30.09.1998
Helmut Bergers Autobiographie "Ich"

Kein Käse für die Beatles

"Bin I lieb, bin i der liebste. Und bin i bös, bin I der schlimmste Mensch auf Erden. Wer das zu spüren bekommt, vergißt mich nie" - die Bekenntnisse einer Skandalnudel, die jetzt unter dem Titel "Ich" erschienen sind.

Wo Helmut Berger hinlangt, bleibt kein Sektglas trocken, da steht der Löffel im Kaviarfaß, da werden statt Straßen ganze Stadtteile Kokain geschnupft, und Talkmastern klingelt es bei der bloßen Erwähnung seines Namens in den Ohren.

Seine Auftritte im deutschen Fernsehen gehören zu den Sternstunden der TV-Unterhaltung. Während einer Dalli-Dalli-Sendung faßte er einem damals berühmten Radsportprofi in den Schritt und schrie: "Ich fick Männer, ich fick Frauen. Ich fick sie alle." Einfach so. Und bei einer Talk im Turm-Plauderei rüpelte er in die Runde, weil Rosa von Praunheim "Sozialwohnungen für Homos" forderte. Wer will schon Sozialwohnungen?

Seit er Mitte der sechziger Jahre seine bürgerliche Vergangenheit hinter sich gelassen hatte, zog es Berger hin zum Jet Set. Erst als Kellner, dann als Model, dann als schönster Mann der Welt. Später wurde er für den Film entdeckt. Wie zufällig kreuzte er bei den Dreharbeiten zu Luchino Viscontis "Sandra" auf und blieb stundenlang wie angewurzelt am Set stehen. "Mit Kultur konnte man mich leicht fesseln." Visconti bemerkte Berger, dachte, der Junge wird wohl frieren, und lieh ihm seinen Schal. Darauf lebten sie zwölf Jahre als Paar zusammen. Den Schal hat Berger heute noch. Seit Viscontis Tod bezeichnet er sich als dessen Witwe.

Sein Leben teilt er wie seine Autobiographie in Phasen vor, nach und mit Visconti ein. Doch da er sich niemals an irgendwelche Regeln hält, vergißt er auch die, die er selbst aufgestellt hat. Das Buch ist so strukturlos wie reflexionsfrei, mit unzähligen Wiederholungen und getragen von einem ausgeprägten Sinn für Banalitäten. Selbst vor ausführlichen Rezepten für Wiener Schnitzel oder Pasta mit Schwulensauce wird nicht halt gemacht: "Eiertomaten in kleine Würfel schneiden, Mozzarella ebenfalls (...). Ein herrlich erfrischendes Gericht in heißen Sommermonaten."

Unter Überschriften wie "Richard Burton sah beschissen aus, Billy Wilder floh vor Coca Cola", "Nurejew war animalisch, mein Körper wurde pure Geilheit" oder "Ernste Gespräche mit Cocteau, kein Käse für die Beatles", plaudert Berger unfaßbarste Indiskretionen aus, um anschließend wieder bei den Salzburger Nockerln seiner Mutter oder dem treuen Herz seiner Haushälterin Maria zu landen.

Gemessen an seinen Erfahrungen, legt Berger dabei eine geradezu erstaunliche Einfältigkeit an den Tag. Er hat in mindestens einem Dutzend bedeutender Filme die Hauptrolle gespielt ("Die Verdammten", "Ludwig II", "Der Garten der Finzi Contini"), er hat die Welt von oben bis unten bereist, er hat die Strukturen des Hochadels von innen studiert, er hatte mit mehr Berühmtheiten Sex als Michael Graeter Telefonnummern im Adreßbuch. Doch leider hat er darüber niemals Zeit zum Nachdenken gehabt.

Eines Tages stolperte Berger mal leidlich betrunken aus einem Nachtclub in Rom, um an einen Baum zu pinkeln, und mußte dabei feststellen, daß der Baum eine Polizistin war.

Davon handelt dieses Buch. Es ist unverzichtbar.

Helmut Berger: Ich. Ullstein, Berlin 1998, 320 S., DM 44