08.04.1998
Der Klang der Theorie

Fakten und Fiktionen

Ist es zulässig, beim Beschreiben des Holocaust von "Erzählungen" zu sprechen?

Die vollendete Sinnlosigkeit von Auschwitz stellt die wissenschaftlichen Objektivierungsverfahren, das Phantasma vom "objektiven Befund" radikal in Frage. Das gilt selbst für die Frankfurter Schule, die "die Schuldigen an

Auschwitz mit allen der Wissenschaft verfügbaren Methoden, insbesondere mit langjährigen Psychoanalysen" studieren wollte. Auf ihren problematischen Begriff eines "Rückfalls in die Barbarei", berufen sich heute - ohne in der Weise zum Irrtum berechtigt zu sein wie Adorno und Horkheimer - auch politische Kräfte, die die Schuld der Deutschen in der "Zivilisation" verschwinden lassen: "Die Zivilisation erscheint nicht mehr als das Gegenteil, sondern als Quelle der Barbarei. Fortschrittsgläubigkeit und optimistische Zukunftserwartung fallen schwer in einer Zeit, die immer neue Fragen aufgibt, aber die Antworten schuldig bleibt." Hermann Gremliza hat diese Figur in seinem Essay "Wir kneten ein KZ" überzeugend analysiert.

Daniel J. Goldhagen versucht solche Ausflüchte auf eine andere Weise zu versperren. Die nicht von oben befohlenen sadistischen Quälereien von Menschen, deren Tod schon beschlossen war, interpretiert er nicht, wie das vor ihm verbreitet war, als abscheuliche Begleiterscheinung des Holocaust, sondern als die Wahrheit des deutschen Antisemitismus. Diese Entdeckung konnte er nur machen, weil er das übliche distanzierte Verfahren der Sozialwissenschaft verwarf. Deren Grundannahmen über soziales Handeln - und das gilt auch für viele Elemente des Marxismus - sind längst an der Wirklichkeit der Lager zerschellt. Goldhagen ist deshalb auf eine der letzten Wissenschaften ausgewichen, in der auch ein Roman noch als wissenschaftliches Werk anerkannt werden kann - die Anthropologie. Im Wissen, daß man der Praxis nicht mehr Logik abverlangen darf, als sie zu bieten hat, wenn man ihr keine erzwungene Schlüssigkeit überstülpen will, entschied er sich für das Verfahren der "dichten Beschreibung". Dazu mußte er allerdings die Kraft aufbringen, beim "Grauen zu verweilen" (Hannah Arendt). Auch dies ist eine vielfach ignorierte Voraussetzung gewesen, um zu seinem zentralen Resultat zu gelangen, daß nämlich der Holocaust ein "deutsches nationales Projekt" war.

Goldhagens Text war unter anderem dem Einfluß der US-amerikanischen Debatten über den Zusammenhang von Holocaust und literarischer Imagination ausgesetzt. Der Cultural Criticism dieser an poststrukturalistischen Fragestellungen geschulten Holocaust-Forscher zielt auf das Verhältnis von sogenannter wissenschaftlicher Objektivität und Metaphorik bzw. von "Fakten" und "Fiktionen" im Zusammenhang der Holocaust-Literatur. Einer der bekannteren Autoren dieser Richtung ist James E. Young, dessen Buch "Beschreiben des Holocaust" im vergangenen Jahr auch bei Suhrkamp erschienen ist.

Ausgangspunkt von James E. Young, Lawrence Langer, Barbara Foley und anderen, die sich vor allem auf die Untersuchungen von Hayden White über die Konstruktion historischer Texte beziehen, ist die Erfahrung von Holocaust-Überlebenden in den Nachkriegsdemokratien: Das Erlebte, wie ungeheuerlich es auch ist, muß von den Überlebenden in die Strukturen des bereits Bekannten transformiert werden, damit es kommunizierbar ist. Das Resultat ist, daß unmittelbare Erfahrung, die schon in den Lagern auf verschiedene Weise verarbeitet und erzählt wurden, als solche nicht in die soziale Wirklichkeit außerhalb der Lager eintreten kann. Das Erlebte muß notwendigerweise zu einer Fiktion von Faktendarstellungen poetisiert werden. Dadurch wird ihm ungewollt nachträglich Sinn verliehen.

Da nun alle Ereignisse und Darstellungen des Holocaust sprachlich und textlich vermittelt sind, wobei verschiedene Bezeichnungen, Genres und Symbole unterschiedlicher Signifikanz reflektiert und zugleich produziert werden, stellt sich die Frage, wie die literarisch-fiktionalen und die wissenschaftlichen Wahrheiten mit der historischen Wahrheit des Holocaust vermittelt sind? Die Antwort von Young ist, daß, weil die Fakten des Holocaust nur in ihrer erzählenden Rekonstruktion Bestand haben können, sie heute in einer "literarischen Historiographie" Bestand haben. Mit anderen Worten: Zwischen literarisch-fiktionaler und wissenschaftlicher Erzählung kann nicht exakt unterschieden werden.

Dieses Resultat ist gerade im Zusammenhang mit Auschwitz mehr als beunruhigend. Sogleich steht die Frage im Raum, ob diese Erklärung nicht auf einen fatalen Relativismus hinausläuft, wo dann am Ende die Behauptung steht, alles sei nur eine Erzählung und deshalb könne man nichts Genaues wissen. Genau deshalb wollen wir die Frage der Konstruktion von Wirklichkeit im Zusammenhang mit der Goldhagen-Debatte aufwerfen. Denn hier, wo postmoderne Spielchen ihre reaktionäre Konsequenz nicht mehr verbergen könnten, wo das Wort "Dekonstruktion" schon fast automatisch an einen Auschwitz-Leugner erinnert, hier muß sich zeigen, ob es zulässig ist, von "Erzählungen" oder "großen Erzählungen" (der Begriff "le grand récit commun", der oft Lyotard zugeschrieben wird, wurde erstmals 1966 von Foucault eingeführt) zu reden. Es sei in diesem Zusammenhang auch gleich erwähnt, daß wir den im Dossier "Diskurs essen Linke auf" zitierten poplinken Spott über die "altlinke Angst", die "Diskurstheorie wolle Wirklichkeit aufessen" für ganz und gar unangebracht halten: Die Kulturlinke kennt den Poststrukturalismus meistens nur als antilinkes Kampfmittel und als Code, den die Feuilleton-Redaktionen verstehen. Die politischen Konsequenzen einer "aufgegessenen" Wirklichkeit für Antifaschisten und Linke sind ihr herzlich gleichgültig.

