»Die haben ein bißchen was aufgeschrieben, und dann war gut«
"Hier stehst Du schweigend, doch wenn Du dich wendest, schweige nicht", steht auf dem Gedenkstein des jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee, Prenzlauer Berg, Berlin, Deutschland: jenes jüdischen Friedhofs, der in der Nacht zum 17. September teilweise verwüstet wurde. Die Täter, so Petra M., die Denkmalpflegerin des 1827 geweihten Friedhofs, seien von der Rückseite des Friedhofs am Abenteuerspielplatz "Kolle" in der Kollwitzstraße über die Mauer gestiegen. Sie führt uns über den Friedhof, erklärt, welche Grabsteine einfach wieder aufgerichtet werden können, welche wieder rekonstruierbar, welche zerstört sind. An der Stelle, an der die Täter über die Mauer gestiegen sein könnten, liegt eine zerbrochene Weinflasche, auf dem Etikett der Kopf Ludwigs II. Das müsse nichts bedeuten, so Frau M., immer wieder flögen hier Gegenstände über die Mauer.
Alle zwei Stunden soll Streife gelaufen werden. "Die gucken schon, aber die gucken nicht immer", sagt Frau M. auf die Frage, wie denn der Friedhof bewacht werde. Direkt neben dem Eingang zum Friedhof befindet sich die Polizeiwache 72. Die Aufenthaltsräume sind keine drei Meter von den ersten Grabsteinen entfernt - umgestürzten Grabsteinen. Mindestens 28, wahrscheinlich jedoch mehr seien umgeworfen, viele dabei zerbrochen, einige von ihnen gezielt zerstört worden, sagt Petra M. Darunter Grabsteine des verstorbenen Architekten Sachert, die nicht mehr rekonstruierbar sind. Und auch - direkt unter den Fenstern der Polizeiwache - zwei Grabsteine aus Granit, die auf Kopfsteinpflaster gestürzt worden sind. Sie sind nicht zerbrochen, es muß dennoch einen ziemlichen Lärm verursacht haben. Weder Polizei noch Anwohner haben etwas gehört. "Man weiß noch nicht einmal, zu welchem Zeitpunkt die Schändung stattgefunden hat", sagt Frau M., weil die Rundgänge sehr unregelmäßig stattfinden. Das bedeutet, die Tatzeit kann wahrscheinlich nicht mehr genau festgestellt werden.
Was die Polizei unternommen hat, wollen wir wissen. "Die Kriminalpolizei war hier, aber sie haben gesagt, sie könnten weiter nichts erkennen. Spuren von den Steinen können sie nicht entnehmen." Keine Spurensicherung? "Die Steine waren nicht poliert, und da kann man nichts drauf erkennen, haben sie gesagt. Da vom" - Frau M. zeigt auf die Rückseite des Friedhofs - "lagen noch mehr zerbrochene Flaschen, und auch da haben die Polizisten gesagt, den Scherben können sie nichts entnehmen." Fußspuren wären auch nicht gesichert worden, erfahren wir. "Die haben sich ein bißchen was aufgeschrieben, und dann war gut."
Später erzählt ein Besucher des Friedhofes, daß der polizeiliche Staatsschutz sich erst am Freitagmorgen, zwei Tage nach der Tat auf dem Friedhof blicken ließ.
Wen Frau M. für die Täter hält, wollen wir noch von ihr wissen. "Gewöhnliche deutsche Jugendliche." Das sei schon öfter vorgekommen, auch Sekten würden hier Messen halten. Die hätten aber nichts zerstört, auch nicht die vielen anderen nächtlichen Besucher, die des Nervenkitzels wegen kommen. Die Anwohner hätten in solchen Fällen auch die Polizei gerufen, wenn es zu laut wurde.
202 Straftaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland wurden allein in diesem Jahr registriert. Schnell war nach Bekanntwerden der Tat von einem "Akt des Vandalismus" die Rede, ein "politischer Hintergrund", so die Polizei, werde jedoch nicht vermutet, weil keine Parolen oder Flugblätter nazistischen oder antisemitischen Inhalts gefunden worden seien.
In der tschechischen Stadt Frydek-Mistek wurde in der Nacht zum 18. September der gerade erst von Jugendlichen aus Deutschland, Polen, Ungarn und Tschechien rekonstruierte historische jüdische Friedhof verwüstet. Mehr als 80 Grabsteine wurden umgeworfen. Auch hier keine Schmierereien, meldet dpa. Als bräuchte es noch die Schmierereien, um den antisemitischen Zusammenhang herstellen zu können.
