Spiegel des Patriarchats

Erica Jong über Henry Miller und seine Bücher: Entwertet Sexismus die literarische Qualität?
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"Kann eine Schriftstellerin irgend etwas von Henry Millers individueller dichterischer Stimme lernen? Wird sein Werk nicht durch seinen Sexismus entwertet? Sollen wir ihn nicht wegen seines Sexismus boykottieren? Ich glaube nicht. Genau wie Shakespeares Monarchismus nicht die Schönheit seiner Reime ungültig machte, so löschte auch Millers Sexismus nicht seinen Beitrag zur Literatur.

Im übrigen bliebe uns, wenn wir alle Bücher ächteten, mit deren sexueller Grundhaltung wir nicht einverstanden sind, nichts zum Lesen übrig - nicht einmal die Bibel, Homer oder die Romane von Jane Austen (deren Heldinnen am Ende oft hocherfreut eine konventionelle Ehe eingehen)."

Bei Erica Jongs Buch über Henry Miller handelt es sich nicht um eine klassische Biographie, auch wenn das fast 400 Seiten dicke Buch eine Menge über Henry Miller (1891 bis 1980) erzählt: "Miller wagt es, nicht an den Fortschritt zu glauben! Er wagt es, die Plattheit der zwanziger Jahre: 'Jeden Tag fühle ich mich in jeder Hinsicht besser' in Frage zu stellen. Er wagt es, nicht an 'positives Denken' zu glauben. Er ist unamerikanisch. Auch wenn er heute schreiben würde, würden diese Einstellungen ihn zum Paria machen."

Mindestens genauso viel erfährt man über Erica Jong, die weder Dame sein noch als vorwiegend pornographische Schriftstellerin gelten will und mittlerweile auf die Sechzig zugeht. Ihre Auseinandersetzung mit Henry Miller ist eher ein zorniges Pamphlet gegen US-amerikanische Kulturverhältnisse. Jong hat eine Liebeserklärung geschrieben, eine Liebeserklärung, in der auch Wut, Haß und offene Fragen zugelassen sind, und die drehen sich keineswegs nur um einen der "skandalträchtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts", sondern um viel mehr: Es geht um Literatur, Kunst, Freiheit, Sexualität, Feminismus und Patriarchat, um Kultur, Politik und das Verhältnis zwischen Privat und Politisch, also sozusagen um alles, was wichtig ist.

Die Schriftstellerin Erica Jong ist studierte Literaturwissenschaftlerin. Sie hat sich in diesem Buch erlaubt, dies zu zeigen. Besonderes Augenmerk legt sie auf Henry Millers eher unbekannte Stücke und Romane und die Kritikerreaktionen, die Darstellung seiner Freundschaften, Liebschaften, Kollegen, politischen Widersprüche und Entwicklungen; und sehr schön, da selten: Man erfährt in diesem Buch auch viel über Schriftstellerinnen und nicht nur deren männliche Kollegen. Mitte der siebziger Jahre führte Jong zwei Jahre lang Gespräche mit Henry Miller. Dankbar erinnert sie sich daran, daß der damals alte Mann und Kollege das Erscheinen ihres ersten Romanes unterstützt hatte. Ihren eigenen Erfolg als Schriftstellerin verdankt Jong wie Henry Miller den "Stellen" in ihren Büchern. Aufmerksame Leserinnen und Leser, so vermerkt sie zwiespältig, seien immer rar gewesen.

Jongs Roman "Angst vorm Fliegen", 1973 in den USA, drei Jahre später in der BRD veröffentlicht, wurde zum Dauer-Bestseller, weil er zweifellos drastische Sexszenen enthielt, beschrieben aus der Perspektive einer autonom agierenden Frau, die nicht nur litt und sich vögeln ließ, sondern vor allem auch selbst initiativ wurde und sich die Kerle ins Bett oder anderswohin holte, daß es eine Lust war. Daß es in diesem Buch auch noch anderes gab als die "Schwanz-und-Mösen-Geschichten" (Jong), wurde öffentlich kaum registriert, führte allerdings anfänglich zu Problemen mit Verlagen.