Wir sind außerdem sicher, daß die Rezeption des Poststrukturalismus in Deutschland (anders als in den USA oder in Italien) viele Jahre lang tatsächlich von dem Versuch geprägt war, kritische Gesellschaftstheorie abzuschaffen. Foucaults Eintreten für den "Neuen Philosophen" Glucksmann 1977 (u.a. in der Frankfurter Rundschau) machte ihn damals zum Held einer antikommunistischen Alternativ-Szene und deshalb bereits zu unserem politischen Gegner, bevor wir seine theoretischen Texte kannten.

Übrigens weiß auch Young um diese Gefahr. Immer wieder mahnt er einen behutsamen Umgang mit den "modernen Theorien" an, erinnert daran, daß ihr "nivellierendes Vokabular" viel verschleiern kann, insbesondere wenn es von Leuten benutzt wird, die seinen "Code nicht beherrschen" und kein politisches Verantwortungsbewußtsein besitzen. Young weist "gewisse Aspekte der Dekonstruktion", nämlich die enthistorisierende, sich in sterilen grammatikalischen Spekulationen bewegende Dekonstruktion, zurück und stellt die wohlbegründete Sorge jener in den Mittelpunkt, die befürchten, ein allzu großes Interesse an dem Thema der Konstruktion könne die "schrecklichen Ereignisse, die im Mittelpunkt unserer Forschung stehen, überlagern". Jede Textanalyse um ihrer selbst willen vergrößere nur die Distanz zu den Ereignissen, weshalb diese selbst unbedingt im Mittelpunkt stehen müßten. Andernfalls lande man wirklich bei der Behauptung, die Ereignisse hätten außerhalb der Texte gar nicht stattgefunden. Das wäre dann die Situation, wo der Diskurs die Wirklichkeit "aufgegessen" hätte.

Andererseits hätte auch eine Leugnung der Tatsache, daß wir auf vermittelnde Texte angewiesen sind, fatale Konsequenzen: Sie wertet jene Holocaust-Literatur ab, die von wissenschaftlicher Seite nicht als unmittelbare Zeugenaussage von Überlebenden angesehen wird. Die vor allem von Historikern geäußerte Auffassung, daß nur die "hartnäckig objektiven" Texte legitim seien und eine literarische Gestaltung die Fakten nur aufweichen und verdrängen könne, ignoriert, daß die Ereignisse, schon während sie stattfanden, auf unterschiedliche Weise ausgedrückt wurden und entsprechend zu unterschiedlichen Handlungen führten.

Die Auffassung der Historiker unterstellt zudem, daß die von der historischen Wissenschaft produzierten Texte weniger interpretatorisch sind als die literarischen Zeugnisse. Aber diese Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Objektivität und Fiktion ist relativ jungen Datums. Denn bis zur Französischen Revolution galt die Historiographie als ein Zweig der Rhetorik und ihr fiktiver bzw. literarischer Charakter stand außer Zweifel. Es war anerkannt, daß auch die Wahrheit der Historiker eine dichterische ist, daß es verschiedene Arten von Wissen gibt, die auf verschiedene Weise zur Anschauung gebracht werden müssen. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß Goldhagen sich der "dichten Beschreibung" zuwendet, ist doch der Holocaust tatsächlich ein System, an dem die theoretischen Kategorien jener Welt "die wir der Einfachheit halber 'Zivilisation' nennen" (Primo Levi) versagen.

Die Zeugnisse des Holocaust bestehen, abgesehen von erhaltenen Gebäuden und Gegenständen (die ebenfalls interpretiert werden müssen), aus klassischen Dokumenten (Listen, Geburtsregistern, Transportpapieren etc.), wissenschaftlichen Dokumentationen und Beschreibungen, sowie aus (häufig aufgezeichneten) mündlichen Berichten und aus textlichen Erzählungen. Diese Texte stammen von Menschen, die nicht überlebt haben, von Überlebenden und in wachsendem Maße auch von Nichtopfern, die nicht direkt über den Holocaust schreiben, sondern ihn, nachdem er zum Archetyp des Unbeschreiblichen wurde, metaphorisch zur Beschreibung ihrer Leidens an der Welt zitieren.

Young zeigt nun, daß die Abgrenzung "authentischer" Erzählungen von "rein fiktionalen" schwer fällt, zum einen, weil bereits die nichtliterarischen Zeugnisse der Überlebenden zwangsläufig metaphorische (und nicht selten mythologische und religiöse) Elemente enthalten und zum anderen, weil viele Überlebende im Bewußtsein dieser Schwierigkeit absichtlich literarisch geschrieben haben. Fiktionale Wahrheit und historische Wahrheit bilden somit eine Einheit. Davon ist auch die wissenschaftliche Erzählung nicht ausgenommen. Alle Fakten bestehen letztlich in ihrer erzählenden Rekonstruktion.

Für Linke bleibt die Frage, wie unter diesen Voraussetzungen noch zwischen "adäquaten" und "unadäquaten" Erzählungen unterschieden werden kann? Was hält man den

Auschwitz-Leugnern entgegen, wenn man einräumen muß, daß die Fakten über den Holocaust, selbst die wissenschaftlichen (die für Linke oft die unverzichtbarsten Beweise enthalten) erzählende Rekonstruktionen sind? Zunächst: Niemand hat die Formulierung benutzt, diese Berichte seinen "nur" Erzählungen. Die Abwertung: "nur" ("bloß Konstruktionen" heißt es z. B. im ISF-Dossier) ergibt sich erst aus dem Dominanzanspruch "objektiver Theorie". Wir können nicht unter Hinweis auf Auschwitz-Leugner die "nichtwissenschaftlichen" Erzählungen herabsetzen. Und wir müssen es auch nicht, weil es ein verläßliches Kriterium gibt, wie die Erzählungen der Opfer und Überlebenden von der Kontererzählung der Leugner unterschieden werden können.