Der jüdische Friedhof in der Schönhauser ist der bekannteste der Stadt, Max Liebermann liegt hier begraben. Deswegen kommen auch die meisten Besucher, erzählt der Wächter, die wenigsten interessierten sich für die religiöse Bedeutung des Ortes. Wir schlagen nach: "Der Tote wird der Erde zurückgegeben. Sie nimmt ihn in ihren Schoß auf. Dort findet der ganz natürliche Verwesungsprozeß statt, wird die Materie zurück in Staub verwandelt. Dort wartet der Tote auf den Tag des Jüngsten Gerichts. Die Ruhe eines Toten zu stören, ist dem jüdischen Gefühl ein unerträglicher Gedanke, eine Vorstellung, die den Lebenden erschauern läßt. Dem Toten gehört die Erde, in die er gebettet wurde. Für immer. Über sie darf kein anderer Mensch verfügen." Das schreibt der holländische Rabbiner de Vries in einem Artikel, in dem er Nichtjuden über das Judentum aufklären möchte, 1927.
Die Zerstörung jüdischer Friedhöfe ist ein antisemitisches Kampfmittel. Anders als eine Synagoge, die geschlossen und wiedereröffnet werden kann, wenn die, die sie nutzen, vertrieben werden oder umziehen, ist ein jüdischer Friedhof "für alle Zeiten" angelegt, wie es in der Verträgen heißt, die jüdische Gemeinden mit den zuständigen Kommunalverwaltungen geschlossen haben. Mit der zwangsweisen Umbettung der Toten wurden die jüdischen Gemeinden während des Nationalsozialismus terrorisiert.
Nach Auschwitz ist "die Verwüstung der Friedhöfe keine Ausschreitung des Antisemitismus, sie ist er selbst", schrieb Adorno anläßlich einer Welle von Anschlägen auf jüdische Friedhöfe in Westdeutschland Ende der fünfziger Jahre: Die Existenz der jüdischen Friedhöfe erinnere an die Existenz von Juden und damit auch an ihre Vemichtung.
Zwei Tage nach dem Anschlag ist das eigentliche Gesprächsthema im Kiez ein Einbruch, von dem uns ein Sozialarbeiter berichtet, daß er in der selben Nacht, in der Friedhof verwüstet wurde, in einem gegenüberliegenden Lottoladen stattgefunden habe. Der Kollwitzkiez ist vom Leerstand gekennzeichnet, seine Einwohner sind typisch für den Prenzlauer Berg: Hier kommen alle irgendwie miteinander aus. Der Sozialarbeiter meint, ein paar Jugendliche hätten sich lediglich auf dem Friedhof betrinken wollen. Er versucht, eine Verbindung zwischen dem Einbruch und der Zerstörung auf dem Friedhof herzustellen.
Wir gehen in den Laden auf der anderen Straßenseite, um zu erfahren, ob es in diesem Laden die Weinflaschen mit dem Luwig II.-Etikett gibt. Der Inhaber bestätigt, daß er diesen Wein im Sortiment hat. Aber den hätten sie gerade nicht da, ergänzt seine Frau. Wir erfahren, daß der Einbruch nicht in derselben Nacht wie der Anschlag, sondern zwei Tage zuvor, in der Nacht auf Montag, stattgefunden hat. Ob die Flaschen bei dem Einbruch gestohlen worden seien, weiß der Inhaber nicht mit Sicherheit zu beantworten.
Er reagiert entsetzt auf unsere Fragen, denkt auch, wir seien von der Kripo. Von der Zerstörung der Grabsteine haben weder er noch seine Frau etwas mitbekommen, obwohl auch sie direkt am Friedhof wohnen: "Meine Frau schläft gut, und ich auch." Daß er nichts gehört habe, liege an dem Moos, die Steine fielen ja weich fallen. Einige Steine seien nicht so weich gefallen, widersprechen wir.
Eines wäre klar: "Von hier sind die jedenfalls nicht", wiederholt er beinahe stereotyp den Satz der Deutschen von Lübeck bis Mannheim-Schönau.
Wir gehen noch einmal zurück auf den Friedhof. Wir treffen Leute, die nach Grabsteinen von Angehörigen sehen wollen. Einer erzählt uns, die Anschläge machten ihm angst. Er kommt aus der ehemaligen Sowjetunion und macht sich nun Sorgen, eines Tages von seinen Kindem gefragt zu werden, wieso er sie nach Deutschland gebracht habe. Er sitze buchstäblich auf gepackten Koffern.
Daß die Polizei wenig Interesse daran hat, die Täter zu finden, überrascht niemanden. Dieser Anschlag sei einfach nicht spektakulär genug.