13.05.1998

Jugend trainiert fürs Museum

ArtGenda: Diskursiver One-Night-Stand und nicht-subversive Aktion auf der 2. Biennale junger Kunst rund um das Baltische Meer. Beobachtet

Vom FrühsommeÄr euphorisierte Menschen treiben über den Platz. Kreuz und quer in kleinen Gruppen ziehen die einen in die Katakomben einer Unterführung, die anderen huschen die flachstufige Treppe hinauf und biegen links in Richtung Altstadt ein. Rechts davon erleuchtet eine gut 40 Meter hohe Glasskulptur die Szenerie.

"Eine architektonische Perversion" sei der Platz, belehrt ein Architekturstudent aus Deutschland seine mitgereisten Kommilitonen anderer Fachbereiche. Mit ausladender Geste unterstreicht er sein vernichtendes Urteil. Fünf Hochhäuser, wie flache Steckmodule gestaffelt, laufen als augenfälligste Merkmale sozialdemokratischer Stadtplanung der frühen siebziger Jahre auf den Sergels Torg zu. Ihnen gegenüber, längs des Platzes, liegt ein mächtiger gläserner Gebäuderiegel. Das fünfstöckige Kulturhuset wirkt wie ein Hochseedampfer, der im Abrißgebiet von Norrmalm, dem Stadtteil nördlich der Altstadt, wie zufällig steckengeblieben ist. Gerne interpretieren die GastgeberInnen das Gebäude als Vorläufer des Centre Pompidou in Paris. Im Inneren des von Peter Celsing entworfenen Baus aber herrscht dieser Tage ein besonders aufgeregtes Hin und Her.

Aus 16 Städten rund um das, was in Deutschland Ostsee heißt, sind junge Kulturschaffende eingeladen, um im Rahmen der ArtGenda-Biennale ihre künstlerischen Projekte vorzustellen. Neben Tanz, Theater, Architektur und Bildender Kunst finden sich hier auch Musik, Film, Mode und Literatur versammelt. Das hört sich unübersichtlich an, doch im Vergleich zur ersten ArtGenda von 1996 in Kopenhagen, die mit 800 TeilnehmerInnen und einem über die ganze Stadt verteilten Programm noch völlig überladen wirkte, bleibt die ArtGenda hier in Stockholm mit rund 380 TeilnehmerInnen überschaubar.

Die Teilnahme an der ArtGenda ist für die KünstlerInnen mit einem bis zu zehn Tage währenden freien Aufenthalt in der schwedischen Hauptstadt verbunden. Ein umfangreiches Workshop- und Seminarprogramm soll dafür sorgen, daß auch was passiert. Einen vom Hybridworkspace der letzten documenta inspirierten Salon organisiert eine Hamburger Crew um Claus Friede und Frank Fietzek. Der ArtGenda-Salon soll im Jugendraum des Kulturhuset einen kommunikativen Stützpunkt bilden.

Die lange vernachlässigten und kulturell als bedeutungslose Peripherien angesehenen Regionen Nordeuropas treten im Kulturtransfer mit zunehmendem Selbstbewußtsein auf. So gehört auch die ArtGenda zum mit Nachdruck verfolgten Plan, der baltischen Region ein neues Image zu geben. Dabei stehen immer wieder auch Rivalitäten der Länder untereinander im Weg. Von den ersten Schritten, die Ende der achtziger Jahre mit der Arsbaltica unternommen wurden, bis hin zu den heute in Hülle und Fülle in zahlreichen Städten Westeuropas initiierten Ausstellungen skandinavischer Kunst lag ein langwieriger Bewußtseinswandel.

Ziemlich hartnäckig hielt sich hierzulande die Vorstellung, zeitgenössische, international orientierte Kunst fände im nördlichen Europa nicht statt. Die ArtGenda kann aber bereits darauf verzichten, den Gegenbeweis zu führen. Daß es sich bei dem Event, das sich mit einem Etat von ungefähr sechs Millionen Kronen sehen lassen kann, um eine Versammlung von KünstlerInnen handelt, die durchweg nicht älter als 30 Jahre sind, verleiht ihm seinen besonderen Charakter. So wird hier der schmale Grat zwischen olympischer Idee und kulturpolitischer Verwertung beschritten.

Während im Stadtbild der populär-aristokratische Chic der schwedischen Sozialdemokratie den Ton angibt, zeigt sich die kreative Jugend der Welt rund ums Baltische Meer uneinheitlich, zumeist äußerlich lässig bis nachlässig. TeilnehmerInnen, die aus den Städten Danzig, Riga, Vilnius, St. Petersburg Turku, Helsinki, Kopenhagen, Aarhus, Malmö, Göteborg, Tallinn, Oslo, Kiel, Hamburg und Rostock nach und nach anreisen, bekommen im Kulturhuset eine freundliche Einweisung und eilen dann in die Hallen, um die für ihre Arbeiten bestimmten Plätze in Beschlag zu nehmen.