Dieses Kriterium besteht für Young darin, daß "unsere" (alltagssprachlichen, literarischen und wissenschaftlichen) Erzählungen Anregungen und Gleichnisse für Widerstand sind. Diese Erzählungen haben ja einen konkreten Inhalt, sie sind nicht indifferent, sondern identifizierbar als Erzählungen von Beherrschten. Young nennt als Beispiel einem vielfach bezeugten Vorfall: Einer jungen Frau war es gelungen, im Umkleideraum der Gaskammer einem SS-Mann die Dienstwaffe zu entreißen und ihn damit zu erschießen. Von diesem Vorfall kursierten noch am gleichen Tag in Auschwitz unzählige verschiedene Versionen. In einigen Erzählungen war es die Tat einer außergewöhnlich schönen Tänzerin, die den SS-Mann mit verführerischen Gesten anlockte, in anderen Erzählungen nutzte eine unauffällige Frau spontan eine Gelegenheit. Relevant ist aber nicht die "faktische Wahrheit", sondern daß diese Legenden über einen wirklichen Vorfall unterschiedliche Gleichnisse für Widerstand sind.

Man kann diese Bedeutungsvielfalt zulassen, weil es eine Basis für ihre Bewertung gibt: Manche Mythen sind lebenswichtig. Trotz aller Bedeutungsvielfalt ist es aber möglich, den Ereignissen einen Sinn zuzuweisen. Anders als manche "postmodernen" Schriften besagen, meint Bedeutungsvielfalt keineswegs Beliebigkeit und Relativismus.

Jene "Werttheoretiker" hingegen, die mit der berechtigten Angst vor einem politischen Relativismus ihr Spiel treiben, indem sie als anti-relativistische und anti-nominalistische Medizin eine strikte "Ableitung" von Auschwitz aus dem Wertbegriff vorschlagen ("Theorie des Antisemitismus" in Bahamas 25, Antisemitismus als Subjekt, nämlich als "zu sich selbst kommender Ausdruck", einer "Krise, die dem Kapital immanent ist" im ISF-Dossier, Jungle World, Nr. 7/1998), gehen im Unterschied zu diesen poststrukturalistisch orientierten Holocaust-Forschern niemals von den Zeugnissen der Opfer und Überlebenden aus, sondern von einer Abstraktion, weshalb sie über das, was mit den Juden geschehen ist, immer schon alles wissen. Sie brauchen den "unwissenschaftlichen" Goldhagen wirklich nicht.

Die Theoretiker als Erzähler und Diskursstifter

In diesem Dossier soll hingegen bei dieser Gelegenheit der Nachweis erbracht werden, daß die strikte Unterscheidung zwischen Fiktion und Wissenschaft auch hinsichtlich des Marxismus und des Poststrukturalismus nicht zu halten ist. In dieser Hinsicht, denken wir, haben die Autoren des Dossiers "Diskurs essen Linke auf" sich von dem denunziatorischen Ausfall der ISF dazu hinreißen lassen, auf deren Phantasma vom Marxismus als einem geschlossenen System mit einem kaum weniger homogenen Bild von Derrida und Foucault zu antworten.

Wichtiger ist jedoch, daß Thomas Lemke den Relativismusverdacht gegen Foucault nicht einfach als "Dummheit" abtut, sondern zeigt, daß Foucault, gerade weil die Wahrheit eine Geschichte hat, auf einer Beweisführung anhand historischer Dokumente beharrte. Wir möchten das dahingehend ergänzen, daß zu diesen Dokumenten und Archiven auch die nichtwissenschaftlichen Erzählungen gehören. Das "Poetisieren" der Ereignisse ist niemals ein Schweben über den Dingen, keine dem Leben äußerliche Tätigkeit. Nur wenn wir diese Praxis als eine den anderen Erzählweisen gleichberechtigte Praxis anerkennen, müssen wir sie nicht zugunsten der "Fakten" bzw. der "großen Theorien" abwerten.

Das ist für Linke gerade deshalb wichtig, weil nach der Erfahrung der "Rekonstruktion des Marxismus" (in den siebziger Jahren) nicht mehr zu leugnen ist, daß auch die linken Theorien jeweils mehr als eine Bedeutung zulassen und am Ende als Fragmente angesehen werden müssen, die sich nicht "schließen" lassen. Wenn man weiß, daß das gleiche für den Poststrukturalismus gilt, erübrigt es sich, das eine gegen das andere ausspielen zu wollen. Was wiederum nicht heißt, Marx, Adorno, Derrida und Foucault seien miteinander kompatibel. Es gibt Bedingung dafür, daß ein Diskursgegenstand (etwa Ausbeutung) sich erhält, daß er sich mit anderen Gegenständen in verwandte Gebiete einschreibt, daß er Ähnlichkeits- Nachbarschafts-, Entfernungs-, Unterschieds- und Transformationsbeziehungen herstellen kann. Was die erwähnten Theorien außer einigen Themen gemeinsam haben ist vor allem ihr mehr oder weniger verleugneter fiktionaler Anteil.

Wenn wir den erkennen und anerkennen, so unsere These, werden wir einige Sackgassen vermeiden und uns produktiver streiten können. Doch da sind zunächst einmal die politischen Biographien vor und nicht zuletzt das Kanonisierungsinteresse derjenigen, für die diese Theorien einen distinkten Sprechort (eine Laufbahn oder eine Heimat) abgeben, sei es in der Akademie oder in der linken Bewegung. Der Vermittlungsversuch zwischen verschiedenen Wissens- und Praxisformen, nicht zuletzt zwischen "altlinkem" Wissen und "neuen" Theorien scheitert bisher am Abwertungsinteresse beider Seiten.

Der Flucht in die anerkannteren "neuen Theorien" (die immerhin rund 30 Jahre alt sind) entspricht auf der politisch aktiveren "traditionellen" Seite (wir möchten zwischen riskanten und nicht riskanten Rebellionen unterscheiden: gegen Deutschland zu sein ist eine größere persönliche Investition als in Deutschland gegen dogmatischen Marxismus zu sein), eine Flucht in die werttheoretischen Rekonstruktions- und (Staats-) Ableitungsansätze der siebziger Jahre, die nun von Leuten entdeckt wurden, die damals nur Lenin lasen und deshalb meistens nicht ahnen, weshalb diese Ansätze 1978 bzw. 1983 praktisch über Nacht abstarben. Die Chance, daß die Auseinandersetzung um die Beurteilung der Forschungsergebnisse von Daniel J. Goldhagen die beiden "Welten" in eine ernstgemeinte Debatte verwickeln könnte, ergibt sich aus der immensen politischen Relevanz seiner Thesen für in der BRD lebende Linke.

