Unter Borges' Schreibtisch
Was ein Roman ist, gehört zu den Imponderabilien der Literarturtheorie. Im Zweifel darf getrost all das als Roman gelten, wo Roman draufsteht. Von daher ist auch Roberto Bola-os "Die Naziliteratur in Amerika" ein Roman, auch wenn es sich auf den ersten Blick mehr um ein Literaturlexikon, auf den zweiten Blick mehr um das Fake eines Literaturlexikons handelt.
In zirka dreißig Artikeln werden fiktive süd- wie nordamerikanische Autoren und Autorinnen porträtiert, die mehr oder weniger rechtes Gedankengut bieten bzw. mit rechtem Sektierertum in mehr oder weniger engem Zusammenhang stehen. Wir ahnen es: Wir bewegen uns in den Gefilden der akademisch maskierten Satire, einer Gattung, die im Hispanoamerikanischen nicht um das Vorbild Jorge Luis Borges herumkommt.
Gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Adolfo Bioy Casares hatte Borges in den Sechzigern und Siebzigern unter dem Pseudonym H. Bustos Domecq eine Zeitungskolumne bewirtschaftet, in der gnadenlos begeistert fiktive Avantgardisten aller künstlerischen Branchen vorgestellt und totgepriesen wurden. Alles, was modern und gleichzeitig ausreichend unsinnig war, kam unter die Räder. Gleichzeitig demontierten Borges und Bioy mit heimlichem und wachsendem Vergnügen ihre Kunstfigur Domecq, indem sie ihm einen verblasenen, wie sie es nannten: "barock-vulgären" Stil anhängten und ihn allerlei offensichtlichen Schwachsinn zu Papier bringen ließen. Diese doppelt verschachtelte Persiflage auf seltsame Blüten des Modernismus einerseits, das unkritisch begeisterte Feuilleton andererseits macht die "Chroniken von Bustos Domecq" zu einem genrestiftenden humoristischen Highlight im sonst eher mit großem Ernst rezipierten Werk Borges'.
Der aus Chile stammende Bola-o bekennt in einem Interview: "Ich verehre Borges! Am liebsten würde ich unter Borges' Schreibtisch wohnen." Also muß er sich den Vergleich mit Borges wohl oder übel gefallen lassen. Wenn Bola-o beispielsweise eine seiner Nazi-Autorinnen ein in einer Erzählung von Poe beschriebenes Zimmer maßstabgetreu nachbauen läßt, um es dann abermals zu beschreiben - dann wirkt das, als sei es direkt bei Borges abgeschrieben. Aus der nachvollziehbaren Verlegenheit, sich nicht nur den Stoff für ein Buch ausdenken, sondern den Inhalt unzähliger Werke skizzieren zu müssen, verfällt Bola-o des öfteren auf das Motiv jenes dankbaren, weil per se absurden literarischen Hyperrealismus, für den bereits Bustos Domecq schwärmte.
Weil aber auch das auf die Dauer nicht verfängt, hantiert Bola-o mit zusätzlichen Absurditäten, die manchmal ganz originell sind, etwa wenn von einem Buch die Rede ist, dessen geheime rechte Botschaft über die jeweils ersten Buchstaben der Absätze verschlüsselt ist. Teilweise sind sie schlicht überzogen, wenn etwa ein angeblicher Carlos Ramirez Hoffman seine raunenden Poeme mittels einer zweimotorigen Messerschmitt der Luftwaffe in den Himmel schreibt (oder sollte es eine Anspielung auf d'Annunzio sein?). Stilistisch hat Bola-o den verquasten Feuilleton-Stil von Domecq gegen einen etwas staubigen lexikographischen Duktus getauscht, was mitunter etwas mühsam zu lesen ist. Wo Borges und Bioy schon mal packende Dichter-Homestorys liefern, muß Bola-o jedes Mal aufs neue bio- und bibliographische Daten abreißen. Irgendwann verselbständigt sich der Stil jedoch, rutscht ins Anekdotische ab und wird lesbarer. Die Verquickung von Fiktion und historischer Realität funktioniert dabei oft ganz prosaisch, wie folgt: "Während Francos Luftwaffe Madrid bombardiert, bezieht Irma im Hotel Splendor, Zimmer Nummer 304, die schlimmste Tracht Prügel ihres Lebens." Irma ist übrigens eine - selbstverständlich erfundene - falangistische Autorin, der Schläger ihr politisch andersdenkender Gatte, von dem sie sich später trennen wird. Im letzten, längsten Artikel kommt dann sogar der Autor selbst ins Spiel und greift in die Handlung ein. In einem Anflug von Spannung werden wir Zeuge eines geheimdienstlichen Attentats, das uns, wie weite Teile des Buches, etwas ratlos zurückläßt. Daß sich die einzelnen Einträge untereinander inhaltlich vernetzen würden, wie man es vielleicht angesichts der Gattungsbezeichnung "Roman" erwarten würde, läßt sich kaum behaupten. Dafür enthält es wunderbare Passagen, die ohne weiteres für sich stehen können, und es ist nach bester postmoderner Manier gespickt mit literarischen und historischen Bezügen und Anspielungen, die ohne eine durchgängige Handlung auskommen.
