08.01.1998
Goldhagen und die antinationale Linke

Marxismus als Weltanschauung

Gibt es antisemitische Tendenzen bei den Klassikern?

Es ist wohl "materialistischer", die Dinge so zu sehen: Die "Bewegung" hat, entsprechend ihren praktischen Bedürfnissen, aus Marxens Kapitalismuskritik eine Weltanschauung gemacht - den "Marxismus", den "Marxismus-Leninismus", den "Freudo-Marxismus", die "Neue Linke", den "Euro-Kommunismus", die "Ökologische Linke" etc. Der authentische Marx hat sie nie sonderlich interessiert und wenn, dann glaubte sie, mit dessen Kategorien schnurstracks und ohne vermittelnde Kategorie (Geschichte, Politik, Psychologie etc. ) auf die Wirklichkeit losgehen zu können. In dieser Hinsicht ist Thomas Beckers polemischer Seitenhieb auf die Kapital-Schulungen durchaus berechtigt, nicht nur, weil von diesen Schulungen Fingerzeige für die unmittelbare Praxis erwartet werden, sondern weil am Ende auch noch Auschwitz aus dem Wert abgeleitet werden soll, was ein Wahnsinn ist.

Völlig unberechtigt war dieser Zugriff auf Marx allerdings nicht, weil der seine "Theorien" tatsächlich zunächst als "Bewegungslehre" entworfen hatte: Als junger Philosoph, der sich einen Namen machen wollte, war er sehr darauf bedacht, seinen "Ansatz" als ehrenwertes Bemühen um die kritische Weiterentwicklung des philosophischen Diskurses in eben diesen einzubringen. Den Kontrahenten, mit denen er sich verglich, warf er gerne "Unkenntnis" und "Nachlässigkeit" vor, sich selbst stellte er hingegen als grundsoliden Erben der besten philosophischen Gedanken heraus. Die Texte jener Zeit, die sogenannten Frühschriften, sind deshalb auch heute noch eine Fundgrube für Leute, die im Marxismus vor allem eine Weltanschaung sehen wollen, mit deren Hilfe sich nahezu das gesamte Weltgeschehen erklären läßt. Fast alle "geschichtsphilosophischen" Marxschen Wegweisungen sind in diesen Frühschriften versammelt: die "Entfremdung", die "dialektische Methode", die "unvermeidliche Umwälzung", die "materialistische Geschichtsauffassung" ("Rad der Geschichte", "Misthaufen der Geschichte", "Tendenz", die unausweichliche "Notwendigkeit", mit der sich die "welthistorischen Gesetze" angeblich durchsetzen), die hegelianische Spekulation über "antagonistischen Widersprüche", die wie Zeitbomben in der Gesellschaft ticken, die Erhöhung der arbeitenden Klassen zum geschichtlichen Subjekt etc. Diese philosophischen Höhenflüge des jungen Marx, die mit Kapitalismuskritik nicht viel zu tun haben und deshalb im "Kapital" kaum noch vorkommen, prädestinierten Marx zum Traditionsstifter eines weltanschaulichen "Marxismus". Da fragt man sich schon, an was Justus Wertmüller denkt, wenn er ausgerechnet Marxens "Methode" ("die materialistische Kritik") vor den "Leninisten" retten will?

Friedrich Engels, der nach dem Tod von Marx besonders in der deutschen Arbeiterbewegung einigermaßen einflußreich war, hat solche "weltanschaulichen" Versprechungen leider nicht nur popularisiert, sondern sie auch noch durch eigene falsche Schlußfolgerungen aus der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie ergänzt. Wo Marx jede Personifizierung des Kapitalverhältnisses vermieden hat, entdeckte Engels in "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" unter den Kapitalisten "eine kleine Bande von Kuponschneidern" und einige böse "Monopole". Das sind Gedanken, die uns später bei Lenin wieder begegnen, der in seiner Imperialismus-Schrift die antimarxistische Kategorie "Wucher" einführt und moralisch zwischen seriöser industrieller Ausbeutung und dem "parasitären" Treiben einer couponschneidenden "Finanzoligarchie" (heute: "Casinokapitalismus") unterscheidet. Auch wenn Engels und Lenin ganz gewiß keine Antisemiten waren, so haben sie auf diese Weise doch dem Diskurs der "ehrlichen Arbeit" Vorschub geleistet, für den die Arbeiterbewegung ohnehin anfällig war und der mit dem antisemitischen Diskurs leicht zu koppeln war.

Auf den Diskurs "ehrliche Arbeit versus Couponschneider" beziehen sich heute viele Linke, die die Kapitalismuskritik als "soziale Frage" mißverstehen, weil sie davon überzeugt sind, daß da ein Problem ist, dem der Kapitalismus nicht gewachsen ist, für dessen Lösung Linke hingegen einige Vorschläge zu bieten haben. "Soziale Frage" meint, daß die Linke sich zum Anwalt der "sozialen Probleme" machen sollte, damit sich das Los der Lohnabhängigen verbessert. Daß man dabei die "Widersprüche", "das Wertgesetz" oder die "geschichtliche Tendenz" auf seiner Seite weiß, gibt dieser Arbeit eine hoffnungsstiftende Perspektive, aus der noch die kleinste oppositionelle Regung als "konkreter Teilerfolg" und Schritt in die richtige Richtung zu erkennen ist.

