23.10.1997

Nullsummenspielan der Börse?

Was eine Börse, eine Aktie und eine Bank ist, erklärt uns jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, wie folgt: "Nicht selbst arbeiten, sondern das Geld arbeiten lassen: Wer Aktien kauft, wird Miteigentümer eines Unternehmens. Wenn die Börse ein Theater und die Aktie ihre Eintrittskarte ist, sind die Banken die Theaterkasse, denn bei ihnen kriegt man Aktien." Und damit wäre bereits das Wesentliche über das moderne Finanzsystem ausgesagt; alles zumindest, was ein Milchmädchen wissen muß, um an der jetzt allmählich in die Umkippphase fahrenden Hausse zu partizipieren. D.h. am Ende natürlich mal wieder kräftig draufzuzahlen.

Warum das so sein wird, damit hängt eine zweite, etwas vertracktere Frage zusammen: Ist die Börse ein Nullsummenspiel?

Ein Nullsummenspiel ist eines, bei dem am Ende nicht mehr ausgezahlt wird, als eingezahlt wurde. Da an der Börse nichts produziert wird, ließe sich argumentieren, muß es sich um ein Nullsummenspiel handeln. Die taz hat sich in einem Artikel unter der Fragestellung "Darf man als halbwegs links fühlender Mensch Aktien erwerben?" dieser Sichtweise entgegengestemmt: "Die Börse ist eben kein Nullsummenspiel. Gewinne, die einer aus Aktien zieht, sind nicht zugleich die Verluste eines anderen. Sie sind vielmehr Gewinne, die der vorherige Besitzer nicht gemacht hat, weil er zu früh verkauft hat." Der Artikel gelangt übrigens zu dem Schluß, daß es daher auch für links fühlende Menschen vertretbar sei, an der Börse zu spekulieren, so lange gewährleistet sei, daß es sich um Aktien von ethisch und ökologisch akzeptablen Unternehmen handelt.

Auch die Zeit schreibt in derselben Woche: "Doch die Börse ist eben kein Nullsummenspiel (...). Im Gegenteil: Mit Ausnahme einiger bedauernswerter Tollpatsche (...) kann hier jeder seinen Reibach machen."

Lassen wir uns nicht irre machen. Sicher ist, daß die Börse nicht zu jedem Zeitpunkt ein Nullsummenspiel ist. Solange immer mehr Anleger, durch Kurssteigerungen angezogen, die Kurse in die Höhe treiben, ist es möglich, daß alle, die in diesem Zeitraum aus dem Geschäft aussteigen, das mit Gewinn tun. Im zeitlichen Querschnitt wirkt es wie eine wundersame Geldvermehrung - eben nicht wie ein Nullsummenspiel! Diese Wertschöpfung findet jedoch nur auf dem Papier statt. Der Preis, der für wenige Aktien in einer Hochphase gezahlt wird, setzt den Kurs fest. Würden jedoch alle Aktienhalter zu dem Preis verkaufen wollen, wäre der Kurs in nullkommanichts wieder im Keller. Das Wesen der Börse ist deshalb das der bekannten Piloten- oder Pyramidenspiele. So lange Geld von außen zuströmt, können die, die früher eingestiegen sind, Gewinne realisieren, ohne daß Verluste sichtbar werden. Das System inflationiert und kollabiert, sobald die Neuankömmlinge ihre auf dem Papier verbrieften Auszahlungen reklamieren. Im zeitlichen Längsschnitt bestätigt sich unsere Eingangsvermutung: Niemand gewinnt, was ein anderer nicht früher oder später verliert. Ein Nullsummenspiel ist ein Nullsummenspiel ist und bleibt ein Nullsummenspiel. Zu klären wäre noch, warum etwas, das im Fall Albanien sofort von allen Kommentatoren durchschaut wurde, bei der Erklärung des Kurshypes an der Börse so hartnäckig ausgeblendet bleibt.