Die Vernetzung der Episoden findet auf einer tiefer liegenden Ebene statt, dort, wo es um die oft verborgenen rechten Stereotypen in den unterschiedlichen Genres und Epochen der Literaturgeschichte geht. Der Rückgriff auf das Nazi-Sujet ist nicht bloß leichtfertiges und marktgängiges Anflanschen an ein catchy Thema, sondern verbindet sich mit einem politischen Anliegen des Autors, der unter Pinochet selbst ein halbes Jahr im chilenischen Gefängnis saß. Bola-o pocht darauf, daß seine Episoden, obwohl ausgedacht, doch "wahr" seien, wohl in dem Sinne, daß mehr als nur ein Funken Wahrheit in ihnen stecke. In der Tat erscheint es für einen Schriftsteller, der ja nicht gleichzeitig Journalist sein muß, zunächst einmal einträglicher, statt mühsam hinter realen Außenseiter- und Spinnerliteraten herzurecherchieren, sich auf die geheimen transatlantischen Links und Verbindungslinien der faschistoiden Ideologie zu konzentrieren und diese exemplarisch vorzuführen.
Bola-o entwirft auf diese Weise ein klandestines, mit der Wirklichkeit eng verzahntes Paralleluniversum, in dem die völkisch-rurale Ideologie der Colonia Dignidad genauso aufscheint wie der herrenmenschelnde Futurismus einiger US-amerikanischer Science-Fiction-Autoren.
Daß sich beim rechten Brain-Drain über den Atlantik einiges verwandelt und die für Europa so fatalen Ideen in Amerika teilweise nur kurios und skurril wirken, muß man dem Autor wohl zugestehen. Dies zumal, da es sich nach Bola-os Auffassung beim amerikanischen Kontinent um einen Teil des Planeten handelt, "wo man sowieso auf Schritt und Tritt Unternehmungen am Rande des Wahnsinns, der Legalität und der Einfältigkeit begegnet".
Indem er in der Pose des neutralen und wohlwollenden Lexikonschreibers das Scheitern und die Bedeutungslosigkeit fast aller von ihm benannter Autoren und ihrer literarischen Programme konstatiert, meint Bola-o, auch die im Hintergrund wirksame rechte Ideologie der Lächerlichkeit zu überführen. Ganz gelingt ihm das nicht. Genauer: Es gelingt ihm - allerdings um den Preis der Verharmlosung.
Um die Fiktionalität durchhalten zu können, muß Bola-o die Wirkungslosigkeit rechter Ideologie unterstellen, die dann zu etwas wird, was kauzige oder gestrandete Schriftstellerexistenzen im Hobbykeller praktizieren. Daß das sich selbst für den amerikanischen Kontinent nicht durchhalten läßt, ist das Dilemma des Buches, welches auch durch die satirische Verstellung nicht aufgelöst wird. Es läßt sich benennen mit einem typischen Satz von Borges, der in ganz anderem Zusammenhang steht, nämlich ironischerweise bezogen auf die echten Nazis von 1944: "Der Nazismus krankt an Irrealität, wie die Höllen Eriugenas."
Roberto Bola-o: Die Naziliteratur in Amerika. Verlag Antje Kunstmann, München 1999, 238 S., DM 38