Um an die Wirkungen der Massenkultur im eigenen politischen Unbewußten heranzukommen, sollte man mehrere Filme übereinander projizieren. In meinem Fall vier: "Alt Heidelberg" (The Student Prince) mit Mario Lanza; den Beatles-Film "A Hard Day's Night"; einen sowjetischen Propaganda-Schinken über das Ende von Salvador Allende; und "Contact". 1954 übermannte mich in Montreal als 19jährigen Einwanderersohn die Schnulze "Alt Heidelberg" durch ihre in sie eingebrezelte Nationalromantik. Mit Lanzas "Strange Things Happen on a Summer Night" im Ohr hatte ich mir in wenigen Monaten die Rückfahrt verdient, war an der FU Berlin eingeschrieben und verkehrte in Wiedervereinigungskreisen. Dann riß mich 1964 in Bogot‡, als jungen Gastdozenten, "A Hard Day's Night" in die Stimmungslage für den anti-autoritären Aufbruch in Deutschland. Später, 1979 in Moskau, hämmerte ein Film, verlogen wie "Air Force One", uns, einer Intellektuellen-Delegation, ein: nie wieder eine Niederlage wie in Chile - und war nur der Auftakt zum Einmarsch in Afghanistan und zum Ende der Illusionen.
Jetzt steht der Linken mit ihrem durch Niederlagen geschärften Wissen um politische, ökonomische und soziale Weltzusammenhänge die ganze globale Massenkultur für subversive Differenzierungen offen. Ich habe selbst, in diesem Sinne, komplexe politische TV-Reportagen gemacht. Momentan empfehle ich "Contact", mit Carl Sagans Beitrag zum wissenschaftsphilosophischen Diskurs unserer Zeit.
H. J. Krysmanski ist Professor für Soziologie an der Universität Münster und macht Reportagen und Features fürs Fernsehen