Andererseits: Gegen diese Sicht der Dinge wird nicht erst seit heute von linker Seite polemisiert. Auf derselben "Grundlage" sind also - gerade weil "Marxismus" auch eine Kette von "Ereignissen" ist - geradezu entgegengesetzte Schlußfolgerungen möglich, weshalb die von den drei Autoren aufgestellten Kausalketten zwischen "Ideologie" und "Bewegung" nicht überzeugen können. Am "späten" Marx orientierte linke Kritik an den Frühschriften sowie eine Kritik an den Schriften von Engels und Lenin existiert seit Jahrzehnten. Gleichzeitig hat sich erwiesen, daß auch die Kritik am Gebrauchswertfetischismus des "Arbeiterbewegungsmarxismus" wieder zurückgebunden werden kann an eine werttheoretisch gestylte Geschichtsphilosophie. Und dieser Strukturdeterminismus scheut dann nicht davor zurück, Auschwitz direkt aus dem Wertbegriff "abzuleiten" und darüber das Irrationale doch noch zu rationalisieren: "Keineswegs läßt die Wertkategorie - als eine Art diskursiver Trick - Auschwitz verschwinden, sondern es bringen erst die rauchenden Krematorien die barbarische Potentialität der Wertvergesellschaftung zum Vorschein." (Uli Krug in Bahamas, 18).

Die Kritik am sozialistischen Staat der Arbeit und am Volksgemeinschaftskommunismus der KPD der dreißiger Jahre führt somit, insbesondere wenn sie als Ideologiekritik (Wertmüller) bzw. als bürgerlicher Universalismus (Becker) daherkommt, keineswegs zu der "Quelle", an der der linke Antisemitismus entspringt. Die Pointe besteht nämlich darin, daß es eine solche Quelle, heiße sie nun "Gebrauchswertfetischismus" oder "bürokratisch erzwungenes Kollektiv" überhaupt nicht gibt. Antisemitismus ist eben weder "falsches Bewußtsein" noch eine essentialistische Identität, sondern entsteht durch die Koppelung verschiedener Diskurse, die an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden ist.

Wie das geht, zeigt beispielsweise die Geschichte der Zusammenfügung der unzähligen heimattümelnden, Natur und Handarbeit verehrenden, reaktionären, antimodernen, völkischen, nationalistischen und "alldeutschen" Kulturschutzgemeinschaften, Wandervögeln und deutsch-christlichen Pfadfindergruppen in dem von Alfred Rosenberg geleiteten "Kampfbund für deutsche Kultur": Erst im Verlauf einer gegenseitigen Durchdringung der diversen Ressentiments gegen moderne Kunst sowie ihrer Verknüpfung mit den aktuellen politischen Auseinandersetzungen, konnte sich die Bezeichnung "jüdisch-kulturbolschewistisch" durchsetzen, was wiederum die Voraussetzung dafür war, daß eine Hetzkampagne, die zu Beginn nur die mit Kunst befaßten Oberschichten interessierte, schließlich wesentliche Stichworte für den Straßenterror der Faschisten liefern konnte. Auch hier kommt es auf die "Ereignisse" an. Die politischen Voraussetzungen für die Koppelung der unterschiedlichen Diskurse müssen gegeben sein und die einzelnen Diskursstränge müssen eine hinreichende Reproduktionsstärke und Kompatibilität erreicht haben. Ob z.B. die Diskurse "Esoterik", "Sterbehilfe", "Ausländerkriminalität" und "Spekulation" sich gegenseitig durchdringen und als interdiskursive Formation Hegemoniefähigkeit erreichen können, hängt von vielen Umständen ab. So wie es einige Jahre dauerte und besondere politische Bedingungen vorhanden sein mußten, bevor der bis dahin nur unter reaktionären Medizinern übliche Begriff der "Entartung", erstmals 1893 in der Kulturkritik und später bei den Faschisten auftauchen konnte, so benötigte man mehr als zehn Jahre, um aus dem (christlich konnotierten) "Flüchtling" den "Asylanten" zu machen (erstmals 1980 in einer Bundesdrucksache) und schließlich daraus an den Stammtischen die "Asylantenflut". Aber erst nach dem Ereignis deutsche "Wiedervereinigung" war es möglich, das Recht auf Asyl praktisch abzuschaffen.

Überträgt man diese Überlegungen auf den Genossen Lenin und seine fragwürdigen Ressentiments gegen "Wucher" und "Finanzoligarchie", so bieten sich zwei Schlußfolgerungen an: Zweifellos hat Lenin (via Engels und Hilferding in diesem Fall) unbesehen Elemente eines antisemitisches Dikurses in seine Schriften aufgenommen, aber er verfolgte damit keine antisemitische Strategie. Vielmehr war Lenins eigener Diskurs auf die Beendigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gerichtet und somit auch gegen nationalistische, rassistische und antisemitische Bestrebungen. Die antisemitischen Konnotationen der Kategorie "Finanzoligarchie" hätten sich also in diesem Diskurs nicht entfalten und mit anderen reaktionären Diskursen verbinden können.