21.10.1998

Flexibel um jeden Preis

Robert Went, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Amsterdam, über das niederländische "Polder-Modell"

SPD und Gewerkschaften berufen sich bei ihrer Forderung nach einem "Bündnis für Arbeit" auf das niederländische "Polder-Modell" ...

Das sogenannte "Abkommen von Wassenaar" wurde im November 1982 gemeinsam von der Regierung, den Unternehmerverbänden und den Gewerkschaften unterzeichnet. Der derzeitige Premierminister und Chef der Sozialdemokratischen Partei (PvdA), Wim Kok, war damals Vorsitzender der FNV, des wichtigsten Gewerkschaftsverbandes. Das Abkommen sah vor, daß die Gewerkschaften sich mit Lohnkürzungen einverstanden erklärten. Im Gegenzug versprachen die Unternehmer, die Arbeitszeiten zu reduzieren.

Ausschlaggebend für dieses Abkommen war der dramatische Anstieg der Arbeitslosigkeit - fast eine Million Niederländer waren zu Beginn der achtziger Jahre ohne Job. Die niederländischen Gewerkschaften sind nicht gerade berühmt für ihre große Kampfbereitschaft; zudem gibt es bei uns eine lange Tradition der sogenannten Drei-Parteien-Institution (Regierung, Unternehmer, Gewerkschaften). Der Anstieg der Arbeitslosigkeit schwächte die Gewerkschaften zusätzlich, so daß sie mit dem Abkommen überaus zufrieden waren - obwohl ihm ein sehr zweifelhaftes ökonomisches Denken zugrunde lag, nämlich die Idee, daß zu hohe Löhne und zu niedrige Unternehmergewinne für die Arbeitslosigkeit verantwortlich seien.

Welche Folgen hatte das Abkommen für die Einkommen?

Seit dem Abkommen von 1982 wachsen die Gehälter in den Niederlanden langsamer als die Arbeitsproduktivität plus Inflation. D. h., das Realeinkommen ging in den letzten 15 Jahren stark zurück. Von 1982 bis 1994 sank der Anteil der Gehälter am nationalen Einkommen um 21 Prozent, während dieser Anteil im gleichen Zeitraum im EU-Durchschnitt nur um fünf Prozent abnahm.

Das Abkommen führte also dazu, daß ein Teil der Arbeitslosigkeit in andere Länder exportiert werden konnte; die niederländischen Ausfuhren wurden wegen der niedrigen Lohnstückkosten billiger.

Ein Resultat des "Polder-Modells", auf das auch in Deutschland gerne verwiesen wird, ist die Flexibilisierung der Arbeitszeit ...

Seit 1982 haben die Gewerkschaften faktisch den Kampf für eine kollektive Reduzierung der Arbeitszeit aufgegeben. Die Forderung nach einer allgemeinen Verkürzung der Arbeitszeit ohne Lohnverlust wurde erst gar nicht mehr erhoben. Die Gewerkschaften akzeptierten die Ideologie, daß höhere Lohnkosten zu mehr Arbeitslosigkeit führten und daß - mit den Worten von Helmut von Schmidt - die "Gewinne von heute die Jobs von morgen sind".

Das machte es für die Unternehmer sehr einfach, die hohe Arbeitslosigkeit zu benutzen, um Flexibilität und Deregulierung einzufordern. Daher nahm der Anteil von Teilzeitarbeit und flexiblen Beschäftigungsverhältnissen stark zu. Ökonomen von der Universität Nijmegen haben berechnet, daß 60 Prozent der neu geschaffenen Jobs auf diesen flexiblen Arbeitsformen beruhen. Und viele dieser Stellen werden bei der nächsten Rezession, die vermutlich in ein bis zwei Jahren kommen wird, als erste wieder wegfallen.

Auch die Normalarbeitszeit wurde ausgedehnt. Die Ladenschlußzeiten wurden bis acht Uhr abends verlängert, Sonntagsarbeit wieder eingeführt. Die Mehrheit der Bevölkerung muß mittlerweile gelegentlich oder regelmäßig am Wochenende arbeiten: in diesem Jahr Anlaß einer Kampagne der Kirche für die Wiedereinführung des arbeitsfreien Sonntags, die von den Gewerkschaften mitgetragen und von über 800 000 Personen unterstützt wurde.

