Der zeitliche Abstand zu dem Konflikt zwischen Oskar Lafontaine und der Notenbank war verdächtig kurz: Erst vor fünf Wochen hatte der Bundesfinanzminister von der Bundesbank niedrigere Zinsen gefordert. Diese setzte sich damals mit allen Mitteln gegen den Angriff auf ihre Unabhängigkeit zur Wehr. Nachdem die Zentralbanken der Euroländer vergangene Woche konzertiert die Leitzinsen auf drei Prozent senkten - einzige Ausnahme ist Italien mit 3,5 Prozent -, mußte sich Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer nun alle Mühe geben, um seine Niederlage zu kaschieren.
Die Entscheidung der Bundesbank sei "unbeeindruckt von politischen Erwartungen" gefallen, erklärte Tietmeyer und schob zur Beteuerung gleich seine Lebensweisheit nach: Er habe nach dem Motto "Lasse dich nicht durch Lobsprüche oder durch Furcht beeinflussen in dem, was du für richtig erkannt hast" gehandelt. Auch zahlreiche Zeitungskommentatoren waren bemüht, Lafontaine nicht das Gefühl eines Triumphs zu geben: "Die Bundesbank hat Anfang November Lafontaines Drängen nach einer Geldverbilligung zurückgewiesen. Der Minister hat damals einlenken müssen, was wohl die Voraussetzung dafür war, daß die europäischen Zentralbanken jetzt das tun, was Lafontaine immer wieder beharrlich gefordert hatte", schreibt das Handelsblatt. Die Financial Times haut in die gleiche Kerbe: "Die Zinssenkung fand trotz des Drucks statt, nicht deswegen."
Mit der Zinssenkung hätten die Notenbanken, so Tietmeyer, den Start der Europäischen Zentralbank (EZB) erleichtern wollen. In Bankenkreisen reagierte man allerdings auf die Zinssenkungen völlig überrascht. Allgemein wurde angenommen, daß die Währungsunion mit dem bisherigen deutschen Leitzins von 3,3 Prozent beginnen würde. Die Reposätze fast aller Euroländer lagen über diesem Satz und in vielen waren sie vor einigen Monaten sogar noch deutlich höher - in Irland betrug der Basissatz im September sogar 6,75 Prozent - und wurden erst mit Blick auf die Währungsunion abgesenkt. Es ist daher nicht überzeugend, daß der EZB der Start bei einem Zinssatz von drei Prozent leichter fallen sollte als bei 3,3 Prozent.
Als zweiten Grund gab der Bundesbankchef die trüben Aussichten für die Weltwirtschaft an; doch auch dieses Motiv erscheint wenig glaubwürdig. Denn die globale Konjunktur wirkt heute solider als noch vor drei Monaten: Die Krisengefahr in Brasilien ist heute wesentlich geringer, und auch die US-Wirtschaft ist stabiler als noch vor einigen Wochen angenommen. Vor ein oder zwei Monaten hätte Tietmeyer also bessere Gründe für eine Zinssenkung gehabt als heute. Deutschland befindet sich sogar mitten in einer Aufschwungphase: Am selben Tag, als Tietmeyer die Zinssenkung verkündete, gab das Statistische Bundesamt bekannt, daß das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September 2,8 Prozent höher liege als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.
Als Lafontaine vor vier Wochen Zinssenkungen verlangte, entgegnete Tietmeyer, daß dies wegen der Inflationsgefahr nicht möglich sei. Am Donnerstag vertrat er eine dazu diametrale Meinung: Es sei kein Inflationsrisiko zu sehen, "in Deutschland herrscht praktisch Preisstabilität".
Im November sah es noch so aus, als hätte Tietmeyer seinen Kampf gegen Lafontaine für sich entscheiden können. Doch nun steht der Finanzminister als strahlender Sieger da.