29.01.1998

Fundis aller Länder, vereinigt Euch!

1979 forderte Ayatollah Chomeini Moslems in aller Welt dazu auf, den Quds-Tag zu begehen. Am letzten Wochenende zogen 5 000 Menschen über den Berliner Kudamm und forderten "Tod für Israel"

Am vergangenen Sonnabend bot sich auf dem Berliner Kurfürstendamm ein ebenso buntes wie bizarres Bild: Im leichten Schneetreiben zogen, streng nach Geschlechtern getrennt, 5 000 Fundamentalisten aus allen möglichen Ländern vom Adenauerplatz zur Gedächtniskirche. Über ihnen wehten grüne Fahnen mit Koran-Suren, vor jedem Marschblock liefen Einpeitscher mit Megaphonen und gaben die Parolen vor.

Zwar waren die Agitatoren nicht ganz up to date - die Erklärung der Hamas, Clintons mutmaßliche Affäre mit einer Praktikantin sei Ergebnis einer "zionistischen Verschwörung", Israel habe den wankelmütigen US-Präsidenten in eine "Sexfalle" laufen lassen, spielte keine Rolle; ansonsten aber wurden alle Evergreens der fundamentalistischen Propaganda intoniert: "Kinderschänder Israel", skandierten die jungen Frauen, "Zionisten raus aus Palästina" antworteten die Männer.

Auf den Transparenten waren die Parolen manchmal leicht entschärft auf deutsch oder englisch zu lesen: "Down with Israel", hieß es etwa auf einem der farbenprächtigsten, darüber aber stand in persischen Schriftzeichen "Margh bar Israel" - Tod für Israel. Durchsichtig auch die Versuche der Redner im Lautsprecherwagen, die vorbeihastenden Passanten mit Solidaritätsappellen zum Verweilen zu bewegen. "An diesem gesegneten Tag bitten wir alle gütigen Menschen auf der Welt um Unterstützung für das palästinensische Volk." Gleich darauf wurde wieder Klartext gesprochen: "Die moslemischen Staaten der Welt müssen sich vereinigen und das zionistische Regime beseitigen." Und immer wieder der Ausruf: "Allah Akbar" - Allah ist groß.

Dieser "gesegnete Tag" ist der sogenannte Quds-Tag, der Islam-Tag oder Jerusalem-Tag, der gemäß einer Weisung Ayatollah Chomeinis von 1979 alljährlich auf der ganzen Welt begangen werden soll, und zwar immer am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan. Dabei soll auf "die fortdauernde Besetzung des Landes Palästina und die Heilige Moschee Al Aksa sowie auf die Mißhandlung eines ganzen Volks durch das zionistische Regime aufmerksam" gemacht werden, informierte ein Flugblattext.

Der angeblich liberale Präsident des Iran Chatami hatte am Vortag in seiner Freitagspredigt in Teheran gesagt: "Wir betrachten den Staat Israel weiterhin als eine alte, nicht heilbare Wunde im Körper des Islam, eine Wunde, die wirklich dämonisches, stinkendes und ansteckendes Blut besitzt." Doch Israel ist nur der Ort, von dem aus der Brand die ganze Welt entflammen soll - Quds ist auch "der Tag des Aufstandes der unterdrückten Völker der Welt gegen ihre Unterdrücker" (Flugblattext). "Nieder mit Zionismus und Imperialismus" war eine der häufigsten Parolen, und unter letzterem werden insbesondere die Vereinigten Staaten verstanden.

Über Deutschland gab es kein Wort der Kritik, die Demonstranten lächelten der Polizei zu, auch Journalisten gegenüber war man zunächst zuvorkommend. Erst auf der Abschlußkundgebung vor der Gedächtniskirche hatte sich die Höflichkeit erschöpft: "Sie sollten jetzt aufhören und gehen. Es ist besser für sie!", zischte man einem Pressefotografen zu, als der die zunehmende Verzückung ins Bild bekommen wollte.

