Eine bessere Welt ohne Waffen und Umsatzsteuer
An der Ecke von Market- und Castrostreet in San Francisco tummeln sich gewöhnlich mit Fotoapparaten und Videokameras ausgerüstete Touristen, um die legendäre "Schwulenstraße" Castro im gleichnamigen Stadtviertel ins Visier zu nehmen. Fast jedes Geschäft dort ist mit der Regenbogenfahne drapiert - vom Naturkostladen an der 19. Straße über diverse Kneipen und Klamottenläden bis zu Marcello's Pizza. Nicht ohne Grund gilt die Metropole an der Pazifikküste als Hauptstadt der Schwulen-Communities in den USA.
Doch am Dienstag vergangener Woche prägt eine ganz andere Szenerie die bekannte Straßenecke. Knapp 1 500 Menschen haben sich hier zu einer Demonstration eingefunden. Auf ihren Fähnchen sind Cannabisblätter zu sehen und sie fordern "Hoffnung, Mitgefühl und Recht auf Drogen - für eine bessere Welt". Dabei sehen die überwiegend männlichen Teilnehmer ganz und gar nicht aus wie Hippies. Und sie sind auch keine. Der Aufzug ist eigentlich nicht einmal eine richtige Demonstration, sondern eine Wahlkampfveranstaltung.
Mit Hilfe von Cannabisblatt und der Hoffnung auf eine mitfühlende Welt will Dennis Peron - im vergangenen Jahr noch grand marshall von San Franciscos Lesbian/Gay/ Bisexual/Transgender/ Transsexual Pride Parade - nämlich im November dieses Jahres zum Gouverneur des Staates Kalifornien werden. Einer der Organisatoren, der sich insgesamt ganz zufrieden mit dem Verlauf der Demo zeigt, erklärt: "Wir haben eben keine Millionen für unsere Kampagne zur Verfügung." Deshalb weiche man auf eher unkonventionelle Methoden aus. "Erfolgreich können wir nur mit Hilfe der Basis sein."
Auf die potentielle Basis des 1946 in der New Yorker Bronx geborenen Kandidaten trifft man im "Peron for Governor Headquarter". Ebenfalls in der Marketstreet gelegen, sieht es mit den an der Fassade aufgemalten Regenbogenfahnen und den dunkel getönten Fensterscheiben zunächst aus wie eine der zahlreichen Schwulenkneipen mit Darkroom. An der Fassade ist eine Widmung für Jonathan West angebracht, der 1990 an den Folgen von Aids verstarb. Bis zu seinem Tod war er der Lebensgefährte Perons. Das sogenannte Wahlkampf-Hauptquartier entpuppt sich jedoch als der von Peron initiierte San Francisco Cannabis Cultivators Club - mit geregelten Öffnungszeiten und Türstehern. Der breitbeinige und breitschultrige Bob ist einer von ihnen. Ihm müssen die Gäste ihre Mitgliedskarte vorzeigen: "Ohne die kommt hier keiner rein." Mal eben ein Tütchen rauchen ist also nicht!
"In unserem Club haben wir auch unsere Regeln", erklärt der gewichtige Mann am Eingang, und die sind offenbar so hart wie sein Tonfall: Von einer normalerweise die Regel bestätigenden Ausnahme will er zunächst nichts wissen, um sie dann aber doch zu machen. Eigentlich ist die Liste der Aufnahmebedingungen sonst fast ebenso lang wie die "Speisekarte". Ohne einen kalifornischen Ausweis und ein Mindestalter von 21 Jahren läuft sowieso nichts, dazu wird der schriftliche Befund eines behandelnden Arztes oder Psychiaters benötigt. Vor der Ausstellung einer Clubkarte wird außerdem telefonisch geprüft, ob das Möchtegernmitglied seinen Arzt oder Psychiater regelmäßig aufsucht und der eine "Behandlung" mit Marihuana wirklich für empfehlenswert hält.
Im durch die verdunkelten Scheiben und die dunkelblau bepinselten Wände recht düsteren Eingangsbereich liegt sogar ein wenig Propagandamaterial für die Kampagne Perons herum. "Ansonsten betreiben wir hauptsächlich medizinische Therapie", erläutert der in der internen Hierarchie eindeutig über Bob stehende Arkon. Die Behandlungsstrategie ist so schlicht wie die spärliche Einrichtung: Die Mitglieder können während der Öffnungszeiten jederzeit kommen und je nach Bedarf einkaufen. "Und zwar im Prinzip für jede Krankheit", wie Arkon berichtet, der sonst nicht sehr viel über medizinische Details auszuführen weiß. "Wir zielen aber insbesondere auf an Aids, Krebs oder Multipler Sklerose Erkrankte ab." Dazu gehöre ebenso Bildungsarbeit in Form von Vorträgen oder Broschüren.
