Glaube, Sitte, Heimat
Düren hat um die hunderttausend Einwohner und liegt auf halber Strecke zwischen Aachen und Köln. Gleich hinter Düren, von der Autobahn aus gesehen, liegt die Eifel. Das ist ein Hügelgebiet mit dem Nürburgring drin und wenig Arbeitslosen. Obwohl es hier außer Traktorfahren und Gemeindeverwalten kaum etwas zu tun gibt, liegt die Quote bei nur sechs Prozent, weil Frauen hier nicht arbeitslos werden, sondern Ehegattin und dann Mutter.
Im Jahre 1927 wurde im Hotel Hohns in Opladen (jetzt Leverkusen) der Grundstein zur Gründung der Erzbruderschaft vom Heiligen Sebastianus gelegt. Gründungsmitglieder waren u.a. der Fabrikant Wilhelm Marx aus Schlebusch und Pfarrer Dr. Peter Louis. Die Gründungsversammlung fand 1928 in den Kölner Messehallen unter dem Protektorat von Kardinal Schulte und dem Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer statt.
Auf der anderen Seite der Autobahn liegen endlose Zuckerrübenfelder, einige Zuckerfabriken, einige Braunkohlegruben und Jülich. Der Jülicher Fußballclub war in den siebziger Jahren dreimal westdeutscher Amateurmeister, heuer richtet der Ort die Landesgartenschau aus. Seit es die Grünen gibt, wird um die Vergrößerung der Braunkohlegruben heftig gestritten. Viele Pfarrer halten zu den Grünen und protestieren gegen den Verlust der Heimat durch Umsiedlungsaktionen der Braunkohlebarone. Insgesamt spielt im Umland Dürens der katholische Glaube noch eine große Rolle.
Der neugegründete Verband gab sich den Namen Erzbruderschaft vom Heiligen Sebastianus. Anlaß zur Gründung war: Sammlung der Kräfte im katholischen Lager als Gegenpol zur politischen Entwicklung (Nationalsozialismus und Kommunismus). Förderung der Standortbestimmung gegen Sittenverfall und Glaubensschwund.
Düren ist eine ziemlich abscheuliche Stadt. Nicht nur wegen der Architektur, die den amerikanischen Bomberpiloten folgte, die vierundvierzig / fünfundvierzig alles platt gemacht haben.
1948 setzten sich der Kölner Kardinal Dr. Joseph Frings und Konrad Adenauer für eine schnelle Wiederzulassung der Historischen Schützenbruderschaften ein. Die zweite Bundesstandarte stiftete nach der Wiederbegründung Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer. Eine neue Bundesstandarte stifteten 1984 die Eheleute Felix und Hedwig Klingenthal aus Salzkotten. Sie wurde durch Herrn Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1984 beim Bundesfest in Bergisch-Gladbach übergeben. Sowohl die zweite als auch die dritte Standarte tragen außer der Darstellung des Sebastianus die Aufschrift: ES GIBT NUR EINEN GOTT!
Nein, Düren ist vor allem deshalb so unsympathisch, weil die Stadt keinen Charakter hat. Aus dem Umland dräut das Agrarische, vor allem, wenn Jahrmarkt ist oder Schützenfest. Die Proletarier, die im örtlichen Zweigwerk des Ford-Konzerns Autos zusammenbauen, leben recht unauffällig in Plattenbaughettos am Ortsrand und treten im städtischen Alltag nur als Kunden der Karstadt-Filiale in Erscheinung.
1960 erfolgte eine Umbenennung auf die heutige Bezeichnung: Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften e.V. Köln. Nicht vergessen werden darf bei der Darstellung die Gestaltung guter Feste und die Förderung und Bewahrung von Traditionen. Leitsatz des Bundes: "Für Glaube Sitte, Heimat."
Verwaltungsbeamte haben das Antlitz der Stadt gezeichnet, aber die wohnen im katholischen Umland. Düren hat außer einem Irrenhaus keine nennenswerten Institutionen zur Schulung geistiger Fähigkeiten. Was der Stadt fehlt, sind Intellektuelle, die dem Ganzen einen Sinn geben könnten. Die wenigen Intellektuellen, die es in Düren gibt, sitzen im Irrenhaus.