Dabei ist jedoch zu bedenken, daß, nach einem Wort von Marx, die (theoretische) Logik auch das "Geld des Geistes" ist, und die Theorie daher selbst eine Art begrifflicher Tauschwert. Außerdem, und darum soll es im weiteren gehen, ist die "Kraft des besseren Arguments" nicht von den rhetorischen Mitteln, durch die es dargelegt wird, von den in Frage stehenden Subjektpositionen und von dem Spiel von Macht und Bedürfnissen, die solche Äußerungen formen, zu trennen.

Jeder Diskurs über die soziale Welt, der einen Anspruch geltend machen will, hat mit der Hierarchie zu rechnen, die den verschiedenen Erzählweisen Legitimität verleiht. Und jede Erzählweise kann ihren spezifischen Wahrheitseffekt nur hervorbringen, wenn sie sich an die Regeln hält, die für die verschiedenen Felder gelten. Die Erzählung überführt die irrationale Kontingenz in eine geregelte, bedeutsame Kontingenz. Sie verwandelt Unordnung in Ordnung, Beliebigkeit in Stringenz. Solche Erzählungen treffen wir im Alltagsleben, in der Literatur und in der Theorie. Allerdings existieren in jedem Bereich andere Anforderungen an die Konsistenz der Erzählung. Wo ein wissenschaftlicher Anspruch erhoben wird, muß die Erzählung den "Gesetzen der Logik" genügen. Der erwartete Gestus ist dann der einer "objektiven Erklärung". Verlangt sind Strukturkonstruktionen, in denen wirkliche oder behauptete singuläre Ereignisse in nicht umkehrbare Verkettungen eingebettet sind. Ein Prototyp einer erfolgreichen wissenschaftlichen Erzählung, die als Verfahren zur Herstellung historischer Rationalität funktioniert, ist Max Webers Theorie über die "Protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus". Wir verstehen sie selbst dann, wenn wir sie nie gelesen haben. Sie funktioniert sogar um so besser, je weniger wir von ihrer Datenbasis wissen.
Die Frage ist, ob das auch Marx, Adorno, Derrida und Foucault zutrifft? Ein kleiner Diskurs-Test kann das vielleicht klären:

Karl Marx, Kritiker der politischen Ökonomie (1818-1883)

Marx hat in seiner Kritik an Ricardo den Gedanken entwickelt, daß der Arbeiter dem Kapitalisten nicht seine "Arbeit", sondern seine "Arbeitskraft" verkauft. Erst mit dieser Voraussetzung gilt das Wertgesetz auch bei der Produktion der Arbeitskraft: Sie ist die besondere Ware, die den Gebrauchswert hat, mehr Wert zu erzeugen, als ihre Produktion kostet. Marx bietet auf diese Weise eine bewundernswerte, logisch untadelige Konstruktion, mit der trotz Äquivalententausch Ausbeutung erklärt werden kann. Ebenso verhält es sich mit der Verwandlung von Werten in Preise.

Marx' Idee ist, die doppelte Erscheinung des Kapitals (als Produktionsmittel, allgemeine Ware bzw. Geld) als Formwechsel derselben Substanz zu fassen. Auch hier bietet Marx auf elegante Weise ein Verfahren an, mit dem Phänomene der kapitalistischen Produktion auf zwei verschiedenen Ebenen betrachtet werden können, wobei die eine, die Wertebene, geeignet ist, ein Verständnis der inneren Dynamik des Systems zu wecken, und die andere, die Preisebene, die der Alltagsrealität näher stehenden Phänomene zu begreifen. Mit der Transformation der Werte in Preise wird zunächst Ricardo zu Ende gedacht. Der Profit ist umverteilter Mehrwert, der der Ausbeutung der Arbeitskraft entspringt. Indem Marx nun eine Transformation von Werten in Preise konstruiert, kann er die "verrückten Formen", z. B. den Zins (Geld wird für Geld gegeben), zu begreifen versuchen.

"Verrückte Formen" lassen sich nicht mit einer "rationalen Logik" erfassen, etwa mit Matrizenrechnungen. Die innere Geschlossenheit der Marxschen Darstellung und seine eigentümliche ästhetische Faszination ergibt sich erst durch seine "dialektische" Darstellung (z. B. "Transformation") und seine metaphorischen Begriffe (z. B. "Arbeitskraft"). Diese dialektische Metaphorik hat ihre Tücken. Sie bringt ein Dilemma in die Marx-Diskussion, weil keine eindeutigen Kriterien dafür existieren, wann die Darstellung einer Sache als "Widerspruch" in dem Buch "Das Kapital" nur einen wirklichen Sachverhalt in einer damals üblichen Formulierungsweise benennt, und wann das, was uns in dem Text als "Widerspruch" vorkommt, einfach ein logischer Denkfehler ist.

Gleich auf den ersten Seiten des "Kapital" stellt Marx eine folgenreiche Gleichung auf: Ein bestimmtes Quantum Eisen wird gegen ein bestimmtes Quantum Weizen getaucht. Wie ist das möglich? Weil in den zwei verschiedenen Dingen etwas Gemeinsames steckt. Im Tausch müssen die beiden Waren auf ein Drittes reduzierbar sein. Dieses Dritte ist laut Marx der Wert, als dessen "Kristall" bzw. gesellschaftliche "Substanz" er die abstrakte menschliche Arbeit bestimmt. Auf dieser Darstellung beruht nun nach Marx eigener Ansicht alles Weitere, was im "Kapital" noch zu entwickeln ist. Was aber, wenn sie nicht haltbar ist? Die Behauptung, zwei Dinge seien gleich, weil sie auf ein Drittes reduzierbar sind, bezeichnet nur eine spezifische Relation zwischen zwei Dingen, nicht aber eine Eigenschaft, nicht etwas Drittes, was diese beiden Dinge gemeinsam haben, und ganz bestimmt keine "Substanz".

Tatsächlich kann Marx seine Behauptung nur durch Analogien und Metaphern stützen. Einmal beruft er sich auf ethische Überlegungen von Aristoteles, denen zufolge der Austausch nicht "ohne Gleichheit" sein kann. Dann führt er Analogien aus der Geometrie und den Naturwissenschaften an: Das Gemeinsame verschiedener Dreiecke sei das halbe Produkt von Grundlinie und Höhe; ebenso hätten Buttersäure und Propylformat Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff gemeinsam. Aber weder die mathematische Relation noch die gemeinsame chemische Substanz der beiden Stoffe können erklären, warum Arbeit die "Substanz" des Wertes sein soll.