Für einige der zirka 170 TeilnehmerInnen aus dem Bereich Bildende Kunst beginnt nun die immer wieder mit unvorhergesehenen Schwierigkeiten verbundene Aufbauphase. Allerorten ein Gerenne und Gehämmer, nervöse Seitenblicke auf diejenigen, die schon fertig sind. Bisher ist kaum was zu merken von integration - interaction, dem diesjährigen Motto der ArtGenda. Die Installationen und Objekte der TeilnehmerInnen aus Stockholm sind zumeist schon aufgebaut. Einige wenige sehr aufwendige Anlagen wie die von Palle Torsson bedürfen hingegen besonderer Geduld.

Seine Umsetzung des Mottos findet sich in einer einen Kreislauf bildenden Anlage wieder: Zwischen zwei Computern gibt es eine - wenn man so will: biologische - Schnittstelle in Form eines gläsernen Käfigs mit zwei darin umherlaufenden Ratten. Ihre Bewegungen werden von einem Videosensor aufgenommen; im ersten Computer wird die jeweilige Position der Ratten einem Teilbereich des Käfigs zugeordnet.

Diese Einteilung entspricht der eines im anderen Computer gespeicherten Depots an Filmausschnitten. Sie sind beispielsweise unterteilt in speech, question, answer oder phonecall. Per Zufallsmodus wählt der Computer einen der bis zu fünf Sekunden langen Clips aus und spielt ihn auf den direkt vor den Käfig gestellten Bildschirm. Das auf den ersten Blick kompliziert wirkende Arrangement wird weniger für die Ratten als vielmehr für den Betrachter zur Tortur. Mal weniger, mal besonders gewalttätigen Inhalts, erzeugt die ununterbrochene Folge der Clips einen schrecklich-schönen Sirenengesang. Fast durchweg handelt es sich um Ausschnitte aus bekannten Hollywoodstreifen, die schließlich den gesamten Versuchsaufbau in Vergessenheit geraten lassen.

Noch aber ist keine Zeit für einen ausschweifenden Rundgang, die KünstlerInnen werden auf die Pressekonferenz hingewiesen und daß es schön wäre, wenn es bis dahin etwas zu sehen gäbe. Die etwas improvisiert wirkende Begrüßung der zumeist ortsansässigen Medien findet unter freiem Himmel auf dem Dach des Kulturhuset statt. Projektmanagerin Gunhild Stensmyr führt in ihrer Ansprache zumeist Worte wie fantastic und great im Mund, wenn sie über die Ausstellung spricht. Die KünstlerInnen gehen wieder an die Arbeit.

Aufregung gibt es, als der Sicherheitsbeauftragte des Hauses eine angeblich feuergefährliche Füllung eines im Foyerbereich aufgehängten Objektes moniert. Die Füllung wird in letzter Minute ersetzt, und das Haus ist wieder sicher. Die Ausstellungseröffnung für die geladenen Gäste ist weniger wegen der schwedischen Kultusministerin als vielmehr des kalten Buffets wegen erfreulich. Auf der Party abends nach der Eröffnung will keine echte Stimmung aufkommen, die Leute sind schlapp, die Sicherheitskräfte des Hauses streifen wie Aliens durch die Menge. Tagsüber werden auf dem Platz vor dem Kulturhuset Obdachlose und Drogensüchtige weggeräumt, diskret, aber doch sichtbar.

Stockholm liegt zwischen Thessaloniki und Weimar, doch es bleibt unentschieden, ob auch Stockholm das Vorurteil bestätigt, daß der Titel "Kulturhauptstadt Europas" immer an jene Städte geht, in denen sonst nichts los ist. In Stockholm jedenfalls wird geklotzt und nicht gekleckert. Insgesamt 440 Millionen Kronen wollen ausgegeben werden, um das Prestige der Stadt zu steigern.

