22.04.1998

Supermärkte für die Banken

Die Fusionswelle der US-Kreditinstitute zielt auf die Privatisierung der europäischen Sozialversicherungen

Wenn Elefanten tanzen, schwankt der Boden. Zumindest das internationale Finanzparkett kam vergangene Woche ins Wanken, als eine Welle von Fusionen durch die amerikanischen Bankenwelt fegte. Die Verbindung zwischen der BankAmerica und NationsBank sowie von BancOne und First Chicago folgte nur eine Woche auf den Paukenschlag der Fusion von Citicorp und Travelers zur Citigroup, mit 700 Milliarden Dollar Bilanzsumme nun der weltweit größte Konzern für universelle Finanzdienste. Die Citigroup läßt damit die bisherigen Spitzenreiter, die Tokyo Mitsubishi und die schweizerische UBS hinter sich. Die "neue" BankAmerica wird mit 570 Milliarden Dollar zum weltweit viertgrößten Finanzkonzern aufsteigen, dicht gefolgt von der Deutschen Bank.

Die amerikanischen Finanz- und Bankenkonzerne sind damit wieder international führend, nachdem sie sich noch vor zehn Jahren in einem äußerst desolaten Zustand befunden haben. Unter den weltweit zwanzig größten Kreditinstituten war damals kein einziges US-Unternehmen zu finden. Auf dem heimischen Markt sorgten Vorschriften, die noch zum Teil aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 stammten, dafür, daß sich zwischen Pazifik und Atlantik kein landesweites Institut etablieren konnte. Zudem führte die Krise der Spar- und Leihkassen Mitte der achtziger Jahre zu massenhaften Pleiten bei den Regionalbanken - noch 1991 hatte der damalige Präsidentschaftskandidat Ross Perot im vollen Ernst vor einem Kollaps des amerikanischen Bankensystems gewarnt. Im internationalen Geschäft hatten die US-Banken mit massiven Zahlungsschwierigkeiten ihrer lateinamerikanischen Schuldnerländern zu kämpfen.

Die Fusionswelle könnte nun zu einer neuen Vormachtstellung der amerikanischen Finanzgiganten führen - während die bisher dominierenden japanischen Banken vor allem mit ihrer eigenen Krise beschäftigt sind. Mit dem Elefantenhochzeit von Citicorp und Travelers Group haben sich die Chancen sehr verbessert, daß in den USA die bisherige strikte Trennung zwischen traditionellen Bankwesen, Wertpapiergeschäft und dem Versicherungssektor aufgehoben wird. Damit würde die Schaffung von Allfinanzkonzernen möglich - Unternehmen, die vom Girokonto über den Aktienhandel bis zur Rentenversicherung alles bieten.

Sollte die Verschmelzung von Bank- und Versicherungsgeschäft erfolgen, blieben die Mega-Hochzeiten nicht auf Finanzmärkte in der neuen Welt beschränkt. Dann wäre auch mit transatlantischen Verbindungen zu rechnen, die die aktuellen Allianzen weit in den Schatten stellen könnten. Die Fusionswelle ist auch eine Reaktion auf die massive Deregulierung und die Umbrüche der europäischen Sozialsysteme in den letzten Jahren. Hier bietet sich in naher Zukunft ein neuer gigantischer Markt. In Deutschland glaubt beispielsweise außer Norbert Blüm schon lange niemand mehr, daß die Rentenkassen auch noch in zwanzig Jahren sicher sind. Wer die Garantie auf ein einigermaßen akzeptables Einkommen im Alter haben möchte, setzt lieber auf die privaten Rentenversicherungen. Die Entwicklung gilt europaweit: Der Staat sorgt für die Grundsicherung; wer mehr möchte, muß sich immer häufiger an private Institute wenden. Die Kreditunternehmen sind daher bestrebt, eine möglichst breite Produktpalette anzubieten und den Markt auch geographisch auszudehnen.

Die möglichst breite Streuung des Angebots ermöglicht zudem eine Minimierung der Risiken, die bei den sich rasant verändernden Märkten zu erwarten sind. Ein weiterer Vorteil der Fusionen: Die zunehmend hohe Kosten können auf möglichst viele Kunden abgewälzt werden, die Zusammenlegung ermöglicht auch drastische Personaleinsparungen.

Die Finanzinstitute folgen dabei einem Trend, der in fast allen Branchen dominiert. Mega-Allianzen in der Luftfahrt, Telekommunikation oder Computerbranche sind selbstverständlich. Nur der permanente Konzentrationsprozeß scheint noch die gewünschten Dividendenausschüttung für die Aktionäre zu gewährleisten. Und nebenbei erledigt sich damit auch noch die neoliberale Legende, Deregulierung und freie Märkte führten zur Abschaffung von Monopolen.