Premiere für alle
Sie sind klein, preiswert und haben ungeahnte Kapazitäten. Die Leistungen der Prozessoren in den Personalcomputer werden in den nächsten Jahren um das Zweihundertfache steigen, Taktfrequenzen von 10 000 Megahertz sind dann die Regel - erklärte Albert Yu, Vize-Präsident von Intel Cop, auf der Cebit in Hannover, der weltweit größten Computermesse.
Rund eine Milliarde Rechner werden bis zum Jahr 2000 weltweit in Gebrauch sein. Und die PCs sollen noch billiger werden. Wie in kaum einer anderen Branche jagt eine Preissenkung die nächste; so stieg in den USA die Anzahl der verkauften PCs zwar um mehr als die Hälfte an, die Umsätze erhöhten sich hingegen nur geringfügig. Den Preiskrieg werden nur wenige überleben. Der enorme Markt setzt gewaltige Investitionen voraus - und wird entsprechende Konglomerate schaffen.
Am Ende könnten sich Branchen-Giganten wie Microsoft in Weltmonopole verwandeln. Mit seinem Softwareprogramm Windows 95 und einem über 90prozentigen Marktanteil steht der Konzern schon jetzt international konkurrenzlos da. Aktuell streiten sich Microsoft und Netscape, wessen Browser, die Zugangssoftware für das Internet, künftig den Standarts setzen wird. In der kommenden Windows-Version ist der Browser noch enger mit dem Betriebssystem verzahnt - auch die Anti-Trust-Gesetze in den USA konnten dies nicht verhindern. Für den einzigen ernsthaften Konkurrenten von Microsoft könnte dies schon das Aus bedeuten. Und der Software-Riese dringt schon längst - als Börsenmakler, Reisefirma oder in der Unterhaltung - in alle möglichen anderen Branchen vor.
Ähnliches gilt auch auf dem Internet-TV-Markt. Hier schließen sich Film- und Fernsehgesellschaften mit den führenden Telekom-Firmen zusammen, ermöglicht durch die Deregulierung der Telekommunikationsmärkte. Zuerst wurden vor allem in Europa die staatlichen Monopole aufgehoben. Im anschließenden Konkurrenzkampf setzten sich dann neue Oligopole durch. Premiere für alle: So versucht die EU-Kartell-Kommission derzeit, die Kooperation von Kirch und Bertelsmann zu verhindern - die Verbindung könnte europaweit den Fernsehmarkt dominieren.
Das größte Geschäft wird künftig mit der Kombination von TV und Internet gemacht werden. Rund fünf Millionen Deutsche sind derzeit an das Netz angeschlossen, jedes Jahr werden es 14 Prozent mehr. "Wenn die Einfachheit der TV-Bedienung mit den Angeboten des Internet verbunden wird, geht die Tür zu einem neuen Massenmarkt auf", prophezeit Klaus Eierhoff, Vorstandsmitglied von Bertelsmann. Bis 1999 soll dies erfolgen, auf der diesjährigen Cebit wurden die ersten Prototypen präsentiert - kombinierte TV-PC-Geräte, ein Netzwerk-Auto, das per Satellit ans Internet angeschlossen ist. Grundig und Primus-Online bieten bereits ab nächsten Monat ein Zusatzgerät an, das das Internet-TV ermöglicht. Siemens und Microsoft haben eine Allianz für den Einsatz von Windows CE geschlossen - die kleine Windows-Version ist speziell für den Einsatz in TVs, Handys oder in der Autoelektronik vorgesehen. PC-Bauteile sind mittlerweile so klein und schnell, daß sie in den unterschiedlichsten Geräte eingesetzt werden können. Die Dienste und Inhalte des Internets erobern damit bisher unerreichbare Anwendungsfelder. Die Prozessoren sind so handlich, daß der Internet-Anschluß wohl bald im Reisewecker zu finden ist.
Für den permanent und übergreifenden Datenfluß sorgt der Ausbau der Mobilfunk-Netze, in wenigen Jahren wird ihre Zahl bereits die Festnetzanschlüsse übersteigen. 40 Millionen Teilnehmer sind von den Mobilfunkfirmen in den nächsten fünf bis zehn Jahren allein für die Bundesrepublik anvisiert. Durch ADSL-Modems rasen dann bis zu neun Megabit pro Sekunde durch die Leitung, 300mal schneller als bisher. Die neuen Technologien seien inzwischen so leistungsfähig und verbreitet, daß "ihre Auswirkungen auf die Menschen, die Regierung und die Wirtschaft alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen", meint IBM-Chef Louis Gerstner.
Nach der mikroelektronischen Rationalisierung in der Industrie wird nun die Dienstleistungsbranche einen ähnlichen Prozeß durchlaufen. Beispielsweise bei den Banken: Bei rund dreihundert Kreditinstituten und Sparkassen ist schon Direktbanking per online möglich. Das Ziel: die mitarbeiterlose, rund um die Uhr geöffnete Filiale. Ein Stellenabbau von bis zu zwanzig Prozent gilt daher in der Branche als unvermeidlich. Auch ein großer Teil des Handels könnte künftig direkt vom Hersteller zum Kunden abgewickelt werden - Zwischenhändler und Verkäufer wären überflüssig.
Ganz auf Personal wird aber nicht zu verzichten sein. Je komplexer und leistungsfähiger die Computersysteme werden, desto anspruchsvoller ist auch der Service und desto höher sind die von den Mitarbeitern erwarteten Fähigkeiten. Die höchst flexiblen Spezialisten treffen auf einem deregulierten Arbeitsmarkt. Die neuen "Wissensarbeiter" unterscheiden sich radikal von den traditionellen Arbeitnehmern. Sie "wollen ortsunabhängig arbeiten, können sich weitgehend selbst motivieren und sind mentalem Streß gewachsen", beschreibt die FAZ die schöne neue Arbeitswelt. Die Berufskenntnisse haben sich immer schneller der rasanten technologischen Erneuerung anzupassen; aber gleichzeitig werden diese spezialisierten Arbeitskräfte austauschbarer, denn ihr Wissen ist nach wenigen Jahren bereits wieder veraltet.
Das Internet wird nicht nur die Dienstleistungssektor und den Arbeits- und Bildungsbereich drastisch ändern, sondern auch die internationale Arbeitsteilung und die multilateralen Abkommen beeinflussen. Vor allem bei Waren und Dienstleistungen, die zu digitalisieren sind, geht eine kürzlich von der WTO veröffentliche Studie von hohen Wachstumsraten aus. Damit würde das bisherige internationale Handels- und Zollsystem obsolet. Bis zur Jahrtausendwende wird es nach Schätzungen der Organisation etwa 300 Millionen Internet-Benutzer geben. Ein Viertel aller Wirtschaftstätigkeiten sollen dann aus elektronischen Transaktionen bestehen. Während derzeit über das multilaterale Freihandelsabkommen MAI gestritten wird, haben die USA der WTO bereits vorgeschlagen, bei elektronischen Übermittlungen künftig keine Zölle mehr zu erheben. Durch das Internet könnte die Welt bald zur virtuellen Freihandelszone werden.