04.12.1997
Links & Rechts, Rechts & Links

Verein freier Menschen der Volksgemeinschaft?

Plädoyer, den Kommunismus vor seinen Leninisten zu retten. Eine Antwort auf Georg Fülberth.

"Unter uns: es war gar nicht so viel", was sie "zu sagen hatten", die "beiden Westend-Philosophen". Was der Bescheidwisser da den Eingeweihten zuraunt, ist der Gemeinde schon lange Grund zum Ressentiment. Im Grandhotel Abgrund wollte sie nämlich nie absteigen; zu sehr erinnert sie Kritische Theorie an Defaitismus und Dekadenz. An ein italienisches Feinkostgeschäft in Kreuzberg etwa, das als Symbol neoliberaler Umstrukturierung ins Schußfeld der "Klasse gegen Klasse" geheißenen Kiezavantgarde rückte, die mit selbstabgedrückten Fäkalien vorzugehen pflegt.

Vorbote der Klassenherrschaft ist ihr die gesunde Koalition aus autonomer "Volxküche" und Tante Emmas Bulettenbude gegen den "Edelfraß" und seine Konsumenten, Schmarotzer am gesellschaftlichen Reichtum samt und sonders. Der Kommunismus Georg Fülberths meint weniger plastisch das gleiche: Die Klasse und ihre staatliche Selbstverwirklichung im angestammten Lebensraum. Für nichts anderes stehen bisher alle praktischen Bestrebungen, die unter dem Firmenschild Kommunismus angetreten sind.

Am praktischen Kommunismus nicht alles gut zu finden ist auch nach Fülberth zulässig, soweit man die "spezifische historische Konstellation", in der die SU existierte und unterging, berücksichtigt und füglich nach dem Weitermachen unter besseren Auspizien schielt. Diese Kokettiererei mit dem, was der Leninismus von Hegels Weltgeist übrig gelassen hat, grenzt um einer Kritik am Detail willen, die Kritik der Sache aus. Die Kritik der Sache ist, von Adorno und Horkheimer, Sohn-Rethel und einigen anderen abgesehen, von Kommunisten nie geleistet worden. Um die heile Welt der ewig optimistischen Verlierer zu retten, scheint es ihnen angezeigt, den häretischen Rest kommunistischer Kritik dem Antikommunismus zuzuschlagen. Genau dorthin expediert Fülberth Thomas Becker: "Er entscheidet sich, um seine Unlust am Kommunismus zu motivieren, für Auschwitz."

Beckers Kritik am praktischen Kommunismus und seiner leninistischen Ideologie kreist zu Recht um die Vernichtung der eropäischen Juden. Obwohl er weiß, daß sich der kommunistisch organisierte Teil der deutschen Arbeiterklasse an diesem Verbrechen kaum beteiligt hat, erklärt er ihn für mitschuldig. Er spricht nicht von den einzelnen Akteuren, sondern vom parteikommunistischen Marsch in den Volkssozialismus, der nur im nationalen Wertschöpfungskollektiv enden konnte; und staatlicher Kollektivismus beinhaltet zwingend den Antisemitismus.

Die Gleichheit, in einem sozialistischen Staat, kann nur negativ sein: Mangel, Unwissenheit und Unterordnung unter den Staat der Arbeit, der mit Lenin verkündet, daß, wer nicht arbeite, auch nicht essen solle. Der Arbeiterstaat baut seine Herrschaft auf der Fetschisisierung der täglichen Plackerei auf, die seiner Subjekte Lebenszweck sein soll. Er vergötzt das Produkt der Massenarbeit, das er in Form von Stückzahlen und Steigerungsraten als nationalen Stolz und Antrieb feiert. Geld, nunmehr sozialistische Recheneinheit, scheint im Griff, das Wertgesetz wird schöpferisch angewendet, und das Ende der Geschichte winkt als sozialistische Moral geheißene Selbstvervollkommnung.

