Schutz der Nachkomme
Von Verkäufen ganz eigener Art berichtet eine Ausstellung, die seit Anfang November 1998 im Düsseldorfer Stadtmuseum zu sehen ist. Visueller Reiz wird nicht geboten, eine Vielzahl von Stelltafeln ist mit schnöden Akten behaftet. Es geht um die "Aktion 3" - ein behördliches Kürzel für die öffentliche Versteigerung der Habe von Juden, die aus ihren Wohnorten in die Vernichtungslager deportiert wurden. Mitsteigern durfte damals jeder, und die Schnäppchenjäger - Kleinbürger, hohe und subordinierte Beamte, Arbeiter, Unternehmer - standen Schlange.
Kleidung, Hausrat, Schmuck, Gemälde, Fahrräder - der staatliche Second-Hand-Markt verfügte über ein komplettes Angebot. Jeder Verkauf wurde von Finanzbeamten säuberlich protokolliert, und deshalb könnte man heute ohne große Mühe herausfinden, wer wann wo und zu welchem Preis das Eigentum seiner ehemaligen Nachbarn erstanden hat (Jungle World, Nr. 48/98). Den Kunden war klar, woher die Ware stammte. "Die Leute wußten: Aha, die werden legal enteignet, und sie wußten auch, daß sie nicht wiederkommen. Sonst hätten sie die Sachen nicht ersteigert", so Professor Wolfgang Dreßen von der Fachhochschule Düsseldorf, der die Ausstellung organisiert hat.
Eigentlich dürfen die Akten gar nicht gezeigt werden. Lediglich in Berlin und Hamburg lagern die betreffenden Vorgänge in zugänglichen Staatsarchiven, überall sonst werden sie von den Steuerbehörden unter Verschluß gehalten. Als Dreßen im letzten Jahr sein Interesse anmeldete, wies die Düsseldorfer Oberfinanzdirektion die nachgeordneten Ämter an, von "einer Beantwortung des Schreibens vorerst Abstand" zu nehmen. Die Oberfinanzdirektion Köln dagegen gestattete Dreßen den Zugang, fand ihre Akten wenig später in der Düsseldorfer Ausstellung und intervenierte dann vergeblich beim Bundesfinanzminister zwecks Schließung der illegalen Schau.
So kam Bewegung in die Sache. Noch 1997 hatte das Bundesfinanzministerium der bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten Annelie Buntenbach auf eine kleine Anfrage hin mitgeteilt, die Akten seien als Steuerdokumente ordnungsgemäß 80 Jahre lang unter Verschluß zu halten. Nach dem Regierungswechsel fragte Buntenbach den neuen Finanzminister. Die Antwort: keine 80 Jahre, weil es sich nicht um Steuerakten handelt. Aber die vom Gesetz vorgeschriebenen 30 Jahre reichten auch nicht hin, weil neben dem Opferschutz auch der "Schutz der Rückgabeverpflichteten" bzw. ihrer "Nachkommen und Rechtsnachfolger" zu gewährleisten sei. "Es ist also schlimmer als bei der CDU", so Dreßen. Im Gegensatz zu Lafontaines Ministerium haben die SPD-Finanzminister in Hessen und Nordrhein-Westfalen Bereitschaft zur Freigabe der Schriftsätze signalisiert. Anläßlich einer Pressekonferenz in Hessen wurden vier Ordner mit Verwertungsakten an Ignatz Bubis übergeben, vom NRW-Finanzministerium erhielt Dreßen das Angebot, bei der Erfassung und Auswertung der Akten mitzuarbeiten.
Das Interesse an der Düsseldorfer Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar zu sehen ist, hat alle Erwartungen übertroffen. "Sechs- bis achttausend Gäste", schätzt Dreßen, "für das Stadtmuseum eine enorme Zahl." Viele Schulklassen waren darunter, und viele Besucher aus dem Ausland. Dort, in den USA, in Großbritannien und Israel etwa, hat die Presse breit berichtet.
