25.11.1998
Liquidatoren

»Wieso macht das niemand weg?«

In Frankfurt trafen sich vom 20. bis 22. Oktober ehemalige IG Farben-Häftlinge zu einer internationalen Tagung. Das Thema weiterer Entschädigungszahlungen spielte dort nur eine untergeordnete Rolle.

Fred Silberstein und seine Ehefrau sind 28 Stunden geflogen. Silbersteins kommen aus Neuseeland, aus Auckland. 40 Jahre lang hat Fred Silberstein sich geweigert, deutsch zu reden. Erst vor zwei Jahren erzählte er seinen Kindern, seiner Frau und seinen Freunden, was er wirklich erlebt hat. "Sie wußten etwas, weil ich ja die Nummer am Arm habe, aber auf ihre Fragen habe ich immer gesagt: später."

Fred Silberstein wurde 1927 in Berlin-Lichterfelde geboren. Mit 14 trug er den gelben Stern und wurde auf dem Schulweg auf der Straße verhaftet. "Ich bin der einzige Überlebende des Arbeitslagers am großen Wannsee." Damals wußte er noch nicht, daß er seine Eltern nie wiedersehen würde. Sie wurden im Oktober 1944 in Auschwitz vergast. Das hat er recherchiert; und 1946 war er Zeuge im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal. Kurze Zeit später wanderte er nach Neuseeland aus.

Dort ist Silberstein heute der einzige "Monowitzer" - "in Australien gibt es noch zwei, aber die können nicht mehr reisen". Fred Silberstein war im Kommando "Heizbau" auf der Buna-Baustelle eingesetzt und hat Anfang 1945 - nach dem Todesmarsch aus Auschwitz - das Bombardement auf die Bölkow-Kaserne in Dora schwerverletzt überlebt. Er holt ein fotokopiertes Bild aus seiner Aktentasche: Es zeigt eine Straße, auf der Hunderte von Toten in Reihen liegen. An dem Tag, als das Foto gemacht wurde - es ist eine US-Militär-Aufnahme - wurden mehr als dreitausend Leichen gezählt. "Ich habe das gesehen", sagt Fred Silberstein mit leiser Stimme. Er war damals 17.

Seit er darüber mit seinen Leuten rede, sei es leichter geworden, doch er habe es vorher nicht vermocht. Der Einzelkämpfer aus Auckland hat in den fünfziger Jahren - nichts von den Verhandlungen der Claims Conference mit IG Farben i.L. wissend - im Alleingang eine "Entschädigung" in Höhe von 2 500 Mark erstritten. "Und die sollen noch mehr zahlen", sagt er. "Wir haben hier eine Gruppe gegründet, zwölf Leute, die noch einmal mit der Firma verhandeln wollen."

90 ehemalige IG-Häftlinge aus unterschiedlichen Ländern waren gekommen: aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Österreich, Ungarn, der Schweiz und den USA; viele von ihnen hatten Ehefrauen, Kinder oder Freunde mitgebracht.

Gemeinsam mit einem Vorbereitungskomitee ehemaliger Buna-Häftlinge war die dreitägige Zusammenkunft vom Fritz-Bauer-Institut organisiert worden. Die vollständige Finanzierung - nach Abschluß des Treffens fehlten immer noch gut 30 000 Mark - war bis zum Schluß nicht gesichert. Einige Behörden und viele Einzelpersonen hatten dafür gespendet. Auch Firmen wurden angeschrieben: Hoechst und Degussa haben sich beteiligt, Bayer und BASF antworteten nicht einmal auf die Anfrage. Die IG-Liquis - so das Organisationskomitee - wollte man nicht bitten. "Das wäre einer Anerkennung gleichgekommen, und die sollen sich doch endlich auflösen!"

Zu Beginn wurde die Ausstellung "IG Farben in Auschwitz" im Foyer des ehemaligen Offizierscasinos auf dem Gelände des IG Farben-Hochhauses, später Sitz des V. Corps der US Army, eröffnet. Die Aufbereitung der Quellen- und Fotosammlung wurde auf Initiative des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts organisiert und durch eine Finanzierung der Claims Conference möglich gemacht.

"Wir müssen Wahrhaftigkeit herstellen zwischen den Worten und den Taten", mahnte Michel Friedman in einem Grußwort des Zentralrats der Juden. Wenigstens symbolisch müsse den ehemaligen Häftlingen ihre Würde wiedergegeben werden durch Anerkennung ihrer Geschichte, ihrer erlittenen Geschichte. Und dazu gehörten eben mehr als gute Worte.

Noch bis wenige Tage vor der Veranstaltung hatte es ein beschämendes Hickhack um eine geplante Gedenktafel am Gebäude gegeben: Die Stadt Frankfurt hatte sich nicht dazu durchringen können, die seit langem geforderte Erinnerungstafel anzubringen - und noch immer wird das Gebäude lieber "Poelzig-Bau" (nach dem Architekten) genannt statt "IG-Farben-Haus", wie es in Frankfurt üblicherweise heißt. Christiane Hohmann-Dennhardt, die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, überreichte den Anwesenden jedoch den geplanten Text mit dem Versprechen, daß die Tafel bei der für das Jahr 2000 geplanten Neueinweihung des Gebäudes - es wird Universität - angebracht werden solle.

