Cáisc faoi mhaoise dhaoibh!
"Then sing our rebel song, as we proudly sweep along. / To end the age-long tyranny that makes for human tears; / Our march is nearer done with each setting of the sun, / and the tyrant's might is passing with the passing of the years" - so der Sozialist und Revolutionär James Connolly im Jahr 1903. Mit solchen Liedern soll die irische Arbeiterklasse in die Freiheit marschieren. In jener Zeit macht sich die Industrielle Revolution nur im Norden der irischen Insel bemerkbar. Die intensive Verarbeitung von Flachs und Leinen ist im 18. Jahrhundert Hauptantrieb der nordirischen Wirtschaft. Die Arbeiterklasse wird jedoch aufgrund der diskriminierenden Einstellungspolitik protestantischer Arbeitgeber nach ihrer konfessionellen Zugehörigkeit gespalten. "Sieg durch Spaltung" heißt das Motto.
Südirland hingegen bleibt seit der Großen Hungersnot von 1847 fest im Griff der katholischen Kirche. Gott bestraft die Bauern und Knechte für ihren heidnischen Aberglauben auf härteste Weise. Die Sozialisten haben es dennoch schwer.
Ostern 1916. Eine kunterbunte Allianz aus Sozialisten, Schriftstellern, Poeten und Nationalisten stürmt am Ostermontag unter anderen eine Mehlfabrik und das Hauptpostamt in Dublin; eine unabhängige Republik wird proklamiert. Der Führer dieser unheiligen Allianz ist der Poet Padraig Pearse - das irische Blutopfer wird "das perfide Albion" enttarnen. Pearse, Connolly und weitere Anführer werden erwartungsgemäß von der britischen Armee hingerichtet.
What is it but nightfall?
No, no, not night but death; it needless
death after all?
For England may keep faith
For all that is done and said.
We know their dream; enough
To know they dreamed and are dead;
And what if excess of love
Bewildered them till they died?
(W.B. Yeats, Easter 1916)
Es gibt keine größere Liebe, als das eigene Leben für das Wohl des anderen zu opfern: Das Denken irischer Revolutionäre wird bis heute von der katholischen Romantik geprägt. Am Ostermontag werden alle Iren, die Mutter Irland ihre größte Liebe (den Tod) bewiesen haben, geehrt. Die Ostermärsche zu den Gräben der Gefallenen sind ein fester Bestandteil der irischen Kultur geworden. Das Martyrium vom Jahr 1916 hat nicht nur für Yeats den Tod als höchstes Ideal bewahrt.
write it out in a verse -
MacDonagh and MacBride
And Connolly and Pearse
Now and in time to be,
Wherever green is worn
Are changed, changed utterly:
A terrible beauty is born.
In Nordirland bleibt die Farbe Osterns dennoch Orange. Die Mitglieder des Ballynafreigh Orange Hall in Belfast (90 Prozent aller unionistischen Politiker sind Mitglieder eines solchen Ordens) marschieren seit 1904 Jahr für Jahr die Ormeau Road herunter.
Die Demographie der nordirischen Hauptstadt hat sich jedoch grundsätzlich verändert: Die Katholiken - als verhütungsscheu bekannt - vermehren sich wie die sprichwörtlichen Kaninchen und haben in den letzten dreißig Jahren die Ormeau Road überrannt. Sinn Féin, der Hauptfeind aller Loyalisten, ist in Belfast zur stärksten politischen Kraft geworden. Grün ist jetzt die beherrschende Farbe in City Hall.
Um Ausschreitungen zu verhindern und den stolpernden Friedensprozeß zu schützen, dürfen die Mitglieder des protestantischen Ordens der Apprentice Boys am diesjährigen Ostermontag nicht durch Belfast marschieren. Vor zwei Jahren haben sie versucht, mit Verstärkung aus dem protestantischen Hinterland rund um Portadown und Lisburn, vergeblich die Ormeau Road freizuräumen. Es kommt zu massiven Straßenschlachten.
Der Name Apprentice Boys bezieht sich auf jene 13 Lehrlinge, die im Dezember 1688 die Türen von Derry vor den anrückenden Redshanks (Rotsöckchen) verriegeln: Die Stadt wird belagert. Vier Monate später naht der katholische König James II. mit 25 000 Soldaten in seinem Gefolge, Derry als letzte Bastion des Protestantismus in Irland soll zerschlagen werden. Der schottische Stadtkommandant Lundy - ein praktizierender Episkopale mit den damit verbundenen jakobitischen Tendenzen - flüchtet mit seinen Truppen nach England. Für Derry, vollgestopft mit protestantischen Flüchtlingen aus ganz Irland, ist diese militärische Entscheidung Lundys logischerweise ein klassischer Fall von Hochverrat.
"No Surrender" wird zum Schlachtruf der Zurückgebliebenen in der "Stadt des Asyls". Die Stadtbelagerung wird erfolgreich überstanden. Am 12. Juli 1690 wird König James am Fluß Boyne vom protestantischen Wilhelm von Oranien im Kampf besiegt - England bleibt protestantisch.
For those brave men who crossed the
Boyne have not fought or
died in vain
Our Unity, Religion, Laws, and Freedom
to maintain,
If the call should come we'll follow the
drum, and cross that river
once more
That tomorrow's Ulsterman may wear
the sash my father wore!
("The sash my father wore" - eine Art protestantische Nationalhymne)
"No Surrender" bleibt der Schlachtruf. Jedes Jahr wird mindestens 3 000 Mal marschiert, um an diesen Sieg des Protestantismus über den Katholizismus zu erinnern. Der Höhepunkt ist natürlich der 12. Juli, zu dem in jedem protestantischen Dorf eine Lundy-Puppe und die irische Trikolore verbrannt werden. Der liberale Historiker Lord Macauley beschreibt schon im Jahr 1855 die Bedeutung dieses Siegs: "Fünf Generationen sind vergangen, aber die Stadtmauer von Derry bleibt für die Protestanten von Ulster wie die Trophäe des Marathon für die Athener."
Im Jahr 1998 sind es zehn Generationen. Und wegen dieser historischen Traditionen sind die Streitereien um solche Märsche die größte Gefahr für einen dauerhaften Frieden in Nordirland.