Die südostasiatische Währungskrise trifft die ehemalige britische Kolonie mit voller Wucht Kurzschluß in Hongkong Die südostasiatische Währungskrise trifft die ehemalige britische Kolonie mit voller Wucht Langsam, aber sicher schleichen sie sich an Westeuropa heran - die kränkelnden Tiger aus Südostasien. Der dramatische Kurssturz an der Hongkonger Börse in der vergangenen Woche jedenfalls hat auch in London und Frankfurt zu empfindlichen Einbrüchen geführt. Der Deutsche Aktienindex Dax, in dem die Börsenwerte der 30 größten deutschen Unternehmen zusammengefaßt werden, erlitt den schwersten Einbruch des Jahres: 200 Punkte oder 4,6 Prozent weniger. Besonders gefährdet sind dabei die Werte der Konzerne, die sich stark in Südostasien engagieren. Allerdings sollte der höchste Tageseinbruch nicht überbewertet werden. Zwar dümpelt der Dax seit August an der 4 000-Marke herum. Immerhin ist der Dax aber zuvor - Einbruch hin, Einbruch her - innerhalb weniger Monate um über 1 200 Punkte gestiegen. Und die Voraussetzungen dieses insgesamt hohen Aktienniveaus - abgeschlossene Rationalisierung der Unternehmen, niedrige Zinsen und stabiler Dollar - sind nach wie vor die selben. Dennoch bleibt nicht ausgeschlossen, daß sich die südostasiatische Währungskrise stärker als bisher befürchtet auf Westeuropa und Nordamerika auswirken könnte. Schließlich ist Hongkong nicht irgendeine Dritt-Welt-Börse, sondern der wichtigste Finanzplatz an der Schnittstelle vom wirtschaftlich boomenden China und den südostasiatischen Staaten, die den Gipfel ihres Aufschwungs bereits überschritten haben. Darüber hinaus ist die ehemalige britische Kolonie traditionell eng mit der Londoner City verbunden. Und: Das Ausmaß des Crashs läßt starke Befürchtungen aufkommen. Der Hongkonger Hang-Seng-Index fiel nach Panikverkäufen um mehr als zehn Prozent, innerhalb einer Woche hatten die Standardwerte gar ein Viertel ihres Wertes verloren. Vergleichbar ist das nur mit dem berühmt-berüchtigten New Yorker Börsencrash vor genau zehn Jahren. Damals sackten die Kurse an einem einzigen Tag um 22,6 Prozent. Hintergrund des Hongkonger Crashs ist die seit Juli anhaltende Währungskrise in Südostasien, die der Reihe nach sämtliche Staaten erfaßte. Zunächst mußten die jeweiligen Nationalbanken die Bindung an die Leitwährung, den US-Dollar, aufgeben, in der Folge wurden die Währungen um bis zu 40 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet. Ursache war die immer größer werdende Diskrepanz zwischen den realen Exportgewinnen und der Schuldenlast. Jahrelang jubelten sämtliche Neoliberale über das Wirtschaftswunder in den Tigerstaaten: Mit Niedrigstlöhnen, Steuersenkungen und dem weitestgehenden Verzicht auf staatliche Kontrolle wurde ausländisches Kapital - insbesondere japanische Banken wollten so die Verluste durch faule Kredite zu Hause ausgleichen - angezogen und damit die Exportwirtschaft, die hauptsächlich Textilien und einfache elektronische Geräte produziert, aufgebaut. Die Folge: Wachstumsraten von bis zu zehn Prozent jährlich. Das wiederum ließ neue Geldquellen sprudeln. Schließlich wuchsen die Schulden den Managern über den Kopf. In Thailand waren sie beispielsweise dreimal so hoch wie die jährliche Summe aller Einnahmen. Der ganze Spaß hatte ein Ende, als die vietnamesische und chinesische Billigkonkurrenz den Tigern immer mehr Marktanteile wegschnappte. Die Folge waren sinkende Exporteinnahmen und steigende Haushaltsdefizite, gestützt wurde das Ganze nur noch durch hohe Zinsen, die ausländisches Kapital anziehen, und den an den Dollar gekoppelten Währungen. Das