Rußland befindet sich, das hat nicht nur der Bergarbeiterstreik gezeigt, kurz vor dem Staatsbankrott. Nun hat Boris Jelzin drastische Mittel ergriffen, um die Finanzkrise unter Kontrolle zu bekommen: Per Dekret ordnete die russische Regierung an, das Eigentum von Steuerschuldnern zu beschlagnahmen. Zuvor hatte Jelzin angekündigt, daß "Köpfe rollen" müßten. Seine Drohung richtet sich vornehmlich gegen die staatlichen Steuereintreiber: Weil Unternehmen nur schleppend oder gar keine Abgaben entrichten, geht dem Fiskus das Geld für Löhne, Renten und Schuldendienst aus. Einen Sündenbock hat Jelzin schon gefunden: Der Leiter des Steuerdienstes, Alexander Potschinok, wurde vergangene Woche entlassen. Der "Erklärung der Regierung zur Stabilisierung des Finanzmarktes" zufolge sollen bis Jahresende auch zehn Großunternehmen verkauft werden.
Jelzin muß sich beeilen: Aus Angst vor einem völligen Absturz wird derzeit massenhaft Kapital aus dem russischen Aktienmarkt abgezogen. Die Devisenreserven Rußlands betragen nur noch neun Milliarden Mark - sollten ausländische Anleger weiterhin ihre Anlagen verkaufen, kommt die russische Zentralbank in ernsthafte Schwierigkeiten. Daß der IWF, der derzeit vollauf mit der Asienkrise beschäftigt ist, im Notfall eingreifen wird, gilt als eher unwahrscheinlich. Der Fonds hat zwar die Freigabe einer Kredit-Tranche von 670 Millionen Dollar angekündigt. Mit einem weiterem Rettungspaket nach dem Vorbild der Asienhilfe könne Rußland nach Auskunft eines IWF-Sprechers jedoch nicht rechnen. Nach dem Crash der Tiger-Staaten würde ein weiteren Finanz-Gau die Kapazitäten der Organisation wohl auch überfordern.