Die Demonstration fand schon zum dritten Mal in Berlin statt, jedes Mal mit ähnlicher Teilnehmerzahl. Sie war von einer Privatperson angemeldet und nach Auskunft von Teilnehmern durch Mund-zu-Mund-Propaganda bundesweit beworben worden, teilweise auch durch Aufrufe in Moscheen und Islamischen Zentren. Als Organisation trat nur die "United Islamic Students Association" (U.I.S.A.) auf, die auch ein Flugblatt vorbereitet hatte. Dies wurde von Kindern und Jugendlichen an Passanten, aber auch vom Lautsprecherwagen aus an die Presse verteilt, was den Stellenwert der Organisation für diese Demonstration zeigt.

Wie die Bundesanwaltschaft im Mykonos-Prozeß bekannt gab, "arbeiten die iranischen Geheimdienste bei ihren nachrichtendienstlichen und terroristischen Aktivitäten mit Angehörigen der regimetreuen U.I.S.A." zusammen. Demnach gilt die U.I.S.A., die den Export der iranischen Revolution und eine weltweite Islamisierung anstrebt, als eine in Europa legale Parallelorganisation der drei iranischen Geheimdienste ("Ministerium für Information und Sicherheit"/ MOIS, Geheimdienst der "Revolutionären Garden" / "Ghods-Sicherheitskraft" und militärischer Nachrichtendienst / "J2"). Zu den Aufgaben dieser Organisationen gehören auch die Verfolgung und militärische Bekämfung von Regime-Gegnern im Ausland, was Iran als innere Angelegenheit betrachtet.

Kein Wunder, daß sich im Prozeß schließlich herausstellte, daß auch die Mykonos-Attentäter selbst der U.I.S.A. angehören. Für Polizei und Staatsschutz war all dies bisher kein Grund, den terroristischen Charakter der Organisation und ihrer Aktivitäten genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber vielleicht ändert sich das gerade? Jedenfalls waren am Rande der Demonstration auffällig viele Zivilpolizisten zu sehen.

Trotz des Einflusses der U.I.S.A. wäre es falsch, wenn man die Demonstranten als blindwütige Fanatiker im Dienste des Iran darstellte. Zwar erinnerte vieles an die Aufzüge in den Straßen von Teheran - die finsteren Kämpfer im Mudjahedin-Military-Look, die alten Männer mit Kaftan und Fez, die mit dem Tschador vermummten Frauen -, doch die Mehrzahl der Teilnehmer lebt seit langer Zeit in Deutschland. Eine Gruppe türkischer Teenager in Kapuzenpullovern und Turnschuhen war eigens aus Bremen gekommen, die sich als Gruppe "Ümit" (Hoffnung) regelmäßig treffen.

"Unsere Hoffnung ist, daß wir nicht so dekadent werden wie die europäischen Jugendlichen. Wir wollen unsere islamischen Werte bewahren", erklärte Nurullah. Die Kids hatten ein selbstgemaltes Schild dabei, das die Flaggen der USA, der Türkei und Israels in Flammen zeigt: "Israel muß aufhören, es gehört nicht dazu. Jerusalem ist die Hauptstadt der islamischen Bewegung."

Ähnlich sah es Aygül, eine in Berlin geborene Türkin. Die 25jährige ging mit an der Spitze des Demonstrationszuges und hielt ein Transparent mit der Aufschrift: "Wir verurteilen das sogenannte Autonomieabkommen der PLO mit der zionistischen Besatzungsmacht." Den "Staatsterror" Israels gegen "palästinensische Kinder" lehnte sie vehement ab. Mit der gleichen Entschlossenheit bekannte sie sich zu dem Foto eines Terroristen, das sie an ihren Mantelkragen geheftet hatte. "Das ist ein Märtyrer, der für die Heilige Sache gestorben ist."