allerdings konnte nicht lange gut gehen - die Abwertung begann. Um weitere Crashs zu vermeiden, versammelten sich im August in Japan die beteiligten Länder, IWF und Weltbank. Mit Milliardenspritzen wurde versucht, zu retten, was zu retten ist. Gebracht hat das außer drastischen Sparprogrammen, unter denen die Bevölkerung seitdem zu leiden hat, aber nicht viel. Erst kürzlich trafen sich die Staaten der südostasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft Asean zu einem strategische Gipfel. Zwar appellierte Malaysias Ministerpräsident Mahathir bin Mohamed an die Asean-Staaten, "die wirtschaftliche Integration voranzutreiben", um so gegenüber Währungskrisen gefeiter zu sein - herausgekommen ist allerdings nicht viel. Man bestätigte lediglich ein bereits geschlossenes Zollabbauprogramm zur Schaffung der Asean-Freihandelszone Afta. Die Hongkonger Regierung prahlte in diesem Finanz-Chaos damit, ein Hort von Ruhe und Stabilität zu sein. Schließlich verfügen Hongkong und China zusammen über rund 200 Milliarden Dollar Währungsreserven, die sie zur Stützung des Hongkong-Dollars einsetzen können. Allerdings konnte auch die Regierung der ehemaligen Kolonie nicht aus dem Teufelkreis, die eigene Währung lediglich durch immer höhere hohe Zinsen zu schützen, ausbrechen. Auslöser des Crashs war die Regierung selbst, als sie ankündigte, die Zinsen um einen halben Prozentpunkt auf sage und schreibe 9,25 Prozent anzuheben. Das Resultat war verheerend: Panikverkäufe und die Flucht in US-Anleihen. Darüber hinaus machte sich die Befürchtung breit, die chinesische Regierung würde nicht alles daran setzen, die Bindung an den Dollar zu erhalten. Daß auf regierungsamtliche Durchhalte-Parolen wenig Verlaß ist, das mußten 1992 die britische und italienische Regierung leidvoll erfahren, als Pfund und Lira aus dem Europäischen Währungssystem mit seinen festen Wechselkurs-Bandbreiten herausflogen, weil zugesicherte Stützungkäufe der Deutschen Bundesbank unterblieben, um den Weg für ein Euro-Kerneuropa zu ebnen. Und im Fall China/Hongkong kommt hinzu, daß es nicht viel nützen würde, sämtliche Reserven im Kampf gegen die spekulativen Angriffe zu verpulvern, wenn der festgelegte Wechselkurs immer mehr von der dahinterstehenden wirtschaftlichen Macht abweicht. Die drastische Abwertung der Tiger-Währungen jedenfalls verbesserte die Exportchancen der südostasiatischen Staaten, Chinas bisheriger Vorteil dürfte schwinden. Unter einer Abnahme des chinesischen Handelsbilanzüberschusses würde auch Hongkong als Handels- und Finanzdrehscheibe leiden. Hinzu treten politische Interessen, die chinesische Position zu schwächen, was eine Abwertung des Hongkong-Dollars unzweifelhaft bedeutete. Gerade weilte Chinas Staatschef Jiang Zemin in den USA, denen insbesondere das bilaterale Handelsbilanzdefizit - im August wurde es auf 5,2 Milliarden Dollar beziffert - sowie die chinesischen Waffenlieferungen an Iran und Pakistan ein Dorn im Auge sind. Wenn aber die Dollar-Bindung der Hongkonger Währung aufgegeben wird, droht der ehemaligen Kolonie der finanzpolitische Gau. Die Hongkonger Börsenszene jedenfalls stützt sich hauptsächlich einzig und allein auf horrend hohe Immobilienpreise. Dies führt nicht nur dazu, daß arme Wanderarbeiter in Doppelstockkäfigen vegetieren, weil sie sich keine halbwegs anständige Unterkunft leisten können - auch die Banken sind extrem abhängig von den hohen Immobilienpreisen, immerhin die Hälfte der Bankkredite geht in den Immobiliensektor. Fällt die Währung, fallen die Preise - und mit ihnen die Glaspaläste. Zuerst fern im Osten.