Gab es außer diesen Protesten keine nenneswerten sozialen Konflikte bei der Durchsetzung des Modells?

Statistisch gesehen gehören die Niederlande zu den EU-Ländern mit den wenigsten Streiks. Ausnahmen gab es nur, als scharfe Eingriffe bei den Sozialleistungen vorgenommen wurden. So kam es Anfang der neunziger Jahre zu heftigen Auseinandersetzungen wegen der Kürzungen bei der Versicherung für Arbeitsunfähigkeit (WAO). Es gab viele spontane Streiks, an der zentralen Protestdemonstration beteiligten sich rund 250 000 Personen. Das war ein großer Erfolg. Am Ende konnte sich jedoch die damalige Regierung mit ihrem Vorhaben durchsetzen. Heute liegen die Sozialleistungen für Arbeitslosigkeit, Krankheit und Invalidität wesentlich niedriger als in den sechziger und siebziger Jahren.

Die offizielle Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent sei viel zu niedrig, wird häufig kritisiert, da sie die "Stille Reserve" der Unterbeschäftigten nicht berücksichtigte ...

Die OECD schätzt die reale niederländische Arbeitslosenquote auf über 20 Prozent, und der Direktor des staatlichen Amtes für Statistik schrieb kürzlich, daß 20 Prozent näher an der Wahrheit lägen als zehn Prozent. Bei diesen Berechnungen sind alle Personen, die mit 57 Jahren freiwillig in Pension gehen, nicht berücksichtigt. Das Amt veröffentlicht jedes Jahr Arbeitslosenzahlen, die nach wechselnden Kriterien errechnet werden. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind auf jeden Fall zu niedrig.

In den Niederlanden werden Fachkräfte gesucht und Gastarbeiter aus Deutschland angeworben. Zeigt das "Polder-Modell" also doch positive Ergebnisse?

Man darf bei diesen Meldungen einige Besonderheiten der niederländischen Wirtschaft nicht vergessen. Viele Wirtschaftswissenschaftler und auch einige führende Politiker betonen, daß das sogenannte niederländische Modell nicht in andere Länder exportiert werden könne. Holland ist ein verhältnismäßig kleines Land, das von seiner sehr günstigen exportorientierten Wirtschaftsstruktur profitiert: Zentrale Branchen wie der agro-industrielle Komplex und der chemische Sektor sind sehr konjunkturresistent. Aber entscheidend ist folgender Punkt: Wenn die EU-Staaten mit den Niederlande auf der Basis von niedrigen Lohnkosten um den Exportmarkt konkurrieren, würde dieser Wettbewerb bald mit einer Rezession in ganz Europa enden.

Bei den letzten Parlamentswahlen waren die wachsenden sozialen Unterschiede ein zentrales Thema ...

Viele Menschen sind erbittert über die steigende Armut - 800 000 Menschen leben derzeit nach offiziellen Angaben an oder unter der Armutsgrenze. Eine andere, sehr umstrittene Frage sind die langen Wartezeiten für die Hospitäler. Es ist nicht einzusehen, daß man in einem der reichsten Ländern der Welt bis zu drei Monate auf eine Operation warten muß, weil die Regierung die Gesundheitsausgaben gekürzt hat.

Durch diese Unzufriedenheit konnten zwei linke Parteien, die sich strikt gegen die neoliberale Regierungspolitik aussprachen, viele Stimmen hinzugewinnen. Die Linksgrünen konnten ihren Stimmenanteil von fünf auf elf und die Sozialistische Partei von zwei auf fünf Prozent steigern. Auch die Gewerkschaften kritisieren zunehmend die Pläne der neuen Regierung, die dazu führen werden, daß die Lohnsteigerung in den nächsten Jahren unterhalb der Inflationsrate liegen wird, während die Erträge der Unternehmer kontinuierlich steigen.