18.12.1997

Aufholjagd im Osten

Wenn schon nicht in der ökonomischen Realität, so hat im Osten wenigstens das Wort "aufholen" Konjunktur. Aufholprozeß, Aufholjagd. Gemeint ist damit alles mögliche: die Wirtschaftskraft, die Produktivität, die Investitionen. Bis vor kurzem wurde damit auch die Angleichung der Ost- an die Westlöhne verbunden. Ein Prozeß, für den die IG Metall 1993 noch den bisher einzigen flächendeckenden Warnstreik im Osten - schließlich gab es damals noch ein paar Beschäftigte in Großbetrieben - organisieren konnte. Anlaß war die einseitige Kündigung des Stufentarifvertrags durch die Unternehmer. Nach den Massenprotesten wurde - was Linke gern als Niederlage bezeichneten - der tarifvertragliche Angleichungsprozeß zeitlich gestreckt.

Knapp fünf Jahre später sieht die Welt im Osten anders aus: In der tarifgebundenen Metallbranche gelten wenigstens 100 Prozent bei den Grundlöhnen. Wovon der Duchschnitt im produzierenden Gewerbe nur träumen kann. Erstmals seit dem Anschluß der DDR ist selbst von minimaler Angleichung nichts mehr zu spüren. Stiegen im Westen die durchschnittlichen Bruttoverdienste innerhalb eines Jahres von 5 048 auf 5 121 Mark, so erhöhten sie sich im Osten im gleichen Zeitraum lediglich von 3 712 auf 3 765 Mark, also ein prozentual sogar geringerer Anstieg als im Westen. Bleibt nur alte Hoffnung: überholen ohne einzuholen.