13.05.1998

Daimler schluckt Chrysler

Mit der größten Fusion der Industriegeschichte will der deutsche Konzern auf dem US-Markt Fuß fassen

Where the hell is Untertürkheim? Zwischen Lake Michigan und Lake Erie wird die Geographie neu geordnet, und die auf den internationalen Landkarten gewiß wenig bewanderten Chrysler-Arbeiter werden sich neue topographische Kenntnisse aneignen müssen. Untertürkheim is in Europe, Germany, Baden-Württemberg County. Und da sitzt ihr Boß: Jürgen Schrempp. Auburn Hills, Sitz von Chrysler, bleibt, was es wohl immer war - ein verlorenes Kaff inmitten endloser Weizenfelder irgendwo zwischen Detroit und Chicago. My private Michigan.

Denn entgegen der Harmonie ausstrahlenden Show, die die Megafusion der internationalen Automobilindstrie in der vergangenen Woche begleitete, sind die Machtverhältnisse in dem neuen Konzern - mit einem Umsatz von 234 Milliarden Mark drittgrößter Fahrzeugproduzent der Welt - klar verteilt. Von einer gleichberechtigten Fusion kann dabei kaum die Rede sein: Daimler schluckt Chrysler. Die bisherigen Anteilseigner von Daimler Benz, allen voran die Deutsche Bank, werden an der neuen Daimler-Chrysler AG 57 Prozent der Anteile halten, die bisherigen Chrysler-Aktionäre 43 Prozent. Zudem wird der fusionierte Konzern eine Gesellschaft deutschen Rechts, die zunächst von Chysler-Chef Robert Eaton und Schrempp gemeinsam geführt, dem Vernehmen nach aber in drei Jahren von Schrempp allein beherrscht werden soll. Eaton soll sich dann im Aufsichtsrat zur Ruhe setzen.

Kein Wunder, daß sich auch die deutschen Belegschaftsvertreter mit Kritik an dieser ungeheuren Machtkonzentration - der Konzernumsatz übersteigt das Bruttoinlandsprodukt so mancher Staaten - deutlich zurückhalten. "Wir stehen der Fusion nicht ablehnend gegenüber", so der stellvertretende Vorsitzende des Daimler-Benz-Konzernbetriebsrates, Alfons Görgemann. Sie könne durchaus einige Vorteile mit sich bringen, allerdings seien noch einige Fragen zu klären. Auch der IG-Metall-Pressesprecher Jörg Barczynski sieht zuächst "die Chancen des Zusammenschlusses". Fest stehe, daß die Fusion die Absatzchancen beider Unternehmen erhöhen werde. Beunruhigt zeigen sich die Gewerkschafter lediglich über den Umstand, daß die geballte Macht beim Einkauf den Druck auf die Zuliefererfirmen weiter erhöhen könnte, was zu Arbeitsplatzverlusten bzw. schlechteren Arbeitsbedingungen führen könnte.

Die beiden Autokonzerne scheinen für ihre Fusion, deren geradezu klandestine Vorbereitung im Unterschied zu dem in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Hickhack um Rolls Royce schon eine Leistung an sich darstellt, prädestiniert zu sein, kommen sie sich doch in ihrer Produktpalette kaum in die Quere. Darüber hinaus ermöglicht es Chrysler, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen, wo sich die US-Amerikaner bislang mit einem Anteil von einem Prozent begnügen müssen.

Entscheidender aber ist der Sprung der Deutschen über den großen Teich. Immerhin ist dies - den endgültigen Euro-Beschluß im Rücken - der erste eines europäischen Autokonzerns überhaupt. Bisher dümpeln die deutschen Autokonzerne in den USA bei einem Marktanteil von fünf Prozent vor sich hin - trotz aller Erfolge und Werksneubauten in den Südstaaten. Mit der Übernahme von Chrysler hat sich der Anteil auf dem nach wie vor größten Automarkt der Welt vervielfacht. Der wird noch von den großen Drei aus Detroit dominiert. General Motors ist mit einem Umsatz von rund 178 Milliarden Dollar sowohl in den Vereinigten Staaten als auch weltweit ungeschlagen die Nummer eins, gefolgt von Ford mit 153 Milliarden. Chrysler allein bringt es auf 61 Milliarden Dollar. Zusammen kommen sie auf einen Anteil von zwei Dritteln.

Allerdings: Die amerikanischen Konzerne haben innerhalb von zehn Jahren fast ein Drittel ihres Marktes an die japanische Konkurrenz abgeben müssen. Ausschlaggebend für den japanischen Erfolg war aber weniger der Import preiswerter Fahrzeuge, sondern vielmehr die Strategie, eine größere Zahl von Fabriken direkt in den USA zu bauen. Ähnlich verfuhr bisher Daimler. Die niedrigeren Lohnkosten spielten dabei, entgegen aller Standort-Propaganda, keine Rolle - entscheidend war nur die Präsenz vor Ort. Die hat Daimler nun mit dem Chrysler-Coup signifikant verbessert.

Nebenbei entsteht ein Gigant, der noch so manche Regierung das Fürchten lehren wird. Wenn VW-Chef Ferdinand Pi'ch niest, zückt Gerhard Schröder eilfertig ein Taschentuch. Nun droht Clinton eine neue Affäre: Seit einiger Zeit macht sich Schrempp an den US-Präsidenten heran. Niemals wäre die Übernahme gelungen, wenn Daimler nicht schon vor Jahren seine Bilanzierung auf das US-System GAAP umgestellt hätte. An Daimler-Chrysler aber kommt in den USA künftig niemand vorbei - trotz Sonderfahrspuren für Autos, in denen mehr als eine Person sitzt.

Für Schrempp war das ein hartes Stück Arbeit, die er in Wildwest-Manier erledigte. Hatte sich der frühere Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter noch zu der Idee verstiegen, einen Super-Techno-Konzern zu schmieden, blieb nach dem Scheitern, das heißt rapide fallenden Renditen, Schrempp nur noch übrig, die Aktionäre mit einem neuen Kurs der konsequenten Wertsteigerung ihrer Anteile zu beglücken - shareholder value ging fortan in den deutschen Sprachgebrauch ein. Die Übersetzung ist simpel: Keine Mätzchen mehr! Defizitäre Geschäftsbereiche wurden ohne Rücksicht auf Verluste anderer abgestoßen - AEG und Fokker sind nur die bekanntesten Beispiele -, der Dasa wurden mit dem Dolores-Programm massive Rationalisierungen verordnet.

Gleichzeitig wurde das Kerngeschäft ausgebaut: Autos, Autos, noch mehr Autos. Zu diesen Bemühungen können getrost auch die etwas unglücklichen Versuche mit der A-Klasse gezählt werden. Erst diese Konzentration auf das Kerngeschäft aber ermöglicht es Daimler, zum wahren global player zu werden. Daimler-Chrysler scheint dabei das Lehrstück über die Globalisierung zu sein. Immer weniger und immer größere transnationale Konzerne beherrschen die Weltmärkte. Und: War zu Lenins Zeiten eine derartige Eroberung eines neuen Absatzmarktes ohne Weltkrieg undenkbar, goutiert nun die Weltöffentlichkeit Schrempps Coup mit Wohlwollen. Globalisierung ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.