Mit dem Schießsport wird Geist- und Körperbeherrschung vermittelt, sowie die Eigenverantwortung gefördert. Durch den Schießsport wird vor allem das Interesse der Jugend geweckt. Diese Sportart - die von manchen Zeitgenossen als militärische und kriegerische Sportart nicht gern gesehen wird - stellt an den Sportler höchste menschliche und körperliche Ansprüche.
Der Dürener Bürgermeister ist schon ungefähr 15 Jahre im Amt, heißt Josef Vosen und gehört der SPD an. Sein Spitzname lautete "Schüppe-Jupp", Schüpp ist rheinisches Platt und bedeutet Schaufel. Den Spitznamen hat Josef Vosen, weil er immer überall dabei sein muß, vor allem bei Grundsteinlegungen für Bungalow-Parks und Gewerbegebäude, wo er dann eine Schaufel schwingt. Beim Festumzug der Schützen und Schützenköniginnen mußte er natürlich auch dabei sein. Die Dürener Zeitung schrieb: "In der ersten Reihe neben dem Hochmeister Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein und Bundesschützenmeister Hermann Macher marschierten Bürgermeister Josef Vosen und der Prinz von Merode. Höhepunkt des Festzuges war zweifellos die Parade in der Stürtzstraße, wo der Bundesvorstand, die Diözesanvorstände und die Majestäten den Vorbeimarsch der Schützen genossen. So manche Bruderschaft packte den guten alten Stechschritt aus.
Bei Schützenfesten und Schützenkirmessen werden Menschen - auch Nichtschützen, Ausländer und Neubürger - ungezwungen integriert und aus ihrer möglichen Isolation herausgeholt. Menschen werden wieder zu Menschen geführt.
Schützenköniginnen entstehen übrigens so: Einmal im Jahr (meist: an Christi Himmelfahrt, vulgo: Vatertag) versammeln sich die Mitglieder des Schützenvereins sowie befreundete Personen aus dem Musik- oder Fußballverein auf einem zentralen Platz des Dorfes. Man konsumiert Bier und Schnaps und schießt mit kleinkalibrigen Gewehren auf einen Vogel aus Ton oder Holz. Wer den Vogel abschießt, ist für ein Jahr Schützenkönig. Die Gattin des Schützenkönigs ist dann automatisch Schützenkönigin. Zur Not tut's auch die Verlobte, Freundin oder Schwester. Die Schützenkönigin darf nun bei öffentlichen Auftritten immer hübsche lange Kleider mit Rüschen tragen, muß aber auch bei jedem Wetter für öffentliche Aufmärsche des Vereins zur Verfügung stehen.
Die Schützenbruderschaften erfreuen sich gerade in den letzten Jahren steigender Beliebtheit. Wo die Ursache dafür liegt, müßte noch ergründet werden.
Der Schirmherr der Dürener Festzuges, Prälat Arnold Poll, rief zum Schutz der Familie auf. Er "kündigte den Widerstand der deutschen Bischöfe gegen jene Politiker an, die einer Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare mit der Ehe von Mann und Frau das Wort redeten" - so die Dürener Zeitung. Und weiter: "Zum Schutz der Heimat, der sich die Schützen gleichfalls verschrieben haben, rief der Prälat ebenfalls auf. Die Heimat sei das deutsche Vaterland. Poll richtete sein Augenmerk auf die Situation in Rußland und bezeichnete sie als Folge der staatlich verordneten Gottlosigkeit."
Wohl kaum eine andere Vereinigung bringt es fertig, zu den großen Festen so viele Menschen zu interessieren und aktivieren, wie die historischen Schützen, die damit einen wesentlichen Beitrag gegen Vereinsamung und zum sozialen Frieden erbringen.
So ist es. Landwirte, Beamte, Gewerbetreibende und Dorfdeppen: Im Dürener Festzug verbrüderten sich ungefähr 30 000 Schützen hinter ihrer Fahne: "Aus alter Wurzel neue Kraft." Nebenan, in der Stadthalle, gab's noch eine interessante Veranstaltung: Große Erotikmesse mit Live-Show. Am Eingang stehen zwei rechteckige junge Schnösel in dunklen Anzügen. Hätten sie kein Gel in der Frisur, sie würden glatt als Schützen durchgehen. Fünfunddreißig Mark für ein Ticket sind uns aber sowieso zuviel.
Der Kursivtext ist der Internetseite des Schützenbundes entnommen.