Die »Lindenstraße« führt schon mal in die Realität

Der 1941 in Augsburg geborene Hans W. Geissendörfer verfilmte u.a. Thomas Manns "Zauberberg" (1982) und Patricia Highsmith' "Ediths Tagebuch" (1983). Mit der ARD-Serie "Lindenstraße", die nicht zuletzt wegen ihres großen Realitätsbezugs immer wieder für Aufsehen sorgte, inszenierte er eine der erfolgreichsten deutschen Fernseh-Serien. Heute ist er mit seiner Firma Geissendörfer Film- und Fernsehproduktion Produzent der "Lindenstraße".
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Sie sind mit einem Aufruf zum Boykott von Siemens-Produkten an die Öffentlichkeit getreten

Wir haben den Aufruf gestartet, nichts von Siemens zu kaufen, solange das Unternehmen diese Nuklearpolitik betreibt, also Kernkraftwerke herstellt, plant, wartet oder ausstattet. Kernkraftwerke haben einfach einen entscheidenden Fehler: Sie sind nicht sicher, das Restrisiko bleibt immer. Dabei könnte es auch energieerzeugende Werke geben, die nicht in diesem schrecklichen, weltvernichtenden Ausmaß gefährlich sind. Wenn heute ein Signal von Siemens käme, daß sie ihre Aktivitäten einstellten - meinetwegen auch durch einen langsamen Ausstieg etwa innerhalb von drei oder fünf Jahren -, dann würden wir natürlich jubeln und den Boykott aufgeben.

Es gibt ja auch andere Unternehmen, die am Atomgeschäft verdienen. Warum boykottieren Sie gerade Siemens?

Siemens ist das stärkste Unternehmen und agiert global auf dem Weltmarkt, ein Riesenkonzern. Das Erstaunliche ist, daß der Umsatz, den Siemens mit dem Atomgeschäft macht, im Vergleich zum restlichen weltweiten Umsatz äußerst gering ist. Der Verzicht auf diesen Bereich wäre für den Siemens-Konzern daher nicht so ein großes Problem. Es geht um Politik, um Image, um Macht.

Was treibt Sie persönlich zu Ihrem Engagement gegen Atomkraft?

Angst. Ganz einfach Angst, daß es schief geht. Ganz egoistisch: Ich habe Kinder. Für die mache ich das und für die vielen anderen Menschen, die sich nicht trauen oder deren Stimme nicht gehört wird. Von dem Tag an, an dem ich zum erstenmal mit Atompolitik konfrontiert wurde - schon als ganz junger Student -, habe ich versucht, dagegen anzukämpfen. Auch in der Fernsehserie "Lindenstraße" gibt es ein großes Thema, und das ist Anti-Atom. Wir hatten es mal ein Jahr lang nicht dringehabt, aber ansonsten ist es mal verstärkt und mal weniger stark drin, aber es gehört zu meinem Denken wie das Vaterunser.

Haben Sie auch in den Siebzigern und Achtzigern schon an den Anti-AKW-Demos teilgenommen?

Ja, teilweise auch meine Mitarbeiter. Wir haben uns auch ab und zu mal wegtragen lassen. Wir haben alles gemacht, was in diese Richtung geht. Nur bei den Castor-Transporten war ich jetzt nicht aktiv. Das Zersägen von Schienen finde ich nicht richtig, weil da auch Gefahr produziert wird. Ich habe die wirksamen oder wenig wirksamen Mittel, die ich beherrsche, also Schreiben, Filmemachen, Fernsehenmachen, immer dazu "mißbraucht", meine Meinung zu äußern.

Glauben Sie wirklich, daß man mit einem Warenboykott einen Großkonzern in die Knie zwingen kann?

Wenn er von vielen, vielen, vielen Menschen getragen wird, mit großer Sicherheit. Denn nirgendwo tut es denen mehr weh als beim Geld. Zwar stellt der deutsche Markt nur einen sehr kleinen Anteil am Weltumsatz von Siemens dar, und wir erreichen mit dem Boykott vielleicht davon fünf Prozent. Aber das ist so ähnlich wie mit den Shell-Tankstellen damals. Wie begründet oder nicht begründet dieser Protest von Greenpeace war -er hat dem Konzern doch weh getan. Shell hat reagiert. Wir, die jetzt den Siemens-Boykott tragen, sind natürlich nicht so stark wie Greenpeace, weil Greenpeace eine ganz andere organisatorische Struktur hat. Aber ein bißchen Hoffnung haben wir schon, daß ein paar Leute nachdenklich werden.

Siemens ist ja nicht nur wegen seiner Atomgeschäfte in Verruf, sondern auch wegen der verweigerten Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter. Würde das nicht auch einen Boykott rechtfertigen?

