08.01.1998
Goldhagen und die antinationale Linke

Marx & Lenin leben nicht in Gollwitz

In welcher Tradition steht die linke Rechtfertigung des Antisemitismus?

"Pressegeier über Gollwitz" hatte die Berliner junge Welt im Oktober des vergangenen Jahres getitelt, "Gollwitz und die Heuchler" im selben Monat die Hamburger Zeitschrift analyse & kritik. Für die mit antisemitischen Statements gewürzte Ablehnung der Aufnahme jüdischer Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion in dem brandenburgischen Dorf zeigten beide Zeitungen Verständnis, denn ihrer Meinung nach ist der dort zutage getretene Antisemitismus letztlich sozial motiviert, womit gesagt sein soll, daß er durchaus einen "guten Kern" enthält: Es komme nur darauf an, die Wut dieser "zu kurz gekommenen Deutschen" gegen die zu richten, gegen die sie sich möglicherweise unbewußt auch richte - gegen die "Reichen & Mächtigen". Dafür, daß es bisher zu dieser Konsequenz noch nicht gekommen ist, seien nicht zuletzt jene - offenbar einflußreichen - antinationalen Positionen verantwortlich zu machen, die sich "wieder einmal ihre Wut und ihr nutzloses Besserwissen von der Seele" schreiben, für die Gollwitz nur ein weiterer Anlaß sei, sich "von jeder Form sozialistischer Politik zu verabschieden". Diese Antinationalen, die nicht wahrhaben wollen, daß die "ideologischen Sünden der Gollwitzer" im Vergleich zu einer "dividendengeilen Privatisierung" oder gar zu den Sünden eines "von den Gesetzen der Profitmaximierung gesteuerte System" letztlich geringfügig sind, hätten sich nicht nur "im bürgerlichen Leben ganz schön satt eingerichtet - satter jedenfalls als viele der Gollwitzer", sondern sie pflegten sogar einen "biologistisch begründeten Rassismus gegen die unteren Schichten", indem sie den "spontanen, primitiven Protest" in Gollwitz "dämonisieren" und jeden "antikapitalistischen Ansatz" in dieser Sache "in den Verdacht der Komplizenschaft" bringen. Mit anderen Worten: Diese antinationalen Linken strafen "sämtliche sozialen Konfliktfelder" mit ihrer Abwesenheit. Sind sie dann doch einmal vor Ort, z.B. bei einer Demonstration in Gollwitz, dann nur, um dort anmaßende "Lektionen in Antisemitismus" zu erteilen.

Unübersehbar steht diese Rechtfertigung des "spontanen" Antisemitismus der "kleinen Leute" in einer wohlbekannten linken Tradition: Die beiden Zeitungen ziehen offenbar nur eine weitere Konsequenz aus ihrer grundsätzlichen Ausrichtung am "Volkswillen". Es handelt sich sozusagen um Kundendienst. Weil sie sich immer schon als Anwälte der "Zukurzgekommenen" verstehen, deren "objektive Interessen" ihnen als tendenziell progressiv gelten, weshalb sie diese unter dem Titel "soziale Frage" politisieren wollen, kommen sie nicht umhin, auch den widerwärtigsten "Volksmeinungen" eine gute Seite abgewinnen zu müssen. Während sie zunächst vielleicht nur nicht allzu laut widersprechen wollen, gehen sie unter bestimmten Umständen zur offensiven Affirmation über.

Nun könnte man denken, daß es sich bei der erwähnten wohlbekannten Tradition um nichts anderes als den Marxismus selbst handelt. Und wenn schon nicht um den "originären" Marxismus, so doch zweifellos um seine als "Leninismus" bzw. "Marxismus-Leninismus" bekannten Spielarten. So argumentieren jedenfalls die meistens Autoren des Jungle World-Dossiers "Links & Rechts" vom 4. Dezember 1997. Und sie ziehen daraus entsprechende Konsequenzen: Thomas Becker plädiert für den Abschied vom Kommunismus, Justus Wertmüller möchte so weit nicht gehen und wenigstens die "materialistische Kritik von Marx" vor den "leninistischen Praktikern" retten, während Jürgen Elsässer auf den warenförmigen Hedonismus setzt und - wohl in Unkenntnis der nationalisierten Formate dieses Senders - "MTV-Konsum statt ML-Lektüre" für die angemessene antinationale Praxis hält.