Der Volksgemeinschaftskommunismus, den die KPD seit 1930 zum Programm erhoben hat, war antisemitisch, weil der Gebrauchswertsfetischismus im Gegner das Finanzkapital sehen mußte und aus der Loslösung dieser einen Facette vom abstrakten Ganzen der Feind als sehr konkreter Agent des Geldes erwachsen mußte. Da reichte es nicht, darauf hinzuweisen, daß die Agenten des (Finanz-)Kapitals nicht notwendig Juden zu sein brauchten, um den eigenen "Antikapitalismus" von dem der Nazis grundsätzlich zu unterscheiden.

Der gleiche Kommunismus, der in Deutschland den Nazis mit ihren eigenen Argumenten besiegen wollte, war zeitgleich in seinem eigenen Land verfolgungswahnsinnig auf der Jagd nach Schädlingen, die entweder spekulierten (NÖP) oder sabotierten (Planwirtschaft), also immer eine Verschwörung gegen die sozialistische Wertschöpfung anzettelten. Der darin aufgehobene Antisemitismus trat irrsinnigerweise am schonungslosesten nach Auschwitz offen zu Tage: Tausende sowjetischer Juden wurden zwischen 1948 und 1952 ermordet. Die Sowjetunion hat auch in ihren schlimmsten antisemitischen Zeiten keine Anstalten zur Vernichtung ihrer jüdischen Bürger in toto gemacht, wie ihr heute gerne unterstellt wird. Dennoch: Daß es einem kommunistischen Regime überhaupt möglich war, antisemitisch begründete Morde zu begehen, verweist nicht auf einen historischen Unfall (Stalin?), sondern auf die praktische Konsequenz leninistischer Ideologie.

Die selbe Ideologie zeiht heute noch Spekulanten, Miethaie, Bosse und Politiker des Anschlags auf die Interessen der produktiven und daher irgendwie auch guten großen Mehrheit, mithin der berüchtigten Verschwörung des (Finanz-)Kapitals.

Immer noch wird Volk und Nation auf der Habenseite gebucht und ein jeder zum Feind erklärt, der vom Bündnis zwischen den Staatsbürgern oben und denen unten spricht. Ein Bündnis, das nicht durch geduldige Aufklärungsarbeit zu lösen ist, weil der Irrglauben Vorsatz und der Wahn Ausdruck des Normalgangs der Vergesellschaftung unter den Wert ist. Die totale Vergesellschaftung hat auch bei ihren Kritikern die Vernunft zu einer dem kritisierten Gegenstand immanenten Kategorie verkommen lassen. Die Vernunft des Leninismus ist genauso instrumentell auf Erbsenzählerei aus wie die ihrer Gegner. Sie kann die in die gigantische Fehlkalkulation Versponnenen nicht durch die Gegenrechnung entzaubern, sondern muß sie stets neu einbinden.

Der Kommunismus als ideologische Hinterlassenschaft leninistischer Parteien und Staaten ist in Gänze zurückzuweisen. Nicht, weil er Auschwitz nicht abwehren konnte, sondern weil er es mit seinen Denkkategorien nicht hat begreifen können - weder davor noch danach - und deshalb beim erneuten Nichtbegreifen wieder mit dabei sein muß. Andernorts führt das zur ordinären nationalchauvinistischen Sorge ums Wohl der Nation. In Deutschland jedoch wird der verhaltene Antisemitismus der Leninisten immer den der völkischen Praktiker stützen, also nach Gollwitz und Schlimmerem weisen.

Kommunismus ist trotzdem nicht so heillos verstrickt in die politische Bewegung unter der roten Fahne, daß man nun abgeklärt von ihm lassen müßte. Seine theoretische Voraussetzung, die materialistische Kritik von Marx und seinen wenigen theoretischen Fortsetzern, muß vielmehr vor den leninistischen Praktikern gerettet werden. Es spricht nicht gegen den Kommunismus im negativen, also kritischen Sinn, daß mit ihm keine Anrufung der Massen zu haben und sein praktischer Erfolg heute nicht absehbar ist. Weil nur materialistische Kritik die gesellschaftliche Bewegung erfaßt und auf den kritischen Nenner bringt - und das nicht zuletzt dank der Werke der Westendphilosophen -, wird am Kommunismus festhalten müssen, wer unter gesellschaftlicher Emanzipation mehr versteht als die Lösung des Arbeitslosenproblems.