22.01.1998
Böhse Sockenz

Fascho-Partys statt Fascho-Parteien

Die kulturellen Hegemoniebestrebungen Rechtsextremer in Ostdeutschland.

Nach den Verboten rechter Organisationen ist es zu einer Umstrukturierung innerhalb der Szene gekommen. Ziel ist es nunmehr, in die Alltagskultur einzudringen und möglichst viele Lebensbereiche zu beherrschen. Deshalb haben sich die Kader der im Untergrund arbeitenden Neonaziorganisationen darauf konzentriert, örtliche Kameradschaften aufzubauen. Von ihnen geht eine große Wirkung auf die Masse der Jugendlichen aus.

Dies hat zwei Gründe: Zum einen können sie Identität und Sinn stiften, da die rechten Jugendlichen und ihre Kameradschaften mit ihren klaren Botschaften und ihrem selbstbewußten Auftreten auf Unentschlossene sehr attraktiv wirken. Hierzu gehört auch eine entwickelte Jugendkultur mit Rockmusik, Kleidung und Jugendsprache. Zum anderen setzt das rechte Weltbild auf Wertvorstellungen und Lebensgefühle, wie sie auch von sehr vielen Erwachsenen in Ostdeutschland geteilt werden. Es entsteht ein rechtsextrem orientiertes Lifestyle-Syndrom. Das so entstandene Gesamtklima hat sich nur scheinbar weit von der organisierten Rechten entfernt.

Seit etwa anderthalb Jahren ist die so aufgebaute rechte Bewegung kontinuierlich angewachsen. Sie ist bei männlichen Jugendlichen besonders wahrnehmbar, da diese sich auch in ihrem Outfit, d.h. Kleidung und Haarschnitt, offen zu ihrer Haltung bekennen. Dabei gibt es Unterschiede zwischen Intellektuellen, Schlägern und Fußvolk, deren Stil der Rolle entsprechend variiert. Grundsätzliche Merkmale bleiben jedoch bei allen gleich.

Die hier bekundete Haltung enthält folgendes: Der Träger ist national gesinnt, ausländerfeindlich und gewaltbereit. Das bedeutet, daß der Jugendliche grundsätzlich jede andere Form der Regelung und Macht wie Demokratie und Staatsgewalt für nicht relevant hält und selbstverständlich die Gewalt seiner Gruppe zum Ordnungsfaktor erklärt. Die Ungleichheit der Menschen wird mit biologistischen und rassistischen Vorstellungen belegt und das Nationale enthält immer ein revidiertes Geschichtsbild einschließlich der Rehabilitation Hitlers.

Diese Haltungen verbreiten sich schnell, da sie auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Jugendliche werden gedrängt, sich politisch zu positionieren. Wenn sie ein anderes, nicht rechtes Weltbild vertreten oder nur auf eine andere Jugendkultur bestehen, die als undeutsch deklariert wird, werden sie massiv bedroht. Die so in die Enge getriebenen Jugendlichen haben meist keine Chance gegenüber den aggressiven Rechten.

Ihnen bleiben demnach meist nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie weichen zurück, d.h. sie verlassen die Stadt, die Nachbarschaft, den Stadtteil oder den Jugendclub, oder sie suchen Schutz durch Teilhabe an der Macht. In einzelnen Fällen können sie auch mit einer Duldung rechnen, wenn sie ihre Aktivitäten nicht in Konfrontation zu den Rechten und in aller Stille vollziehen. Diese Jugendlichen, deren Ansicht zu Ausländern moderat und liberal und deren Äußeres eher artig als wild wirkt, werden von den Rechten als "Zecken" verfolgt und von den Behörden als links bezeichnet. Wirkliche linke Autonome gibt es kaum in Ostdeutschland.

Durch die Mischung von Gewaltdrohung und Attraktion gelingt es, in immer mehr öffentlichen Räumen eine kulturelle Hegemonie Rechter zu erwirken. In diesen Räumen entsteht eine Art Kontrastgesellschaft, in denen es für alle, nicht nur für die Rechten selbst, als normal angesehen wird, rechtsorientierte oder rechtsextreme Einstellungen zu haben. Dies wird durch mehrere Faktoren begünstigt und kann im konsequentesten Fall zur Schaffung einer, wie die Rechten es selbst nennen, "national befreiten Zone" führen. Wie eine solche Eroberung vor sich geht, läßt sich in zehn Schritten zusammenfassen:

1. Jugendliche langweilen sich, trinken, reden den Stammtischen und den Eltern hinterher und entdecken die Fremdenfeindlichkeit als große verbindende Gemeinsamkeit. Durch Präsenz und Gewalt beginnen sie, öffentliche Räume zu besetzen, wie Schulklassen, Kneipen, Jugendklubs. Sie tauchen auf, drohen, verschwinden.

2. Die Schulklasse, der Jugendklub, die Kneipe werden nach und nach mit ihren kulturellen Werten und Zeichen besetzt. Die Diskussionen bekommen eine andere Richtung, bestimmte Musik wird nicht mehr, andere nur noch gespielt. Rechte Symbole tauchen auf.

3. Andersdenkenden werden schleichend oder brutal aus diesen öffentlichen Räumen verdrängt. Das heißt, wo es sich Jugendliche gemütlich machen, die mit einem Palästinensertuch o.ä. gekleidet sind, werden sie so oft angegriffen, bis sie nicht wieder erscheinen.