Ich glaube, da muß man denken, wie bei einem Drehbuch. Ein guter Plot hat immer ein großes Motiv. Man sollte die Motive nicht mischen. Eins nach dem anderen. Das eine würde in der Wirkung sonst das andere erschlagen. Hier geht's um Atomkraftwerke. Bei dem anderen Thema könnte ich mich zwar solidarisch erklären, aber im Augenblick geht es nicht darum.

In der Lindenstraße gab es ja schon einmal einen Aufruf zum Stromboykott. Benni hatte damals die Zuschauer aufgefordert, alle Fernseher für fünf Minuten abzustellen. Hat das denn damals etwas bewirkt?

Das gehört zur Tradition meiner Arbeit. Der Benni hat sehr viel bewirkt mit dem Töpfer-Protest, der heute schon Legende ist. Da hat die Fiktion der "Lindenstraße" in die Realität übergegriffen. Das Styropor-Kernkraftwerk in Töpfers Vorgarten war Meldung in der "Tagesschau" und gleichzeitig dramatischer Inhalt der "Lindenstraße". Solche Dinge erreichen nicht, daß sich die Welt ändert - man regt bestenfalls zum Nachdenken an. Das ist, wie wenn Sie eine gute Zeitung machen. Wenn man Glück hat, diskutieren es die Leute.

Wird denn der Siemens-Boykott auch eine Rolle spielen?

Nein. Das geht ja nicht. Auch wenn das negativ besetzt wäre, würde das ein Product Placement sein. Wir dürfen keine Firmen nennen. Das ist mit Recht verboten. Wir nehmen ja auch keine Bundestagsabgeordnete oder Minister, die für die Wahl Propaganda machen wollen, in die Serie.

Würden Sie die Kampagne derart unterstützen, daß das Thema AKW wieder in die Serie eingebaut wird?

Das schließe ich nicht aus, aber das dauert. Die Kampagne hat mit der "Lindenstraße" erstmal überhaupt nichts zu tun. Das sind zwei Paar Schuhe.

Vor der letzten Bundestagswahl hat Klausi oder Benni ziemlich lange über einen Wahlboykott nachgedacht.

Warten Sie mal ab, was wir uns zur nächsten Wahl einfallen lassen! Wir sind bereits in der Vorbereitung und in der Vorproduktion der Ereignisse, die es vor der Bundestagswahl in der "Lindenstraße" geben wird. Aber darüber darf ich leider nichts sagen.

Aber die Wahlen werden eine größere Rolle spielen?

Klar, wie jedes Mal spielt auch die Wahl eine Rolle, auch die Frage, geht man dahin oder nicht. Das ist ja das, was Sie oder ich auch diskutieren.

Die "Lindenstraße" als Aufklärungssendung, als "Sesamstraße" für Erwachsene. Man erreicht schließlich viel mehr Leute als über ein Flugblatt.

Wir waren beispielsweise die ersten, die das Thema Aids größer thematisiert und dabei eine wichtige Informationsarbeit geleistet haben. Die "Lindenstraße" hat Leute erreicht, die über die normalen Zeitungsartikel oder die Postwurfsendungen des Bundesgesundheitsministeriums nicht zu erreichen sind. Aber in der "Lindenstraße" sah man einen HIV-positiven Helden, bei dem die Krankheit ausbricht und der diesen grausamen Weg bis zum Ende geht, da konnten die Zuschauer mitleiden und miterleben, wie es ablaufen kann. Da wurden enorm viele Informationen übermittelt, wieso er die Krankheit hat, wie man sich schützen kann und so weiter.

Betrachten Sie Ihren Job eher als künstlerische oder als aufklärerische Aufgabe?

Wir wollen erstmal gut unterhalten. Daß in der "Lindenstraße" jede Figur eine Meinung hat, das war der Wille der Autoren und Macher, und das hat sich bewährt. Es gibt ja nicht nur eine Meinung in der Lindenstraße, eine Linke oder sonstwie besetzte. Sondern es gibt viele Leute, die viele verschiedene Meinungen haben und diese laut sagen. Da wird auch diskutiert.

Wir fragen uns gerade alle besorgt, wie es der abgeschobenen Mary in Nigeria geht. Wird Vasily sie finden? Kommt sie zurück nach Deutschland?

Ich darf dazu eigentlich nichts sagen, aber ich will's mal so formulieren: Die Liz ist eine so gute Schauspielerin und die Mary eine so gute Figur, daß man nicht ohne den Zwang überirdischer Mächte auf sie verzichtet.

Ach, wissen Sie übrigens, daß Sie gerade Ihren eigenen Boykott brechen?

Nein, wieso?

Wir telefonieren hier mit einem Siemens-Telefon.

Sie vielleicht, ich habe hier ein Alcatel. Aber ich habe zu Hause eine Waschmaschine von Siemens.

Und die steht jetzt still?

Nein, ich stelle die jetzt nicht in den Keller und kaufe eine neue. Es geht bei dem Boykott natürlich um die Neuanschaffung. Die alte Waschmaschine werde ich benutzen, bis sie kaputt geht.