Wohlwissend, daß in den USA eigentlich jeglicher Anbau, Erwerb und Genuß des milden Rauschmittels strikt verboten ist, ist die Angst vor einer Abdrängung in die Illegalität deutlich spürbar. Überall weisen Plakate darauf hin, daß man beim Besuch des Clubs unbedingt einen gültigen Ausweis mitführen sollte. Und wer sich zu den eher durchschnittlichen Preisen aus der Marihuana-Auswahl des Cannabis Cultivators Clubs, bestehend aus mexikanischen und kalifornischen Kräuterchen verschiedener Qualität, bedienen will, muß in den ersten Stock hinaufgehen. Hier gibt es zwar Tips über die vielfältigen Einnahmeformen - Rauchen oder Essen, als Tee oder Kompresse, in Keksen oder anderen Backwaren sowie in Pillenform oder mit Wodka gemischt -, konsumiert werden soll aber woanders. Über Ausnahmen sieht man im ersten Stock allerdings großzüger hinweg als der muffige Bob unten an der Eingangstüre.
Denn nicht alle "Patienten" betrachten den Klub als ambulante Behandlungseinrichtung. "Hier ist es cool", meint einer von ihnen, der sich "der Einfachheit halber" Kevin nennt. Ein Papierchen vom Arzt zu organisieren, sei nicht allzu schwierig, und außerdem "geht es mir mit Dope wirklich besser als ohne". Kevin ist jedoch eher eine Ausnahme, er schert sich weder um Perons Wahlkampagne noch um die Gesetzeslage in Sachen Drogenkonsum.
Und so dürfte Dennis Peron schon bei den primaries, bei denen die Parteien bis Anfang Juni das Wahlvolk über den geeignetsten Kandidaten befragen, durchfallen. Zumal er ausgerechnet für die konservativen Republikaner in das Rennen um Kaliforniens Regierungssessel ziehen will. Diesen fühlt er sich nach eigenen Angaben politisch nahe - auch wenn er sich als "liberaler Republikaner" versteht. Die Konservativen favorisieren allerdings den vom derzeitigen Amtsinhaber Pete Wilson vorgeschlagenen Dan Lundgran. Dessen Wahlkampfbudget ist auch mehr als 300mal so hoch wie jene umgerechnet etwa 32 000 Mark, die Peron einbringen will. In den USA zahlen die Gouverneursanwärter ihre Kandidatur nämlich aus eigener Tasche.
Versuchen will der Vietnamkriegsveteran, der sich selbst als "Botschafter des Friedens" bezeichnet, es dennoch. Mit Basisbewegungen hat er bisher nämlich ganz gute Erfahrungen gemacht. Im November 1996 hatten über die Hälfte der kalifornischen Wahlbeteiligten einem von ihm vorgelegten Gesetzentwurf zur bedingten Legalisierung von Marihuana per Volksabstimmung zugestimmt. "Ernsthaft kranke Kalifornier", heißt es darin, "haben das Recht, Marihuana aus medizinischen Gründen zu beziehen und zu benutzen." Damit erreichte Peron die Wiedereröffnung seines am 4. August 1996 von der kalifornischen Drogenbehörde in einer Blitzaktion geschlossenen Cannabis Cultivators Clubs.
Ein Verfahren wegen illegalen Marihuana-Verkaufs hat der ungewöhnliche Kandidat dennoch am Hals. Bis zu zwölf Jahre Haft drohen ihm im Falle der Verurteilung. Ein bißchen Eigennutz darf bei Perons mit Herzchen verziertem Wahlprogramm "für eine bessere Welt" ganz ohne Waffen, Todesstrafe, Umsatzsteuer und Benachteiligung wegen Hautfarbe, Religion, Lebensart oder sexueller Orientierung, dafür aber mit alternativen Städtebau- und Verkehrskonzeptionen, einem ausgebauten Bildungs- und Gesundheitssystem und einer völligen Öffnung der Grenze zu Mexiko auch dabeisein. Im Falle seines Wahlsiegs wäre Perons erste Amtshandlung, "mich selbst zu begnadigen".