Agit-Prop für mehr Jobs

Auch in seinem neuen Dokumentarfilm "The Big One" ist Michael Moore der Hofnarr des Kapitalismus

Wenn man in den USA telefonisch einen Flug bei TWA reserviert, hat man es zumeist mit Strafgefangenen zu tun. Die sind in den Staaten die billigsten verfügbaren Arbeitskräfte, und Privatgefängnisse mit angeschlossenen Strafarbeitskomplexen sind ein Produktionsvorteil, den immer mehr Firmen nutzen.

Der US-Amerikaner Michael Moore fand dies während der Dreharbeiten zu seinem neuen Dokumentarfilm "The Big One" heraus, als ihm ein ehemaliger Strafgefangener seine Geschichte erzählte. Der Mann hatte mit der Arbeit für TWA kaum etwas verdient, so daß er nach seiner Entlassug völlig mittellos dastand. Moore ist der Auffassung, daß dies symptomatisch für das Wirtschaftssystem der USA ist.

"Wenn ich jedesmal, wenn mir jemand in einem Maßanzug erklärt, daß 'ein Wirtschaftsunternehmen alles tun muß, was notwendig ist, um maximalen Profit zu erzielen', einen Penny erhalten hätte, dann hätte ich jetzt schon eine beinahe optimale Gewinnmaximierung erreicht", beschreibt Moore eines der grundlegenden ökonomischen Dogmen der USA. Dessen Auswirkungen hatte er schon in seinem ersten Film, "Roger & Me", am Beispiel seiner Heimatstadt Flint gezeigt. Ende der Achtziger hatte der Automobilkonzern General Motors entschieden, den Produktionsstandort Flint aufzugeben. Dort waren die meisten Arbeitsplätze direkt oder indirekt von dem Konzern abhängig, die Folgen für die Kleinstadt waren absehbar. So machte sich Moore, begleitet von einem Kamerateam, auf, Roger, den GM-Boß, zu suchen und ihn mit den Auswirkungen seiner Entscheidung zu konfrontieren. Natürlich vergeblich, aber "Roger & Me" wurde zum finanziell erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten.

1992 drehte Moore "Blood in the Face", einen Dokumentarfilm über US-amerikanische Neonazis nach dem gleichnamigen Buch von James Ridgeway, dem Washington-Korrespondenten der Village Voice. Drei Jahre später wagte er sich an seinen ersten Spielfilm. "Canadian Bacon" lag eine nette Idee zugrunde - die USA greifen, um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, in Ermangelung eines anderen Gegners Kanada an -, war aber so schlecht gemacht, daß er nicht einmal als Trash-Movie taugte und in Europa gar nicht erst in die Kinos kam.

Die Weisheiten, die Michael Moore verkündet, hat man eigentlich schon viel zu oft gehört. Im letzten US-Wahlkampf wollte Moore beweisen, was eigentlich jeder schon wußte: Die Kandidaten nehmen zur Finanzierung ihres Wahlkampfes von jedem Geld an. Es gelang Moore jedoch, ohne zu langweilen, die Politiker vorzuführen. Er schickte ihnen Schecks über 100 Dollar, als Absender firmierten verschiedene fiktive Organisationen. Als erster löste der ultrakonservative Pat Buchanan den Scheck von Abtreibungsgegnern ein, Bill Clinton zog wenig später das angebotene Geld der Hanf-Liga ein, und der konservative Milliardär Malcolm Forbes dankte seinen Spendern, einer Pädophilen-Vereinigung, sogar mit einem persönlichen Schreiben: "To you and your pedophile friends."

Auf einer Lesereise für sein Buch "Downsize This: Random Threats of an Unarmed America", einem zuweilen sehr populistischen Pamphlet über das US-Wirtschaftssystem, veranstaltete er satirische Aktionen und klassenkämpferische Agitation an dem jeweiligen Leseort und ließ nebenbei ebenso gewöhnliche wie drastische Beispiele für den Zustand des Kapitalismus filmisch festhalten.

Seien es Angestellte, die einen Teil ihres Lohnes für eine Krankenversicherung abgeben müssen, die es gar nicht gibt und die so im Krankheitsfall nicht abgesichert sind oder diejenigen, denen ihre Geschäftsleitung verbot, zur Lesung zu kommen und über die Gründung einer Gewerkschaft in ihrem Betrieb zu sprechen, oder diejenigen, deren Firma die Produktion verlagert - sie alle sehen in Moore und seinem Filmteam die einzige Chance, die Öffentlichkeit über ihre Probleme zu informieren.

Durch seine Aktionen in "Roger & Me" auch in Wirtschaftskreisen berühmt-berüchtigt geworden, ist Moore bei den Firmen, die er für "The Big One" besucht, hingegen ein Schreckgespenst par excellence. Und so sieht man ihn meist inmitten gequält lächelnder Pressesprecher und verbissener Werkschützer, die nach der Kamera greifen. Der Firmenboß ist natürlich nicht zu sprechen, und so muß dann irgendein Angestellter den "Downsize-Preis für erfolgreichen Arbeitsplatzabbau" annehmen. Diese wahrscheinlich erwarteten Reaktionen machen sich im Film natürlich sehr gut.

Am Ende der Tour gelingt es Moore doch noch, einen Firmenboß zum Gespräch vor die Kamera zu bekommen. Phil Knight vom Sportartikelhersteller Nike, dessen Produkte aus Kostengründen nicht mehr in den Staaten produziert werden. Dieses Gespräch entlarvt schließlich beide: Knight erweist sich, wie erwartet, als Zyniker, der auf den Vorwurf, in Nikes indonesischen Fabriken würden Zwölfjährige arbeiten, antwortet, dies stimme nicht, die Arbeiter seien mindestens 14. Michael Moore hingegen, der im Laufe des Gesprächs zum kumpelhaften Bittsteller für seine Heimatstadt Flint wird, agiert als amüsanter Hofnarr des Kapitalismus. Auf Moores Vorschlag, doch in Flint eine Fabrik aufzubauen, reagiert Knight zunächst ausweichend, und auch eine von Moore initiierte, ziemlich entwürdigende Demonstration der Flinter, in der sie sich als Ausbeutungswillige darstellen, die auch bereit sind, für Hungerlöhne zu arbeiten, kann ihn nicht umstimmen.

Ambivalent wirkt "The Big One" durch nationale Untertöne ("jobs for americans"). Moore scheint sich, wie die meisten US-Amerikaner, nur die "guten alten Zeiten" des Kapitalismus (1950 bis 1980) mit Vollbeschäftigung und relativ hohen Löhnen zurückzuwünschen. So bleibt die Frage, wohin Moore mit seinem humorvollen, aber auch bisweilen gefährlich populistischen Agit-Prop hin will.

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