Die beliebteste Lesart der ArtGenda, vor allem bei den Journalisten, ist die des multikulturellen Ereignisses. Sicher legen das auch die assoziativen Qualitäten der Schlüsselbegriffe integration - interaction nahe. Die Großartigkeit, die das Motto impliziert, relativiert sich schnell - ungeachtet der unleugbar vorhanden positiven Effekte - an einer allzu formalen Konzeption. In der Ausstellung sind die Arbeiten einander simpel zugeordnet - Installation an Installation, Video zu Video, ganz gleich, ob es paßt oder nicht. Raumprobleme ließen den Videobereich zu einer Ansammlung höhlenartiger Verschläge werden, durch die die Besucher wie durch ein Labyrinth irren. Manche Arbeit wird erst nach langem Suchen aufgefunden, einige bleiben wohl ganz für sich. Integration - interaction - vielleicht sollte man das Motto nicht zu ernst nehmen und es einfach als schaumiges Wortspiel gelten lassen.

Im Laufe der Tage macht sich die zähe Stimmung einer Dauerkonferenz breit, die Teilnahmebereitschaft sinkt, das Publikum bleibt den Veranstaltungen fern. Erste Workshops werden gestrichen. Zwischendrin immer wieder aufblitzende Veranstaltungs-Highlights sind schlecht besucht. Der Qualität der Workshops ist der Zwang zur Simplifizierung anzumerken; weil Englisch für fast alle eine Fremdsprache ist, können die Themen wie "artists and community" oder "art criticism" nicht befriedigend diskutiert werden. Als weit frustrierender erweist sich aber die fehlende Interessenbasis, die Diskutierenden kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen mit völlig divergenten Erfahrungen zusammen und müssen sich dem willkürlichen Diskussionsverlauf unterwerfen - ein diskursiver one night stand.

Daß "sich die jungen Künstler ungezwungen zwischen den Disziplinen bewegen" und "die Grenzen der Genres verwischen", wie die Kuratorin Monica Nieckels die nicht mehr ganz so brandheißen Neuigkeiten benennt, läßt aber Hoffnungen aufkommen, die jungen Künstler verstünden sich besonders gut auf ein produktives Miteinander.

Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen aus? Wie präsentieren sie sich hier auf der ArtGenda und wie behaupten sie sich möglicherweise gegen den bekannten Vorwurf, als Monaden des Kunstbetriebes immer abseits sozialer Realitäten zu stehen, egal wie engagiert oder bedeutungsschwer ihre Interventionen auch sind?

"Parasitehouse" heißt die Installation eines losen Zusammenschlusses dreier KünstlerInnen, die zum Teil auch mit Einzelarbeiten auf der ArtGenda auftreten. Die an der Außenfassade des Kulturhuset montierte Holzbaracke hängt wie eine Galionsfigur an dem Gebäude und bildet den augenfälligsten, wenn auch etwas plakativen Hinweis auf die Ausstellung. Anni Laasko, Pasi Mann und Tea Mäkipää firmieren als Gruppe unter dem Namen Parasit und zeigen ihre Installation nach Helsinki, ihrer Herkunftsstadt, jetzt in Stockholm: "Vermutlich auch das letzte Mal", meint Pasi, der von dem aufwendigen Transport des Objektes etwas genervt ist. Längst beschäftigt er sich mit anderen Sachen.

Das Haus an der Fassade ist an die Versorgungsstränge des Kulturhuset aus Wasser, Wärme und Licht angeschlossen. Irgend jemand muß darin ein Porträt der finnischen Gesellschaft gesehen haben, jedenfalls wird in der schriftlichen Erläuterung des Parasitehouse heftig bestritten, daß diese etwas abwegige Assoziation ihre Berechtigung hat. Vielmehr sei es ein Menetekel der drohenden Spaltung der Gesellschaft in Insider und Outsider. Das Parasitehouse scheint für Pasi Mann bereits eine Altlast zu sein. Immerhin dauerte die Planungsphase für die KünstlerInnen der ArtGenda ein ganzes Jahr, viele hätten lieber ganz aktuelle Arbeiten gezeigt.

Ein anderes Beispiel ist Aurora Reinhard, ebenfalls aus Helsinki. Die 23jährige stellt mit der gleichaltrigen SallaTykkä eine Gemeinschaftsarbeit aus. "Daß 'young healthy female' eine Koproduktion ist, haben wir erst während des Arbeitsprozesses gemerkt - die Arbeit ist eine Ausnahme." Die vielteilige Fotoarbeit läuft auf einer Breite von gut neun Metern zu einem großen zentralen Foto zusammen. Darauf sind die beiden Künstlerinnen mit erhitzten Gesichtern an einem gedeckten Tisch zu sehen.Auf einem zur Fotoinstallation gehörenden Video sieht man Aurora im Gym-Studio schwere Gewichte stemmen und erfährt, daß sie wegen ihres Äußeren Komplexe habe ("Story of the little girl Aurora"); auf den mittleren Fotos posiert sie nackt; mal saugt ein Mann an ihrer Brust, mal läßt sie sich einen vorgeschnallten Dildo lutschen. Den biographischen Charakter der Serie unterstreicht ein zwischen den Fotos ausgehängter Text, der von einer Art Selbstvergewaltigung erzählt.