Ähnliche Fragen ließen sich an den Begriff des Gebrauchswertes (den Marx braucht, um einen Anfang zu machen, der aber als Anfang nicht funktioniert, weil der Gebrauchswert bei ihm schon ein Wert ist und nicht einfach ein Gut) und an etliche andere, seit Jahrzehnten in der Linken diskutierten Marxschen Kategorien stellen. Was also, wenn die Theorie von Marx auf Beweisen beruhen sollte, die (wie immerhin der Verweis auf Aristoteles vermuten läßt), einer scholastischen Disputationskunst entstammen, Beweisen, wie sie auch im Universalienstreit und bei Gottesbeweisen eine Rolle spielen (die Gemeinsamkeit von Gott und Geschöpfen besteht im Sein)? Würden wir die Beobachtungen, die er mit Hilfe dieser "Disputationskunst" machen konnte und die unsere eigenen Blick auf die kapitalistischen Verhältnis schärften, verwerfen, nur weil sie möglicherweise nicht "wissenschaftlich" und "objektiv" genug sind? Würden wir, weil sich seine Theorie nicht "schließen" läßt, bezweifeln, daß alle kapitalistische Zivilisation auf der Abpressung von Mehrarbeitszeit beruht, daß die Subjekte des Produktionsprozesses als dessen Objekte dastehen etc.?

Theodor W. Adorno, Kritiker des Tausches (1903-1969)

Während im Poststrukturalismus das Soziale in den Kategorien der Differenz gedacht wird, handelt es sich bei Adornos "dialektischem" Denken, obgleich es als "negatives" sich bezeichnet, um (aufgeklärtes) Einheits- und Identitätsdenken. In der Rede von der "dialektischen Einheit" wird das deutlich ausgesprochen: Einheit der Widersprüche, Einheit der Geschichte, Einheit der Gesellschaft. Dialektik ist eine Vorstellung, die eine verborgene Kontinuität, Gesamtsinn und Höherentwicklung in die Geschichte hineinliest. Adornos Kategorien sind daher universalistische und ethnozentrische historische Ursprungskategorien, weshalb der eigene Sprechort grundsätzlich einen blinden Fleck bildet: Emanzipation ist immer die der anderen, so wie auch nur die anderen ein "notwendig falsches Bewußtsein" haben.

Die Kritische Theorie denkt die Gesellschaft vom Subjekt her. Die diskursive Dezentrierung des Subjekts der Aufklärung, seine "Kränkungen" durch Kopernikus, Darwin, Marx, Freud, Saussure, Foucault und den Feminismus, werden als Zergehen einer ursprünglichen vollen Individualität gedacht. Die Rede von der "Entfremdung" ist daher bei Adorno eine kulturkritische, die sich einer Rhetorik des Verschwindens (z. B. das Verschwinden aller Kriterien zur Unterscheidung zwischen guter und schlechter Kunst) sowie des individuellen Standhaltens ("dem Schein des Schönen sich zu versagen") bedient.

Das bessere Feuilleton erkennt in dieser Rhetorik den eigenen kulturpessimistischen Bildungshumanismus wieder. Wer sich "in Fernsehsendungen als kritische Instanz etabliert" (Suhrkamp-Werbung zu Adornos Werken), muß damit rechnen, daß der Sound der eigenen Theorie am Ende schnöde Warenkunde in Popmagazinen aufwertet (Testcard, Spex) oder umgekehrt dazu benutzt wird, den "Geist" der Oper distinkt gegen den warenfetischistischen "Ungeist" des Rap auszuspielen (C. Nachtmann in Jungle World 12/1998).

Um eine historizistische Konzeption "humanistischen" Gepräges, handelt es sich auch bei Adornos Theorie des Tausches. Indem er die (vor allem von Pierre Bourdieu nachgewiesene) Vielfalt sozialer Austauschverhältnisse auf Warentausch und Eigennutz reduziert (und nebenbei sein Desinteresse am Tausch zwischen Kapital und Lohnarbeit, am Kredit, an der Profitrate etc. kundtut), glaubt er einen geschichtsphilosophischen Generalschlüssel in der Hand zu haben. Tausch ist hier "materialistischer" Ersatz für den Schein der klassischen Metaphysik oder den Geist von Hegel. Das Tauschprinzip, das bei Adorno nur eine Metapher ist ("die Reduktion menschlicher Arbeit auf den abstrakten Allgemeinbegriff der durchschnittlichen Arbeitszeit ist urverwandt (!) mit dem Identifikationsprinzip") reicht bei ihm für sehr weitgehende Schlußfolgerungen: Die totalitäre Tauschlogik dehnt sich einfach aus.

Adorno spricht von der "Expansion des Tauschverhältnisses über das gesamte Leben". Es wird totalitär, schafft die total vergesellschaftete Gesellschaft, gräbt sich in die Individuen, tilgt das Besondere und Differente, zerstört das frühbürgerliche, noch halbwegs nichtentfremdete Subjekt, bis das Allgemeine das Besondere (die Substanz des Allgemeinen!) abgeschafft hat, womit es aber sich selbst abschafft, weil es das Besondere braucht. Davon abgesehen, daß das nur "logische Spekulationen" sind, die ihren "dialektischen" Beweis in sich selbst haben, wird der Tausch hier substantialisiert und zum unhintergehbaren Ausgangspunkt. Daß Adorno sich für die vertrackte Marxsche Wertformanalyse nicht interessiert, der er seine Tauschidee entliehen hat, kann im Dossier "Adorno-No-No" nachgelesen werden.

Der metaphorische Stamokap-Marxismus der Frankfurter Schule entstand bekanntlich im Inneren des leninistischen Marxismus. Deshalb kommt er bei Menschen, denen die deutlichere Sprache der Stichwortgeber (die z. B. aus der "Dialektik der Aufklärung" nachträglich entfernt wurde) heute zu deutlich ist, bei ehemaligen Leninisten gut an. Sie erkennen die old school. Ob sie hingegen das Neue erkennen, das Adorno aus seinen metaphorischen Anleihen beim Marxismus-Leninismus entwickelt hat, darf bezweifelt werden. Man sollte nicht übersehen, daß es die ISF und die Berliner Bahamas-Gruppe war, die 1993 vehement den hegelianischen "Rasse"-Diskurs von Christoph Türcke verteidigten.

Mit dieser Auseinandersetzung begann übrigens unsere Kontroverse.

