04.12.1997
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Nach der Maßnahme

Überlegungen beim Wiederlesen von Maurice Merleau-Pontys "Humanismus und Terror".

In seinen "Adnoten zu Politik und Philosophie", die er mit "In der Zwischenzeit" (Wien/N.Y. 1996) überschrieben hat, zitiert der Wiener Philosoph Rudolf Burger aus Maurice Merleau-Pontys berühmtem Essay "Humanismus und Terror" ("Humanisme et terreur"; 1946/47): "(Die Diskussion) besteht nicht darin zu untersuchen, ob der Kommunismus die Spielregeln des liberalen Denkens einhält (zu offensichtlich ist, daß er das nicht tut), sondern ob die Gewalt, die er ausübt, revolutionär ist und fähig, zwischen den Menschen menschliche Beziehungen herzustellen. (Ö) Ist der Kommunismus seinen humanistischen Absichten gewachsen? Das ist die wirkliche Frage."

"Kein Mensch würde heute mehr so schreiben oder reden", kommentiert Burger. "Eine abschlägige Antwort auf Merleau-Pontys Frage scheint uns heute so gewiß, daß schon das Stellen der Frage lächerlich wirkt; damit aber auch das instrumentelle Verhältnis zur Gewalt und die Auflösung der Moral in Politik fast obszön. 1947 aber, zu Beginn des kalten Krieges, konnte Merleau-Ponty die Frage der Moral noch als eine offen politische stellen, d. h., er diskutierte sie im Rahmen eines geschichtsphilosophischen Entwurfs." Warum dieser geschichtsphilosophische Entwurf überholt ist, erklärt Burger wenige Seiten später: "Das liberal-kapitalistische Prinzip hat gewonnen und ist im Prinzip als höchstes Prinzip der gesellschaftlich-ökonomischen Organisation universal geworden."

Jedem einzelnen Satz Burgers kann ich zustimmen, aber nicht seinen Implikationen, nicht dem Zusammenhang seiner Sätze. Indem Merleau-Pontys Denken unmöglich geworden ist, hat sich das kapitalistische Prinzip als universales eingerichtet. Aber folgt das eine aus dem anderen?

Die kommunistische, oder sagen wir lieber die antikapitalistische Option ergibt sich nicht aus ihrer Wahrscheinlichkeit, sondern aus dem Wesen des Kapitalismus. Solange er fortdauert, solange besteht sie. Je mehr Leben er fordert, um so mehr gerät sie wieder in den Blick derer, die diese Leben für vergeudet halten. (Das verhielt sich auch umgekehrt so: Der Realsozialismus war so sehr auf sein Gegenüber fixiert wie dieses auf ihn.)

Auch ohne realen Sozialismus, ohne revolutionäre Perspektive, ohne geschichtsphilosophischen Entwurf bleibt die antikapitalistische Option offen, es sei denn, dem Kapitalismus gelänge es, die menschlichen Beziehungen im Sinne Merleau-Pontys zu regeln, d.h. auf seine Weise den Kommunismus herzustellen. Das erscheint mir ebenso abenteuerlich wie der Entwurf Merleau-Pontys; wahrscheinlicher ist es, daß der Kapitalismus die Frage der menschlichen Beziehungen mit der Abschaffung der Menschen beantwortet. (Ob dies nicht vielleicht das Beste wäre, darüber möchte ich lieber nicht nachdenken.) Was also ist gegen "Humanismus und Terror" einzuwenden?

