11.12.1997

Nur keine falsche Bescheidenheit!

Bescheiden, bescheiden sind sie gewesen - die Lohnabhängigen und ihre Vertreter in Deutschland, die kürzlich das klangvolle Lied vom "Ende der Bescheidenheit" (IG-Metall-Chef Klaus Zwickel) sangen. Fakt ist: Die sogenannte zurückhaltende Tarifpolitik der vergangenen Jahre, mit der die Gewerkschaften einseitige Vorbedingungen für ein "Bündnis für Arbeit" mit Kabinett und Kapital erfüllten, hat zu einer Rekord-Reallohnsenkung geführt. Das errechnete jetzt das statistische Bundesamt in Wiesbaden. Gesamtwirtschaftlich ergibt sich daraus sowie aus niedrigeren Beschäftigtenzahl, daß der Anteil der Bruttolohnsumme am Bruttoinlandsprodukt (BIP) binnen Jahresfrist von 69,8 auf 67,1 Prozent gesunken ist. Folge: Der private Konsum sank im dritten Quartal 1997 um 0,2 Prozent. Das mag zwar einige Öko-Fundamentalisten befriedigen, denen die "Wohlstandsgesellschaft" ein Verbrechen an der Natur und ihren Kreaturen ist - im Klartext heißt das aber: Die Leute können sich weniger leisten.

Daß tatsächlich eine relative Verarmung um sich greift, während das BIP und die Produktivität steigen, zeigt auch eine andere gesamtwirtschaftliche Größe: Die Sparquote sank innerhalb eines Jahres von 9,3 auf 8,9 Prozent, d.h. das weniger ausgegebene Geld kann auch nicht angelegt werden, weil es schlicht nicht da ist. Bleibt die Frage, wo der von den Beschäftigten produzierte Mehrwert hin ist? Da, wo er hingehört: Das Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen - hierbei kann man getrost die Sparbuchzinsen und die Honorare der Scheinselbständigen, die auch darunter subsumiert werden, vernachlässigen - stieg um satte 13 Prozent. Nur keine falsche Bescheidenheit!