Jacques Derrida, Theoretiker der Differenz (geb. 1930)

Die Zielrichtung von Derridas Arbeiten kann darin gesehen werden, die subjektzentrierte abendländische Metaphysik und das damit verbundene Einheitsdenken auzuhöhlen. Dazu arbeitet er die mit der Vorstellung einer ursprünglichen Einheit des Sozialen nicht kompatiblen (marginalisierten?) Denkmuster heraus. Dieses Verfahren nennt er Dekonstruktion. Nach seiner Meinung privilegiert das Einheitsdenken immer schon den Inhalt vor der Form, die Bedeutung vor der Schrift, das Subjekt vor dem Objekt. Diese angeblich abgewerteten Momente - nicht nur in der Kunst, auch in der Werbung, in den Videoclips etc. rangiert "Form" immerhin vor "Inhalt" -, möchte er aufwerten.

Derrida will uns also sagen, daß das, was als Ursprung, Logos und Gott bezeichnet wird, keineswegs etwas Vorausgehendes ist, sondern erst in einem Prozeß der Differenzierung hergestellt wurde. Deshalb artikulieren seine Texte keinen vorab existierenden Sinn, sondern ihr Sinn konstituiert sich erst im Zusammenspiel mit Schrift und Begriffen. Woraus folgt, daß Texte mehr als nur eine Sinngebung erlauben, eine für Linke, die sich einmal am Projekt der "Rekonstruktion" von Marxens Texten beteiligt haben, durchaus relevante Erkenntnis.

In der metaphysischen Tradition wird das Konkrete, heterogen Einzelne von einem Ursprung her gedacht. Adorno nennt das "identifizierendes Denken", glaubt aber, daß es keine Alternative zu diesem Denken gibt, da wir immer in Begriffen denken. Nur in der Kunst sieht er ein Diskurs-Modell, in dem das Sinnbegehren wegen der Vieldeutigkeit des Kunstwerkes zurückgewiesen wird. Derrida möchte dieses Denken wenigstens aufschieben. Sein auf Uneindeutigkeit pochender Begriff "différance" bringt hier jedoch nichts Neues, weil auch Begriffe wie "Sein" oder "Gott" höchst rätselhaft sind.

Das alte Schema kehrt deshalb auch bei Derrida zurück. Seine Texte, die oft nur endlose kryptische Wortspielereien sind, produzieren durch ihren Nicht-Sinn doch wieder Sinn und damit "Ursprung". Auch Derrida verdoppelt die Welt in Welt und Idee. In einer polemischen Umkehrung der These von Jacques Derrida, der abendländische Geist sei "logozentrisch", behauptet daher Michel Foucault, dieser Geist sei im Gegenteil von einer "Logophobie" beherrscht. Ein fetischisiertes Differenzprinzip verdiene nicht weniger Skepsis als der Identitätsgedanke. Außerdem warf er ihm vor, sich nicht für historische Ereignisse zu interessieren, was jedoch seit Derridas Buch "Marx' Gespenster" hinfällig ist. Nach Foucault betreibt Derrida "eine Reduktion der diskursiven Praktiken auf ihre textlichen Spuren". Für ihn gebe es nichts außerhalb des Textes, womit er den Stimmen der großen Meister eine unbegrenzte Autorität verleihe. Auch er betreibe eine Disziplinartechnik.

Michel Foucault, Theoretiker der Disziplinargesellschaft (1926-1981)

Mit einer Reihe von Untersuchungen hat Foucault eine "Genealogie des modernen Subjekts" vorgelegt. Er isolierte einen neuen Typ der Macht, der sich im neunzehnten Jahrhundert herausbildete und am Beginn dieses Jahrhundert voll zur Geltung kam: die "Disziplinarmacht". Diese beschäftigt sich mit der Regulierung, Überwachung und Kontrolle sowohl der Menschheit oder ganzer Bevölkerungen als auch des Individuums und des Körpers. Ihre Schauplätze sind die neuen Institutionen, die sich während des neunzehnten Jahrhunderts entwickeln und die Bevölkerungen polizeilich verwalten, überwachen und disziplinieren - in Betrieben, Kasernen, Schulen, Gefängnissen, Heimen und Kliniken.

Foucaults Untersuchungen über Konditionierungsvorgänge im Zug der Kapitalisierung gehören heute einfach zum Wissensbestand. Es war Marx, der die strukturellen Voraussetzungen der Disziplinargesellschaft seit den Zeiten der sogenannten ursprüngliche Akkumulation zum Thema machte, und Foucault wußte das. Sein Thema war allerdings nicht die "Geschichte" der politischen Maßnahmen. Ihn interessierten die Formen des Wissens, der Macht und der Subjektivität, die sich in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt haben. Anders als viele Linke, für die die Wertvergesellschaftung das Wesen und die Gefängnisse die Erscheinung darstellen, kann er nirgends einen letzter Grund entdecken. Gefängnisse gehören bei ihm zu dem Prozeß, den Marxisten Kapitalisierung nennen.

Aber trotz allen anti-essentialistischen Bemühungen beruht auch bei Foucault Geschichte auf einer geheimnisvollen, durch interne Widersprüche bestimmten Selbstbewegung. Indem er lange Zeit ignorierte, daß die kulturelle Ordnung von Akteuren und Institutionen bestimmt wird, die sie erst aktiv werden lassen, blieb ihm nur eine abstrakte und idealistische Auffassung von Kultur und Geschichte ohne Akteure und Institutionen.

Am Ende sieht er sich genötigt, von dem Konzept einer Selbstbewegung (werttheoretisch: dem "automatischen Subjekt") Abstand zu nehmen. Derrida warf seinem Lehrer Foucault schon 1963 vor, er halte an der Subjektidee fest. Sein Subjekt sei der Wahnsinn, den er als fiktiven Ort des Exils (als fiktives Außen) aus einer binären Konstruktion von Vernunft vs. Wahnsinn gewinne. Dies sei sein "Anfang", seine Substanz. Außerdem zeigte sich bei Foucault, daß der theoretische Nutzen der These vom nicht-essentialistischen Charakter der Diskurse verloren geht, wenn der Begriff der Macht so entgrenzt wird (keinen Hegemoniebegriff hat), daß diese Macht schließlich selbst wie eine Substanz erscheinen muß.