Aurora Reinhard hält sich zur Zeit für ein Gastsemester in Göteborg auf. Stolz erzählt sie, daß die ausgestellte Arbeit vom Helsinki City Art Museum angekauft wurde. In dem etwas versteinerten Gremium des Hauses seien auch engagierte Kuratoren tätig, die die junge Künstlerszene in Finnland so gut es geht unterstützten. Aurora läßt sich nach eigenem Bekunden aber nicht übermäßig davon beeindrucken. Trotzdem ist sie fest davon überzeugt, daß sie es schaffen wird, sie glaubt, daß Qualität sich auf jeden Fall durchsetzt. Sie hilft aber auch ein wenig nach.

An ihrer Arbeit stört Aurora Reinhard heute der, wie sie meint, zu große biographische Anteil - den würde sie inzwischen etwas zurücknehmen, den Text würde sie ganz streichen. Für akademische Diskurse oder feministische Theorie interessiere sie sich nicht, trotzdem denke sie lange über ihre Arbeit nach. Die Guerilla Grrrls, eine der bekanntesten feministischen Gruppen, die sich im Kunstzirkus tummeln, kennt sie, wichtig sind sie ihr aber nicht. Auf die Frage, was sie von deren Kritik, daß Frauen nackt sein müssen, um ins Museum zu kommen, halte, lacht sie wieder und zeigt deutlich, daß ihr das am Arsch vorbeigeht.

Ein anderes Beispiel künstlerischer Zusammenarbeit im Bereich der Installationen und Videoarbeiten erschließt sich nicht eben auf den ersten Blick. Zwischen der rummelplatzartigen Ansammlung zahlreicher Apparaturen laufen aus acht Metern Höhe über hundert Klebebandrollen wie Räder nebeneinander, sehr sehr langsam die Wand herunter. Hinter zwei raumbestimmenden Installationen, die sich den Platz vor der Wand teilen, nehmen sich die Klebebänder zunächst sehr bescheiden aus, entwickeln aber im Verlauf der Ausstellung eine gewisse Tücke. Langsam, aber unaufhaltsam nehmen die Bänder immer mehr Platz an der Wand in Beschlag. Die "Anti-Arbeit", wie Ingo Gerken seine Kunst bezeichnet, stellt sich ganz entspannt gegen das technische Arsenal, das die anderen KünstlerInnen für ihre Installationen auffahren.

Ein anderes, etwas skurril anmutendes Geräteensemble, stammt von Meyer. Es besteht aus einer mit Edding bemalten Neonröhre an der Wand, einem Diaprojektor, der mit dem vorderen Teil auf einem Nackenkissen liegt. Das Kissen wiederum ist über einen Schlauch mit einer elektrischen Luftpumpe verbunden, deren Aktivität von einem monströs anmutenden Timer bestimmt wird. Als die Anlage endlich in Betrieb ist (mehrere Nackenkissen sind Meyer beim Justieren der Maschinen geplatzt), fährt ein an die Wand geworfenes Dia im Zuge der blasenden Pumpe bis über die Neonröhre und senkt sich dann mit der wieder entweichenden Luft allmählich ab. Das Dia zeigt zwei mit Picknickdecken hantierende Frauen im Kornfeld.

Beide Arbeiten fallen durch ihren "Trashfactor" auf. Das ist kein Zufall, denn Meyer und Gerken arbeiten nicht nur an ihrer eigenen Kunst, sondern realisieren auch Koproduktionen. Eine Anzeige heimsten sie sich ein, als sie im Dezember 1997 in Heiligendamm eine Installationsidee nicht realisieren konnten und sich dann spontan etwas ausdenken mußten. Die Situation des Ortes, der komplett mit Straßen und Ortskern an den Großinvestor Fundus verkauft worden ist, wurde schließlich zum Thema der inkriminierten Aktion. Nachts montierten Meyer und Gerken die zwei im Ort verbliebenen Postkästen ab und installierten sie in der Ausstellung. Ein Hinweisschild wies dem tags darauf erscheinenden Postboten den Weg in die Ausstellung. Die symbolische Demontage des öffentlichen Raumes verstehen die beiden nicht als explizit politisch motivierte Kunst: "Wir sind nicht subversiv. Bisher haben wir noch bei allem, was sich so angeboten hat, mitgemacht."

artgenda: Noch bis zum 24. Mai, Kulturhuset, Stockholm

Internet: www.artgenda.comoder www.stockholm98.seoder www.baltic-interface.net