Schäden im System
Panik herrschte an den russischen Finanzmärkten, von einem "schwarzen Donnerstag" war die Rede, als letzte Woche die Aktienkurse kurzfristig auf den niedrigsten Stand seit 27 Monaten fielen. Um den Zusammenbruch zu vermeiden, setzten die drei Moskauer Börsen den Handel vorübergehend aus. Auslöser des Crashs soll unter anderem die Empfehlung des internationalen Finanziers George Soros gewesen sein, eine Abwertung des Rubels um 15 bis 20 Prozent vorzunehmen, um die Auswirkungen des Ölpreisverfalls in Rußland zu kompensieren. Nach der eiligen Ankündigung Boris Jelzins, eine Abwertung auf keinen Fall zuzulassen, erholte sich die Moskauer Börse Ende vergangener Woche wieder deutlich.
Erst vor einem Monat hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) Rußland ein Kredit-Paket von über 22 Milliarden Dollar gewährt, um die russischen Finanzen wieder zu stabilisieren. Genutzt hat es nicht viel. Die ersten Raten des IWF-Kredits mußten nach Angaben von Finanzminister Michail Sadornow zur Stützung des Rubel eingesetzt werden. Ursprünglich war das Darlehen zur Sanierung der leeren Staatskassen vorgesehen.
Eine Abwertung der Landeswährung würde vermutlich auch bei keinem der dringendsten Wirtschaftsprobleme helfen. Ein schwächerer Rubel würde zwar die Exporte verbilligen und die Importe verteuern, aber gleichzeitig die einheimischen Unternehmer, die vor allem in Dollar verschuldet sind, endgültig in den Ruin treiben. Und ein stabiler Rubel-Kurs ist wiederum Voraussetzung für neue Kredite und ausländische Investitionen.
Vor allem an letzteren fehlt es immer mehr. Kein Investor traut noch der "Reformfähigkeit" der russischen Regierung, das ausländische Kapital ist mittlerweile fast vollständig aus dem Land geflohen, die Devisenreserven sind auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Im Land selber nimmt die Wirtschaft immer skurrilere Züge an; Unternehmer gehen zum Tauschhandel über, Arbeiter wie die Kohle-Kumpels im Kaukasus warten seit Monaten auf ihren letzten Lohn. Selbst die staatseigenen Betriebe zahlen so gut wie keine Steuern, da die Regierung ihrerseits keine Verbindlichkeiten erfüllen kann. Rußland nähert sich dem Zusammenbruch. Die Tage Boris Jelzins und seines Premierministers Kirijenko scheinen gezählt zu sein.
Die Einbrüche an der Moskauer Börse sind jedoch längst keine isolierten Ereignisse mehr, sondern Ausdruck einer Krise des internationalen Finanzsystems. Innerhalb weniger Jahre hat der IWF mit immer monströseren Krediten - von Mexiko über Indonesien und Südkorea bis nach Rußland - mühsam versucht, die internationalen Währungen zu stabilisieren. Das Gegenteil davon ist eingetreten. Nun werden vor allem die "aufstrebenden Märkte" in den Ländern Lateinamerikas, Osteuropa und Südostasiens zunehmend von den Turbulenzen erfaßt. Selbst die lateinamerikanischen Schuldenkrise, das "verlorene Jahrzehnt" der achtziger Jahre, nimmt sich im Vergleich dazu bescheiden aus.
So meldete die mexikanische Börse als Reaktion auf den "schwarzen Donnerstag" in Moskau Rekordverluste; seit Jahresbeginn hat sie rund ein Drittel ihres Wertes verloren. Der brasilianische Real steht seit Monaten unter Druck. In Südafrika konnte eine massive Abwertung des Rands trotz erheblicher Interventionen der britischen und US-amerikanischen Notenbanken nicht verhindert werden.
Für weitere größere Unterstützungszahlungen hat der Fonds derzeit allerdings kein Geld mehr übrig; den letzten Rußland-Kredit mußte er sich mühsam bei seinen Mitgliedern über die "Allgemeine Kreditvereinbarung", einen Notfallfonds, der nur bei akuter Gefährdung des internationalen Finanzsystems angezapft werden kann, zusammenpumpen. Um die leeren Kassen zu füllen, sollen die Quoten der IWF-Mitgliedsländer jetzt um 45 Prozent aufgestockt werden - vorausgesetzt, der US-Kongreß gibt endlich seinen Segen dazu.
Vier Jahre nach der "Tequila-Krise", dem Crash an der mexikanischen Börse von 1993/94, und mehrere hundert Milliarden-Kredite später, ist die Situation dramatischer als je zuvor. In Japan und den asiatischen Tigerländer beginnt die Rezession erst richtig. Und "an Rußland, diesem mehr und mehr unregierbar werdenden Gebilde, das seinen Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft unter absonderlichen Verrenkungen sucht, könnte", wie das Handelsblatt kommentierte, das internationale Währungssystem "irreparablen Schaden nehmen".