Wie bei den anderen Erzählern, gibt es auch bei Foucault wechselnde Perspektiven und Etappen. Vom Philosoph einer freien Subjektivität wandelte er sich zum Theoretiker des autonomen Diskurses, entdeckte die eher "materialistischen" diskursiven Praktiken und wurde vor seinem frühem, durch eine Aids-Erkrankung verursachten Tod, zu einem Existenzphilosophen und Befürworter der Staatsmacht. Jede seiner zentralen Kategorien - Diskurs, Praktiken, Macht - erfuhr mehrfache dramatische Veränderungen - bis zur radikalen Umkehr. Am Ende scheint es, als hätte er seine Propaganda einer absoluten Determination selbst nicht mehr ertragen. Auch von Foucault können wir deshalb sagen: Wir nahmen an einem sehr produktiven Denkprozeß teil, der dennoch für das Mißlingen einer bestimmten Art von abstraktem Denken steht. Die Macht des Diskurses ist deshalb nicht aufgehoben. Sie ist nur nicht absolut.

Das Phantasma der Schließung

Alle hier in Kurzfassung präsentierten Theorien genügen dem Anspruch der Konsistenz nicht, den sie selbst mehr oder weniger deutlich erheben. In Wirklichkeit sind sie zerfurchte und zerklüftete Felder mit deutlichen Spielräumen, Engpässen und Barrieren. Das knappe Urteil, das Engels über Hegel fällte - "epochemachende Verdienste", aber "im Detail vieles geflickt, gekünstelt, konstruiert", gilt gleichermaßen für Marx, Adorno, Derrida und Foucault. Marx hat keine abgeschlossene Fassung seiner Arbeitswertlehre hinterlassen. Seine Wertformanalyse existiert in drei unterschiedlichen Fassungen, weil nach seiner eigenen Überzeugung "selbst gute Köpfe die Sache nicht ganz richtig begreifen".

Die ästhetische Theorie von Adorno ist nicht weniger labyrinthisch wie die Diskurstheorie von Foucault. Alles besteht aus Brüchen, Abbrüchen und Fragmenten. Es heißt dann, sie sind nicht fertig geworden, zu früh gestorben. Aber wir ahnen bereits, daß sie nie fertig geworden wären. Theorien funktionieren nur in bestimmten Zeiten und Kontexten. Danach zeigt sich, daß sie unabgeschlossene Fragmente geblieben sind, was dann wieder Produktionsprozesse wie Rekonstruktion, Reinterpretation, Ergänzung etc. auslöst und somit neuen Kräften die Möglichkeit bietet sich mit ihren Ansätzen, Kritiken, Affirmationen etc. in Szene zu setzen.

Adornos postum erschienene "Ästhetische Theorie" (1970) ist ein solches Fragment und es gilt trotzdem (neben der Negativen Dialektik) als sein "eigentliches philosophischen Vermächtnis." Tatsächlich haben sich diese Theorien trotz ihrer offensichtlichen "Lücken" innerhalb von Wahrheitsdiskursen in die historischen Erfahrungen eingeschrieben und nicht wenigen Beherrschten geholfen, ihre Lage und ihre Ansprüche zu beschreiben. Jede der erwähnten Theorien hat eine neue Sprache geschaffen, in der man über Ausbeutung reden kann. Wenn es um Kredit und Akkumulation geht, werden wir weiterhin bei Marx am meisten erfahren, dafür aber über das Sexualdispositiv mehr bei Foucault. Auch hier gilt, was James E. Young sagte: Diese Erzählungen sind Anregungen und Gleichnisse für Widerstand.

Linke Theorien müssen sich mit ihrer Unabschließbarkeit abfinden. Ihr Schwebendes ist einerseits Ausdruck der Unausdrückbaren, andererseits aber auch von mangelnder Objektivierungsmacht. Sie stoßen nicht nur an die Grenzen des abstrakten Denkens und der äußeren Umstände, sondern auch an die Grenzen konkurrierender Theorien. Andererseits gibt es auch Ergänzungen. Bei Marx und Foucault ist das evident, es gibt eine wechselseitige Implikation von Disziplinarregime und Ausbeutung. Die Reproduktion der ökonomischen Verhältnisse geht mit Disziplin und Wahrheitsregime einher.

Foucault spricht seinerseits ab 1976 auch von Klassensexualität: "Unbestreitbar ist eine der wesentlichen Formen des Klassenbewußtseins die Affirmation des Körpers." Auch die Parallele zwischen Foucaults Untersuchung der Gefängnisse und Marxens Untersuchung der Fabrikgesetzgebung ist nicht zu übersehen. Disziplin ist die andere Seite der ökonomischen Ausbeutung und der politisch-juristischen Herrschaft. Diese Mikromacht funktioniert wie ein Verbindungsstück zwischen Ökonomie und Politik.

Es versteht sich, daß die Auseinandersetzungen zwischen den erwähnten Theorien nicht aufhören werden. Ob diese jedoch in der Sackgasse einer Rekonstruktion enden müssen, ist eine andere Frage. Die von der Idee der Schließung angetriebenen Rekonstruktionsvorhaben glaubten an den authentischen Text. Man wollte den Text endlich richtig lesen - als Original. Wir sprechen hier aus Erfahrung. Hans-Georg Backhaus, Georgios Stamatis und andere waren die Helden dieser Zeit. Unter dem Programm der Rekonstruktion formierten sich ab 1970 theoretische Zirkel, die durch systematische Lektüre des Marxschen "Kapital" eine theoretische Basis für die linke Praxis schaffen wollten. Daß Texte mehrdeutig sind, war damals noch kein verbreitetes Wissen. Heute gibt es aber keinen Grund, den Fehler noch einmal zu machen.

Heute kann man erkennen, daß die vier erwähnten Ansätze nicht trotz ihrer Unabgeschlossenheit, sondern gerade wegen ihr so sprechmächtig wurden. Ihre Lücken sind sozusagen ihre Verbindung zum Leben. Wissenschaft nimmt niemals alles Wissen in sich auf, qualifiziert jedoch (meistens in Verkennung ihres eigenen Erzählcharakters) gerne das außer ihr Liegende als Einbildung ab. Umgekehrt entzieht sich ein bestimmtes Wissen ganz bewußt der Wissenschaft. Die sprengende Kraft der Dialektik der Aufklärung besteht daher gerade darin, daß sie nicht der geschlossene sozialphilosophische Entwurf geworden ist, der Horkheimer vorschwebte, sondern ein Fragment voller spekulativer und metaphorischer Interpretationen. Was im Gedächtnis bleibt, ist die metaphorische, das bürgerliche Subjekt affirmierende Odyssee-Interpretation, ist die Erkenntnis vom Verhängnis aufklärerischen Denkens, das in sein Gegenteil "umschlägt".