4. Sozialarbeiter, Lehrer, Clubleiter werden mit diesen Problemen alleingelassen und können oft gar nicht anders, als dieses Phänomen als Einzelfall, ja Einzelschicksal zu sehen und die Jugendlichen als Opfer zu betrachten. Gegenwerte existieren nicht, daher liegt es für die betreuenden Personen nahe, das Problem zu verdrängen, zu psychologisieren und zu verharmlosen.

5. Die inzwischen ermutigten Gruppen beginnen das Wohngebiet zu terrorisieren, vor allem durch junge, aggressive Neueinsteiger, auch "Kniebeißer" genannt, die andere Kinder einschüchtern und bedrohen, die wenigen Ausländer belästigen und angreifen. Für alle Jugendlichen setzen sie ein Signal, das zu einer Entscheidung zwingt. Entweder ziehen sich die Jugendlichen am Ort zurück, nehmen einen konfrontativen Kurs ein oder verlassen das Wohngebiet, oder aber sie passen sich an. Bernd Wagner nennt es: Schutz durch Teilhabe an der Macht. Und dem Prinzip der kognitiven Dissonanz folgend, glauben die Jugendlichen bald, was ihnen die übrigen vormachen, folgen dem Sog und beginnen, sich unter bestimmten Umständen einzulassen.

6. In den betroffenen Kommunen wird häufig mit dem sogenannten Hoyerswerda-Syndrom reagiert. Dieses Syndrom bezieht sich nicht etwa auf rechte Gewalt und ihre Auswirkungen auf ihre Opfer, sondern um die unzumutbare Stigmatisierung einer ganzen Stadt. Nach dem Motto: Wir sind nicht Hoyerswerda und wollen auch nicht, daß wir ständig in die Schlagzeilen kommen! Bei uns gibt es kein Problem! So leisten viele Kommunen der Entwicklung einer rechtsextremen Szene ungewollt Vorschub. Sie halten daran fest, daß es sich um Einzelfalltäter handelt, die Opfer der Einheit Deutschlands sind, und daß die Presse unverhältnismäßig reagiert.

7. Die städtische Jugendpolitik setzt natürlich auf die im Westen schon nicht mehr funktionierende Politik der offenen Jugendarbeit. Die ist durch die Einheit so eingeführt worden, in Gesetzen und Zuständigkeiten festgelegt, und so wird es gemacht. Offene Jugendarbeit heißt, daß offene Einrichtungen von jedem Jugendlichen genutzt werden können, daß jeder sich des öffentlichen Raumes bedienen kann wie er will, unterschiedslos. Logischerweise setzt sich dann diejenige Gruppe von Jugendlichen durch, die am effektivsten organisiert ist, sich am wirkungsvollsten exponiert und keine Skrupel hat, Gewalt anzuwenden. Das Publikum in den Clubs, wenn es unauffällig ist und nicht protestiert, kann bleiben und weitermachen. Engagierte Jugendliche jedoch mit humanistisch-liberalen Einstellungen, von den Rechten "Zecken" genannt, ein Synonym für Linke, können sich dort nicht mehr treffen. Wehren sich diese engagierten Jugendlichen jedoch, werden sie in der Kommune für die Unruhe verantwortlich gemacht, wie die Überbringer einer schlechten Nachricht für die Nachricht selbst. Die Rechten dagegen, meist von biederer Aufmachung und Lebenseinstellung, werden in den Kommunen gern als Ordnungskräfte beschäftigt.

8. Wenn kommunale Entscheidungsträger nach Gewaltanschlägen nun die Polizei fragen, wie sie die Dinge einschätzt, neigt diese meist zum Abwiegeln und bezeichnet die Übergriffe als "Konflikte zwischen rivalisierenden Jugendgruppen oder Einzeltätergewalt ohne erkennbaren politischen Hintergrund". Denn was besagt schon ein "Sieg Heil"-Ruf beim Überfall auf ein Zeltlager, wenn die jugendlichen Täter bei der Befragung hinterher versichern, sie seien unpolitisch.

9. Erst langsam und meist nachdem die Öffentlichkeit aufmerksam geworden ist, dringen rechte Organisationen mit ihren Ideologien in diese Bewegungen ein, beginnen, ihre Kameradschaften zu erweitern und speisen die Jugendlichen mit neuen Argumenten.

10. Mit der entstandenen ideologischen Disposition wird dann versucht, auch über Netzwerke der deutschen Rechten insgesamt eine "national befreite Zone" zu schaffen. Dies können Stadteile, Regionen, Jugendclubs, Tankstellen oder CB-Funkkanäle sein. In diesem Stadium ist die Gewalt gegen andere Jugendliche nun nicht mehr nötig, es entsteht der Eindruck, als hätte sich das Problem von selbst gelöst.

Während aller Phasen wird die Gewalt als Kick, als Belohnung gewissermaßen, und zum zeitweiligen Abreagieren gebraucht. Sie ist in höchstem Maße identitätsstiftend und stabilisiert das Gruppengefühl.

Die kulturelle Hegemonie Rechtsextremer wird deshalb kaum wahrgenommen, weil sie nicht auf die Bildung politischer Parteien und ihren Erfolg zielt. Sie ist tief verwurzelt in der Geschichte. Sowohl das Klima in der gesamten Bundesrepublik als auch die besonderen Bedingungen in Ostdeutschland begünstigen einen Wahrnehmungsmangel, der zur Verfestigung dieser Hegemonie führt.

Die Thesen sind eine Zusammenfassung der Überlegungen von Bernd Wagner. Eine ausführliche Fassung findet sich im Bulletin Nr. 1 des Zentrum für Demokratische Kultur.