Eine israelische Journalistin arbeitet gegenwärtig an einem Film über einen verschwundenen und vergessenen jüdischen Friedhof auf einem Werksgelände der Bayer AG in Krefeld-Uerdingen. Der Hinweis entstammt der Recherche zu den Steuerakten: 1942 kauften die IG-Farben den Friedhof vom Staat. Das Gelände wurde in den Produktionsbereich integriert und blieb dort. Auf Nachfragen verwiesen die Bayer-Funktionäre darauf, die Anlage sei seinerzeit ordnungsgemäß erworben worden. Nebenan, umgeben vom Werksgelände, befindet sich ein christlicher Friedhof. Dort ist, in einem prunkvollen Ehrengrab, Fritz ter Mer bestattet, der Hauptbeschuldigte im IG Farben-Prozeß und mitverantwortlich für die Buna-Werke in Auschwitz. Mit der Frage, warum dieses Grab mit einem Kranz des Bayer-Aufsichtsrates verziert ist, haben die Manager, so Dreßen, nichts anfangen können: "Wieso sollen wir ihn nicht ehren? Er ist verurteilt worden, hat seine Strafe abgesessen und nachher für Bayer gearbeitet."
Ähnlich reagiert die deutsche Presse angesichts der brisanten Akten, deren Zahl sich nach Dreßens Schätzungen bundesweit auf eine Million belaufen dürfte. Während die TV- und die Rundfunkabteilung des WDR recht aktiv waren, berichteten aus dem Printmedienbereich außer der Frankfurter Rundschau nur linke Zeitschriften von eher begrenzter Reichweite. Weder die Nachrichtenmagazine noch die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen schenkten der Ausstellung bzw. der Kontroverse um die Dokumente Beachtung. "Die Inlandsredaktion der taz", so Dreßen, "hat beschlossen, über diese Ausstellung und das zugehörige Buch nicht zu berichten."
Kennt er die Gründe? "Nein, ich habe nur Vermutungen. Frank Bajohr hat vor Jahren ein 320-Seiten-Buch über die Arisierungen in Hamburg geschrieben. Er behandelt sehr ausführlich die Rolle der Großunternehmen und der Bourgeoisie. Obwohl er Zugang zu den Versteigerungsakten hatte, widmet er ihnen nur ganz wenige Seiten. Er hat als Linker ein Problem. Die Nazis, das müssen immer die anderen sein, Kriegsverbrecher, SS, das Großkapital. Aber was ist mit der Oma von nebenan, die auch mitsteigert, wenn jüdischer Besitz versteigert wird?" Wenn sich die Bundesregierung, wie Kanzler Schröder neulich im Streit um die Entschädigung für Zwangsarbeiter sagte, schützend vor die deutschen Unternehmen stellen muß: Hat dann nicht die deutsche Presse die Pflicht, sich schützend vor ihre Leser zu stellen?
Ob die Diskretion der Redaktionen beliebig andauern kann, scheint allerdings fraglich. Beinahe täglich erhalten Dreßen und seine Mitarbeiter Anfragen, die Ausstellung auch in anderen Städten zu präsentieren. Als zweite Station ist derzeit Nürnberg im Gespräch, und in Bayern mögen bekanntlich die Nachkommen der Täter nicht gerne über deren Treiben sprechen.
Abseits der Frage, ob die Möglichkeit genutzt werden kann, ein durchweg empirisch gestütztes Tagebuch der Arisierung von unten zu schreiben, hat die Düsseldorfer Ausstellung den Opfern auf eine andere Weise bereits etwas gebracht. Obwohl nur etwa 4 000 Aktenvorgänge eingesehen werden konnten, war es in einzelnen Fällen möglich, die verschütteten Spuren von Deportierten wiederzufinden. Nachdem die britische Zeitung The Guardian über die Ausstellung berichtet hatte, haben sich zwei jüdische Familien, die die Namen ihrer in der Vernichtungsmaschinerie verschollenen Angehörigen erkannten, bei der Redaktion gemeldet.
Die Familie Levi aus Köln hatte kurz vor der Deportation eine Reise bei einem Kölner Reisebüro gebucht. Ein Telegramm mit der Ankunftszeit hatte sie bereits an ihre Angehörigen in New York gesandt. Die Deportation verhinderte diese Flucht, das Telegramm war das letzte Lebenzeichen. "Jetzt", so Dreßen, "haben die Angehörigen in der Zeitung über die Akte gelesen. Es war die erste Spur."