Was wir diskutieren wollen, ist folgendes: Die Rechtfertigung des Antisemitismus in Gollwitz durch linke Zeitungen ist weder bei Marx noch bei Lenin angelegt. Daß sie auch nicht aus der kommunistischen Praxis folgt, die sich auf die beiden linken Theoretiker beruft, zeigt der politische Werdegang der drei Kritiker selbst, wie auch die Tatsache, daß die antinationale Linke vor allem aus der ML-Linken entstanden ist. Das liegt daran, daß es eine homogene kommunistische bzw. linke Praxis nie gab. Der "Kommunismus" ist mehr als eine Sammlung von Erkenntnissen und Lehrsätzen. Er stellt ein politisches Wissen dar, das nicht einfach Anwendung von Theorie ist, sondern eine Mischung aus Verhaltensweisen, sozialen Strategien und theoretischen Aussagen. Mit Foucault könnte man sagen, daß er eine Mischung aus diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken darstellt, die in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedliche Bedeutung haben.

So war zum Beispiel Mitte der sechziger Jahre, als die Angehörigen der faschistischen Tätergeneration junge Leute zum Checkpoint Charlie karrten, um ihnen unter Hinweis auf die "Maueropfer" eine Abscheu gegen die "jüdisch-bolschewistische" Weltrevolution einzuimpfen, "Kommunist-Werden" die äußerste Gegenposition. Radikalität ist immer eine relationale Größe. Links-Sein ist eben nicht einfach das Bekenntnis zu einem Kanon, sondern ein sozialer (Sprech-) Ort, den man in einer bestimmten Situation einnimmt. Daß die individuellen Motive, die dabei am Ausgangspunkt existieren, in der schließlich öffentlich vertretenen Meinung an Gewicht verlieren, weil sie sich in einen Kanon einfügen müssen, der schon vorher existierte (z.B. den der "kommunistischen Weltbewegung"), läßt diese Motive noch lange nicht verschwinden. Und wie alle mehr oder weniger scholastischen Systeme bot auch der "Kommunismus" seinen Anhängern immer ein recht breites Interpretationsfeld, so daß sich in diesem Rahmen zum Beispiel antinationale und sogar ausgesprochen "massenfeindliche" Motive erhalten konnten. Unter Berufung auf Liebknecht ("Der Hauptfeind steht im eigenen Land") oder Lenin ("Wie von den Demokraten das Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von den Sozialchauvinisten das Proletariat") war dies jederzeit möglich. In den linken Richtungskämpfen fanden sich für nahezu jede Position stets einige passende Klassikerzitate. Selbst die "Ökolinken" der achtziger Jahre sind da noch fündig geworden.

Die Haltung von ak und junge Welt zu Gollwitz folgt demnach nicht zwingend aus dem "Leninismus". Justus Wertmüllers These, daß der "Leninismus" mit seinen Denkkategorien Auschwitz nicht habe begreifen können, ist trotzdem nicht abzulehnen. Welches aber sind diese Denkkategorien? Ist es ganz allgemein der positive Bezug auf die Aufklärung? Ist die "kommunistische Utopie" grundsätzlich mit jenem "revolutionären Pessimismus" unvereinbar, der allein sich gegen eine Rationalisierung des Irrationalen sperren kann? Oder sind es einzelne theoretische Fehlleistungen, wie z.B. die leninschen Ausführungen zum Finanzkapital? Zu fragen wäre auch: In welcher Beziehung steht eigentlich das, was Wertmüller als leninistische "Ideologie" bezeichnet, zu dem, was er die "Bewegung unter der roten Fahne" nennt? Ist die "Bewegung" die praktische Anwendung einer "ursprünglichen" theoretischen Grundlegung, oder stellt sie eine zugleich diskursive (revolutionäres Wissen) und nicht-diskursive (Ereignisse, Entscheidungen, Taktiken, verborgene soziale Zwecke etc. ) Praxis dar, die sozusagen im Prozeß einer "zweiten Theoretisierung" die "authentischen" Klassiker immer wieder überschreibt? Könnte es also sein, daß die Ableitung von "Gollwitz und die Linke" aus Lenins Kategorien ebensowenig gelingt wie die Ableitung des Gulag aus dem Kategoriensystem von Hegel, die Glucksmann schon 1977 versucht hatte?