defizitären Länder der EU in der BRD das nötige Geldkapital zu Marktzinsen; zum andern fließen über die diversen Ausgleichsfonds der EU (wobei die BRD den Löwenanteil trägt) den maroden Nationalökonomien permanent Sanierungsgelder zu; drittens muß die BRD auch wachsende Massen von Geldkapital großenteils auf Nimmerwiedersehen in die osteuropäischen Länder und vor allem nach Rußland pumpen, um den längst fälligen zweiten, diesmal streng marktwirtschaftlichen Zusammenbruch hinauszuzögern; und viertens ist schließlich die Kleinigkeit eines Nettokapitaltransfers zwischen 150 und 200 Milliarden DM jährlich in die Ex-DDR notwendig geworden, um die nach dem ökonomisch "harten" Anschluß klinisch tote ostdeutsche Wirtschaft auf unabsehbare Zeit weiter künstlich zu beatmen.

Der Finanzüberbau der nach landläufiger Meinung kapitalistisch noch relativ seriösen BRD ist daher nicht nur durch die auch hierzulande längst zum allgemeinen Zustand gewordene kasinokapitalistische Binnenstruktur, sondern auch durch die prominente Einbindung in den Gesamtkomplex der europäischen Defizitkreisläufe bereits viel wackliger, als es den Anschein hat.

Die asiatische Münchhausiade

Die bei weitem größte ökonomische Maßlosigkeit aber ist wohl im pazifischen Defizitkreislauf zwischen Ostasien und den USA zu sehen. Hier haben wir es mit einer besonders delikaten Verzahnung zu tun. Von Japan und den diversen kleinen Tigern aus betrachtet, stellt sich das pazifische Defizitkonstrukt folgendermaßen dar: Zunächst machte die spezifische Verfassung der japanischen Finanzmärkte und ihrer paternalistischen, großenteils informellen Verflechtung mit der Exportindustrie in den achtziger Jahren ein finanzielles Kunststück ohnegleichen möglich.

Die Japaner finanzierten nämlich die überall sonst bereits nahezu unbezahlbar gewordene durchgehende High-Tech-Aufrüstung ihrer Exportindustrie zum (scheinbaren) Nulltarif, indem sie als einziges hochindustrialisiertes Land den riesigen fiktiven Wertzuwachs der Spekulationsära zu erheblichen Teilen in Realnachfrage nach extrem teuren Investitionsgütern verwandelten. Hier hat also die erwähnte unmittelbare Rückkoppelung des "fiktiven Kapitals" auf die reale Produktion tatsächlich stattgefunden, und zwar ohne ebenso unmittelbare inflationäre Wirkung auf die japanische Binnenökonomie, da diese Rückkoppelung in Form einer Exportflut stattfand, die vor allem in die USA ging.

Auf prekäre Weise haben sich die kleinen Tigerstaaten Japan angeschlossen. Allesamt konnten sie natürlich ihre Exportindustrialisierung nicht mit einheimischen Spargeldern finanzieren, sondern nur durch eine zunehmende Verschuldung, und zwar in Japan. Dort wurden und werden sowohl die Gelder für die erforderlichen Investitionen aufgenommen als auch die Investitionsgüter größtenteils eingekauft (teilweise handelt es sich auch direkt um Kapitalexport japanischer und zu einem viel geringeren Teil sogar westlicher Unternehmen). In gewisser Weise kann also von einem innerasiatischen Defizitkreislauf gesprochen werden: Japan leiht den kleinen Tigern das Geld, damit diese in Japan Investitionsgüter kaufen können. Das geht nur dadurch, daß diese Länder dann ebenso wie Japan auf Teufel komm raus exportieren, und ebenso vor allem in die USA. Ablesbar ist das letztlich desaströse Konstrukt daran, daß die kleinen Tiger hohe Exportüberschüsse gegenüber Europa (die inzwischen aber schon wieder abschmelzen) und den USA, gegenüber Japan jedoch (und größtenteils auch absolut) allesamt hochgradig defizitäre Handels- und Kapitalbilanzen aufzuweisen haben.