Die (meistens verleugneten) ästhetischen Anleihen bei Metaphern, Analogien und vor allem beim beim Theater (theorema = Schauspiel) sind notwendig, weil das kategoriale Identitätsdenken scheitert muß. In dem "Kapital" von Karl Marx, der schon mit dem "Kommunistischen Manifest" romantische Weltliteratur geschrieben hatte, finden sich auf den ersten 30 Seiten ein Dutzend metaphorischer Ausdrücke. Es bleibt stets unklar, wo die Metapher anfängt und wo man ihn wörtlich nehmen muß. Rosa Luxemburg meinte, das Buch sei mit "Rokoko-Ornamenten im Hegelschen Stil" überladen. Und in der Tat, wer kann schon genau sagen, was ein "prozessierender Wert", eine "Keimzelle" oder ein "Gespenst" ist? Und wozu die Theatralisierung bei Marx, seine Sprache der Bühne, wo die Waren und Charaktermasken ihren Auftritt haben? Man kann solche Metaphorik aber auch als legitimes Vortasten begreifen. Das reale Kapital wird bei Marx einmal sehr schön als ein monströser Doppelgänger geschildert, der in fernen Ländern umgeht, während sein Herr schläft. Deutet das nicht darauf hin, daß man die fiktionale Rede braucht, um Theorie zu machen?

Bei Adorno, bei dem jeder Satz ein kleines Meisterwerk sein muß, wird das deutlich: Absichtsvolle Brüche und Wendungen sollen das identifizierende Denken in die Irre führen. Alles, was Adorno schrieb, auch seine privaten Briefe, ist zudem geradezu durchmusikalisiert: "Dreiklangharmonien" werden mit dem "Geld in der Wirtschaft" verglichen. Und was ist Dekonstruktion anderes als eine stilkritische Betrachtungsweise, die der Rhetorik den Vorrang vor der Logik gibt und eine starke literarische Dimension hat? Foucault wiederum bevorzugte das Vokabular der Geometrie: Räume, Linien, Rahmen, Segmente, Anordnungen. Das Denken ist in seinem Bezug zur Metapher nicht zu unterbinden.

So hat schließlich jede Theorie ihren eigenen Sound. Nach zwei oder drei Sätzen haben wir sie erkannt und auch die Fans der einzelnen Ansätze erkennt man schnell am ihren Bemühungen, diesen Sound zu imitieren. Die Faszination entspringt dabei nicht nur dem Interesse an Erkenntnis. Es sind immer ein symbolischer Mehrwert und Phantasmen im Spiel. Der Bahamas-Autor Clemens Nachtmann, der sonst von diesen Dingen nichts wissen will, hat kürzlich in dem Jungle World-Dossier "Adorno-No-No" in werbender Absicht über sein Vorbild gesprochen. Dabei ist ihm die Erkenntnis unterlaufen, daß die Lektüre Adornos "zuweilen so fesselnd" sei "wie die eines Romans, von dem man nicht mehr los kommt". Das ist es, was wir hören wollten.

Ohne diese Stil-Elemente wäre die Effizienz linker Theorien nicht zu erklären, die Tatsache nämlich, daß sie es vermögen, Subjekte in einer derart leidenschaftlichen Weise für sich einzunehmen. Erst der Kurzschluß zwischen Aussage und Stilelementen wie "begriffliche Strenge" oder "geschmeidige Formulierung" rückt sie an das individuelle Leben heran. Das "automatische Subjekt" mag ein totaler Unsinn sein, aber es ist doch ein Rätsel, das neugierig macht. Wir sprechen hier vom Begehren der Theorie. Vom Versuch, in das Geheimnis einzudringen, den Über-Blick zu erlangen, dem Hegelschen Pathos des "Durchdringens", vom freien Wechsel zwischen "objektiver Vogelperspektive" und "subjektivem Blick" etc. Es ist der Glaube, die Determiniertheit der (anderen) subjektiven Schicksale erkennen zu können, ohne zu bedenken, daß Totalität ein Außen nicht kennt, von dem aus das gesehen werden könnte. Dieser Blick geht immer dem voraus, was er sieht.

Aber Fiktion ist ein System zur Herstellung von Einsicht. Während die Theorie das ist, was erzählt wird, ist die Fiktion die heimliche Ordnung der Erzählung. Die Signatur des Autors (auch seine Biographie und Glaubwürdigkeit) gibt der Erzählung schließlich ihre authentische Einheit und sorgt dafür, daß sie in die Wirklichkeit eingehen kann. Man kann das Ganze auch so sehen: Bürgerliche Wissenschaft ist der Versuch, Nichtklares klar zu denken und an "verrückte Formen" rationale Kriterien anzulegen. Sie produziert auf diese Weise nur Affirmation. "Linke Wissenschaft" ist hingegen das "Denken eines an sich Unklaren" (Adorno). Sich dies einzugestehen, heißt, sich zu den literarischen Elementen der eigenen Erzählung zu bekennen, auch dazu, daß die Schließung (mit oder ohne Dialektik) nicht gelingt und die großen Theoretiker ihr Werk nie vollenden können. So kann man mit den Fragmenten von Marx bis Foucault gelassener umgehen. Man muß sie nicht kanonisieren, die Brüche nicht verdecken, die Paradoxien der Wirklichkeit und der Sprache nicht rationalisieren.

Nur ein Nachwort noch zu Heidegger, der wirklich zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP war: Herbert Marcuse, 1928 Heideggers Assistent, war, wie er berichtete, völlig überrascht von dieser Wendung zum Nationalsozialismus. Hannah Arendt, die mit Heidegger eine Liebesbeziehung hatte, und Paul Celan, der ihn zweimal besuchte, konnten es auch nicht glauben. Es gibt in der "abendländischen Kultur", wie Edward Said nachwies, keine unmittelbaren Verbindung zwischen philosophischen Systemen und politischen Überzeugungen. Genau das ist das Problem: Die politischen Phantasmen, das wollten wir hier zeigen, setzen sich über solche verschwiegenen Wege wie Stilfragen durch. Am Stil hätte man vielleicht den Nazi in Heidegger schon früher erkennen können. Aus seiner Philosophie geht das aber nicht hervor.