03.02.1999
The Circumstantial & the Evident II

Die Unabomber-Story

Zwischen 1978 und 1995 wurden 16 (zumeist Paket-) Bombenattentate, die drei Menschen töteten und 23 verletzten, dem "Unabomber" zugeschrieben. Trotz einer 60 Millionen Dollar teuren Untersuchung, in der über 60 000 Verdächtige überprüft wurden, konnte das FBI den Unabomber nicht finden. Zuletzt gelang es diesem mit einer Drohung, die Veröffentlichung seines antitechnologischen "Manifestos" bei der Washington Post durchzusetzen.

David Kaczynski alarmierte daraufhin das FBI mit der Mitteilung, das "Manifesto" ähnele den Schriften seines Bruders. Der Harvard-Absolvent und einstige Berkeley-Mathematikdozent Theodore Kaczynski wurde im April 1996 in seiner Hütte im ländlichen Montana, wo er 25 Jahre ohne Strom und fließendes Wasser gelebt hatte, festgenommen und wegen der "Unabomber"-Attentate vor Gericht gestellt.

Am 12. November 1997 begann die Juryauswahl im Verfahren gegen Kaczynski. Um 23 Uhr des Vorabends fuhr ich von Valencia, Kalifornien, in Richtung Sacramento, in der Hoffnung, den ersten Tag dieses historischen Prozesses erleben und dokumentieren zu können.

(1) Aufgelesen ungefähr um 8.40 Uhr im zweiten Stock des Gerichtsfoyers, während ich in der Warteschlange stand, um durch den Metalldetektor eingelassen zu werden. Das Blatt hatte am Schuh eines rothaarigen Mannes mit No-Drugs-Button geklebt. Dieses Blatt und ein anderes waren mir schon einige Zeit aufgefallen, aber es war mir zu peinlich, eines aufzuheben: Ich wußte nicht, wie ich mein Interesse erklären sollte.

Zwei Monate später endete der Prozeß mit einem Schuldeingeständnis Kaczynskis. Mein Mitbewohner sah den Bericht in den Fernsehnachrichten; ich packte ein paar Sachen zusammen und fuhr nach Sacramento.

Ich war einige Stunden zu spät und verpaßte die große Pressekonferenz mit Kaczynskis Bruder und seiner Mutter. Die Reise hatte sich dennoch gelohnt: U.a. fand ich eine Serviette, die von einem örtlichen Nachrichtenreporter für sein Make-up benutzt wurde, bevor er seinen Zuschauern live via Satellit über die neuesten dramatischen Entwicklungen in diesem Fall berichtete.

Für die nächsten Tage blieb ich im nahegelegenen San Francisco und fuhr noch zweimal nach Sacramento, um die Nachrichtenteams beim Ausräumen ihrer für die Dauer des Prozesses angemieteten Büros zu beobachten. Der Schreiber der New York Times ließ mich freundlicherweise seinen Müll durchsehen. (2) Ich behielt sein Schildchen "J. New York Times". (3) Die Stromleitungen, die man extra für die Journalisten gelegt hatte, entfernte man erst in der Woche darauf. (Zu meinem Glück: Ich konnte die Batterien meiner Videokamera aufladen.) (4) Während meines Aufenthaltes besuchte ich selbstverständlich das Gefängnis, wo man Kaczynski inhaftiert hatte (und wo ich beinahe selber festgenommen wurde, weil ich allzu lange die Polizeieinfahrt auf Video aufgenommen hatte).

Das Strafmaß sollte ursprünglich am 15. Mai verkündet werden, aber man zog den Termin auf den 4. Mai vor. Ich wußte davon nichts, bis ich auf dem Flur einen Freund traf, der mir die Neuigkeit mitteilte (und er sagte mir, daß ich bei solchen Gelegenheiten rechtzeitig im Bilde wäre, wenn ich ihm sein Fernsehgerät abkaufen würde).

Ich beeilte mich, zum Flughafen zu gelangen und den nächsten Flug nach Sacramento zu buchen, aber dort gab es wenig zu tun und zu sehen. (5) Nachdem ich vor Ort die letzten beiden Reporter auf Video gebannt und einige Gewehrkugeln vor dem Gerichtsgebäude gefunden hatte, von denen ich auch jetzt noch keine Ahnung habe, wie sie dort hingekommen waren, lief ich die Straße hinunter zum State Capitol Building, wo die Gemeinschaft der Lateinamerikaner, der "Latino Caucus", das Fest ihres Jahrestages feierte.