Diese kleine innerasiatische Münchhausiade wiederum ist Teil der großen pazifischen Münchhausiade. Unter dem Druck des unproduktiven Weltmacht-Konsums, der die Größenordnungen in den übrigen fordistischen Industrieländern noch bei weitem übertraf, ging die relative Wirtschaftskraft der USA, die nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Bereichen haushoch überlegen gewesen waren, schon seit den sechziger Jahren rapide zurück. Die industrielle Basis schmolz noch stärker ab als anderswo, jedoch nicht so sehr in Form eines Rückgangs der industriellen Beschäftigung aufgrund von High-Tech-Rationalisierung bei gleichzeitig erweiterter Produktion, sondern als völlige Preisgabe ganzer Produktionssektoren, die durch Importe ersetzt wurden. Da jedoch gleichzeitig die Sparquote der äußerst konsumfreudigen US-Bürger immer stärker zurückging und heute eine der niedrigsten in der Welt ist, mußte zusätzlich zur exorbitanten Binnenverschuldung zunehmend auf ausländisches Geldkapital zurückgegriffen werden.

Die USA waren und sind zu der ökonomisch eigentlich unmöglichen Gleichzeitigkeit von Außenverschuldung durch Aufnahme ausländischen Geldkapitals einerseits und ständig hohen Handelsbilanzdefiziten andererseits nur deswegen in der Lage, weil der Dollar die Funktion eines Weltgeldes hatte und in abgeschwächter Form auch heute noch hat. Das bedeutet, daß die USA ihre Außenverschuldung in eigenem Geld begleichen können und nicht erst durch Exportüberschüsse Devisen verdienen müssen, um die Außenschulden verzinsen und tilgen zu können.

Im Grunde genommen lassen sie sogar das Ausland einen Teil ihrer Schulden durch die Achterbahnfahrt des Dollar-Wechselkurses bezahlen; ein Verfahren, das allerdings heute ziemlich ausgereizt zu sein scheint und irgendwann zu einer allgemeinen Flucht aus dem Dollar führen muß, was dann wiederum den Dollarsturz und die Krise des Welthandels zur Folge hätte. Daß die Entwicklung in diese Richtung geht, hat der Verfall des Dollar und die Krise des Weltwährungssystems in den letzten Jahren bereits deutlich gezeigt.

Durch das Doppeldefizit von Außenverschuldung und negativer Handelsbilanz sind die USA in den letzten 15 Jahren auch zum weltökonomischen Schwamm geworden: Sie saugen das ausländische Geldkapital an und bezahlen mit diesem geliehenen Geld ihre riesigen Importüberschüsse. Dieses phantastische Mißverhältnis konzentriert sich fast vollständig auf die pazifische Region. Das ganze Gerede vom angeblich bevorstehenden "pazifischen Jahrhundert" beruht auf nichts als heißer Luft, d.h. auf dem Defizitkreislauf zwischen Ostasien und den USA. Die Japaner leihen den USA das Geld, um im Handel mit den USA Exportüberschüsse machen zu können, und mit den Exportüberschüssen verdienen sie das Geld, das sie den USA leihen können. Es ist klar, daß dieses paradoxe ökonomische Konstrukt, in das inzwischen ganz Südostasien eingebunden ist, innerhalb weniger Jahre zu Bruch gehen muß.

Das Finanzbeben von 1987

Während der große Börsencrash von 1987 und der Absturz der Immobilienspekulation Ende der achtziger Jahre in den USA und in Europa nur als Delle in der umgebremst weiterlaufenden Akkumulation erschienen, stand Japan unmittelbar vor der großen Finanzkatastrophe. Denn in Japan waren - im Unterschied zu den anderen Metropolen - die fiktiven Werte zum großen Teil real investiert worden, so daß der Crash eine nicht wieder zu schließende Lücke riß. Die Blase mußte platzen, und die japanische Aktien- und Immobiliernpreise haben sich bis heute nicht mehr erholen können, wie der seither um die Hälfte gefallene Nikkei-Index zeigt.

Und warum ist die offene Finanzkatastrophe in Japan trotzdem vorerst ausgeblieben? Das ist in der spezifischen paternalistischen Struktur der japanischen Ökonomie begründet. Der informelle Verbund von Regierung, Banken und Konzernen brachte es fertig, eine nationale Auffanggesellschaft zu gründen, in der die faulen Kredite gesammelt und damit die eigentlich fälligen Bankrotte vermieden wurden. So etwas wäre in keinem westlichen Land möglich gewesen. Aber die Masse der faulen Kredite kann durch keinen Trick aus der Welt geschafft werden, sie wächst durch die Verzinsung weiter an, obwohl die Nippon-AG verzweifelt versucht, sie durch tröpfchenweise Abschreibung, die das Bankensystem gerade verkraften kann, zu vermindern. Gelegentlich läßt man einen mittelgroßen Partner über die Klinge springen, um sich ein wenig Luft zu schaffen - so wurde eine der größten Genossenschaftsbanken im August 1995 unter Aufsicht gestellt, worauf die Sparer die Schalter stürmten. Die Situation bleibt also labil.