Als ich das Buch vor dreizehn Jahren gelesen habe, erschien mir "die Auflösung der Moral in Politik" gewiß ebenso obszön, wie sie Burger heute erscheint. Mich faszinierte, daß sie im Medium der Notwendigkeit sich ereignete. Wie Merleau-Ponty die immanente Logik der Moskauer Prozesse erforschte und aus ihr die Unausweichlichkeit des Terrors ableitete, das hatte gleichzeitig etwas rhetorisch Bestechendes und etwas zutiefst Anrührendes: Er zeigte Kämpfer, die zugrunde gingen, weil sie das Gute wollten, aber nicht den guten Weg erkannten. Stalins Wort, die trotzkistischen Verbrecher hätten "nur ein einziges Ziel, die Politik der Partei fruchtlos zu machen und das Werk der Industrialisierung und Kollektivierung zu bremsen", ergänzte Merleau-Ponty: "Statt 'hatten nur ein einziges Ziel' sage man 'konnten nur ein einziges Ergebnis haben' oder 'eine einzige Bedeutung', und die Diskussion ist geschlossen."

Dieses Bild - der einzelne Intellektuelle, Bucharin oder Trotzki, der zwar den sozialistischen Staat fördern wollte, ihm aber, aus einem Irrtum heraus, der oftmals mehr auf Zufällen denn auf Denkschwäche beruhte, zuwiderhandelte und deshalb leider beseitigt werden mußte - rührte mich an. Eine besondere Dringlichkeit, fast eine Unwiderlegbarkeit erheischte Merleau-Pontys machiavellistische Argumentation durch diese Fußnoten-Bemerkung: "Doch wenn es gilt, zwischen einer UdSSR zu wählen, die die Geschichte 'hinters Licht führt', ihre Existenz behauptet und die Deutschen aufhält, und einer UdSSR, die ihrer proletarischen Linie treu bleibt und im Krieg untergeht, späteren Generationen ein heroisches Beispiel hinterlassend und fünfzig oder mehr Jahre Nazismus, ist es dann politische Feigheit, wenn man ersterer den Vorzug gibt?"

Inzwischen weiß der letzte, also auch ich, daß Stalin Exekutionen nicht bloß aus politischer, nicht einmal nur aus machtpolitischer Notwendigkeit anordnete. (Nicht nebensächlich ist z.B., daß Bucharin und Trotzki jüdischer Herkunft waren.) Wir wissen zwar, daß die UdSSR den Nazismus zu ersticken versuchte, aber wir wissen ebenso, daß er weiter schwelte und auch daran die UdSSR nicht ganz unschuldig war.

Dennoch können all diese Korrekturen Merleau-Pontys Denkgebäude nicht erschüttern. Das kann nur eine einzige Tatsache: Es gibt keine Partei mehr. Die Idee, es könnte eine Macht geben, die mittels Terror doch das Richtige durchzusetzen sucht, ist nur noch eine Idee. Und es ist trotz aller diabolischen Grausamkeit keine sehr schöne Idee. Das sacrificium intellectus, das gerade schlichtere Geister, die es selbst nicht bringen mußten, zur höheren Ehre der Partei den Intellektuellen abverlangten, kann niemand mehr fordern: Es gibt keine Organisation, die Grund hätte, irgendjemandem Selbstverleugnung, Selbstverdummung und Disziplin aufzuerlegen. Wer sich noch immer unter dieses Joch begibt, hat es nicht besser verdient.

Damit ist auch gesagt, daß die Gewalt, die die Opfer des Kapitalismus heute erdulden müssen, gänzlich sinnlos ist. Wer durch Stalins Schergen starb, konnte wenigstens noch mit Merleau-Ponty glauben, die bessere Interpretation der Geschichte habe gesiegt. Das ist vorbei. Aber damit ist auch jene Welt der Notwendigkeiten zusammengebrochen, wie sie uns "Humanismus und Terror" so überzeugend schildert. Und das muß man, trotz aller empirischen Widrigkeiten, für eine denkerische Chance halten.

Ich erlaube mir eine persönliche Schlußbemerkung: Lange nach meiner Lektüre von "Humanismus und Terror" lernte ich die Kommunisten persönlich kennen. Sie konnten nicht mein Denken über diese Dinge in irgend einer Weise beeinflussen, aber ihr Anblick gab mir keinen Grund zu bedauern, daß ich niemals zu den Ihren zählte.