Daß sich die Überlebenden hier trafen, war während der Vorbereitungen umstritten gewesen, denn für einige der Gäste war dieser Schritt dorthin ziemlich schwer. "Schön und innovativ", wie es Joachim Vandreike, zweiter Bürgermeister der Stadt, bezeichnete - diese Ausstrahlung hatte der riesige Klotz für die alten Männer nicht, denn das Bewußtsein, daß hier geplant wurde, was sie in ihrer Jugend erlitten, überdeckte die Erfahrung, nun als Gast hier zu sein.

Zu ihnen zählt Freddie Knoller aus London, heute 77 Jahre alt. Er ist gebürtiger Wiener. "Ich bin mit sehr gemischten Gefühlen hier", gibt er freimütig zu. Nie habe er deutsch gesprochen seit der Befreiung, und jetzt, durch das Treffen, komme viel wieder hoch an bitteren Erinnerungen.

Freddie Knoller wurde in Paris verhaftet. Die Eltern hatten ihn nach der "Kristallnacht" nach Belgien geschickt, dann ging er, dummerweise, wie er heute sagt, freiwillig nach Paris. "Ich war jung, und ich habe nicht erkannt, wie ernst es war." Der junge Mann lebte mit gefälschten Ausweisen mitten im besetzten Paris, hatte auch Kontakt zur Résistance, ansonsten aber eher Interesse für Liebesgeschichten, eine wurde ihm zum Verhängnis, weil eine enttäuschte Freundin ihn anzeigte. Knoller kam im Oktober 1943 nach Buna, ins Zementkommando. "Ich war recht stark damals", erzählt er in der Runde beim Kaffee, "den ganzen Tag, 12 Stunden oft, habe ich 25kg schwere Säcke geschleppt." - "Das waren 50-kg-Säcke, mein Lieber!" wirft Hans Frankenthal aus Dortmund ein. - "Bist du sicher?" - "Ich habe es schwarz auf weiß, aus dem Archiv", weiß der deutsche Buna-Überlebende, der heute im Zentralrat tätig ist.

Hans Frankenthal gehört zu denen, die Jahr für Jahr auf den IG-Farben-Hauptversammlungen auftreten. Dafür hat er Aktien gekauft. Als Junge - er machte sich älter, um der Selektion zu entgehen - überlebte er mehr als zwei Jahre Zwangsarbeit auf der Buna-Baustelle. Hier beim Frankfurter Treffen sammelt er Unterschriften bei seinen ehemaligen Mithäftlingen für die nächste Aktionärsversammlung: "Wir verlangen die sofortige Auflösung der Firma. Das Geld soll für die Entschädigung der Überlebenden verwendet werden, die noch nichts bekommen haben", fordert Frankenthal. Er möchte gerne eine Stiftung einrichten, aus der auch in Monowitz selbst eine Gedenkstätte erbaut werden könnte.

Solche praktischen Vorschläge stoßen hier - wenn auch viele Anwesende sie teilen - nicht nur auf Einmütigkeit. Freddie Knoller will kein Geld mehr. Der Pensionär will möglichst wenig mit den Deutschen zu tun haben und zudem, sagt er, habe er nun, im Alter, sein Auskommen. "Doch die in Polen, die haben ja nichts bekommen", überlegt er. Nein, aber noch einmal hierherkommen, das will er trotzdem nicht. So geht es vielen der Gäste. Da ändert auch die freundliche Aufnahme durch die Mitarbeiter des Fritz-Bauer-Instituts nichts. Das Ehepaar Silberstein hat beim Spaziergang in der Nähe des Hauptbahnhofes in Frankfurt an eine Wand gepinselt gelesen: "Jude verrecke!" - "Wieso macht das niemand weg?" fragt Fred Silberstein. Die Schülerinnen und Schüler, die zu "Begegnungen" mit den ehemaligen Häftlingen eingeladen waren, wissend darauf auch nichts zu sagen.

Wichtiger als die Frage von Entschädigungszahlungen war den meisten Teilnehmern anderes: Über die rassistischen Angriffe wollten sie informiert werden, ob es denn stimme, daß der Antisemitismus in Berlin stärker geworden sei, fragt mich ein US-Amerikaner (und bedauert mich, weil es in Berlin doch so viele Hausbesetzer gebe).

Einige Gruppen ehemaliger IG-Häftlinge, die weitere Entschädigungsverhandlungen führen wollen, haben sich am Rande des Treffens zusammengefunden. Ein paar Franzosen und zwei Briten wollen auch zur nächsten Hauptversammlung kommen und protestieren. Die Hauptsache bei dieser Begegnung blieb das Wiedersehen, die Erinnerung an die Toten und die Geschehnisse von damals.

Und eigentlich waren die meisten der alten Männer der Meinung, daß sich um die IG-Farben-Firma in Frankfurt die Leute hier kümmern sollten. Einige der Eingeladenen aus den USA und Israel sind gar nicht erst gekommen, wurde berichtet. Nicht aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen, sondern weil sie vermuteten, daß sie hier mit alten oder jungen Nazis konfrontiert worden wären.