So berichtet Jong nun in ihrem Miller-Buch vom Ansinnen einer deutschen Lektorin, 1974 eine Übersetzung herauszugeben, wenn die "antideutschen Stellen" gestrichen würden. Die waren damals für den Literaturmarkt offensichtlich schwer verdaulich (Fischer hat sie aber trotzdem gebracht): "Bevor ich in Heidelberg lebte, machte es mir eigentlich nichts aus, Jüdin zu sein. Oh, an gewissen Erinnerungen fehlte es nicht: meine Großmutter, die meine Hände einseifte und sagte, sie wasche 'die Nazibazis' weg, womit sie die Bazillen meinte. Meine Schwester Randy dachte sich ein Spiel aus, das 'Vor den Deutschen davonlaufen' hieß."

An einer anderen Stelle in "Angst vorm Fliegen" erinnert sie sich: "In nächster Nähe lebten unsere anderen Nachbarn, die Deutschen. 1945, als sie noch Militaristen waren, hatten sie die Amerikaner gehaßt, weil sie den Krieg gewonnen hatten. Jetzt, 1966, waren die Deutschen Pazifisten (zumindest soweit es um andere Nationen ging) und haßten die Amerikaner wegen ihres Engagements in Vietnam."

In Erica Jongs Miller-Auseinandersetzung finden sich viele kleine und große Schätze für aufmerksame Leserinnen und Leser: Verbindungsstücke, Erinnerungen, Einschätzung und Hintergrundgeschichten sowohl über Millers als auch Jongs Schreiben und Leben selbst. Ein wenig wird die Freude daran manchmal getrübt, wenn Jong - für meinen Geschmack etwas oberflächlich - von Spiritualität, Mystizismus oder Weisheit spricht. Ihr deshalb gleich einen deutlichen Hang zu New Age-Propaganda vorzuwerfen, ist jedoch ebenfalls oberflächlich und wird dem Buch nicht gerecht. Jong ist auf der Suche nach Antworten, zäh und den Finger auf Widersprüche deutend, die eben nicht so einfach verkleistert werden sollten. Das ist das Verdienst dieser Arbeit, und deshalb sollte das Buch unbedingt viele Leserinnen und Leser gewinnen.

Am interessantesten und zornigsten ist Jong als Feministin. Ein Kapitel des Buches stellt provokativ die Frage "Müssen wir Henry Miller verbrennen?" Sie setzt sich hier mit Kate Millett, Andrea Dworkin und anderen, meist US-amerikanischen Feministinnen auseinander und versucht eine solidarische Kritik an deren Miller-Verrissen und der PorNO-Kampagne. Das ist ein gewagtes Stück Arbeit und wird ihr wahrscheinlich nicht Lob, sondern eher Mißachtung einbringen. Jong wendet sich gegen jegliche Zensur; und sie macht keinen Hehl daraus, daß sie Miller selbstverständlich für einen Sexisten hält.

In ihrem neuen Buch schreibt Jong: "Ja, es gibt offenkundigen Sexismus in Millers Darstellungen sexueller Verführung. Er hält tatsächlich dem Patriarchat den Spiegel vor. Er zeigt tatsächlich die Gewalt beim Geschlechtsakt, wie es auch Andrea Dworkin tut. Er beschreibt sie vom männlichen Standpunkt aus, so wie sie sie vom weiblichen aus beschreibt. Die Frage dabei ist: Befürwortet er diese Gewalt? Oder zeigt er sie, weil es sie tatsächlich gibt?"

Und: "Künstler werden, wenn sie versuchen, Spiegel der Gesellschaft, Spiegel des inneren Chaos des Selbst zu sein, zu allen Zeiten beschuldigt, eben die Mißstände zu verteidigen, die sie beschreiben. Die chauvinistischen Kritiker fallen zu allen Zeiten über die Bücher der Frauen her, weil sie voll sind von Zorn auf die Männer und die Gesellschaft - als wäre das nicht unausweichlich, wenn Frauen sich um einen ehrlichen Ausdruck ihrer Gefühle bemühen."

Erica Jong: Der Teufel in Person. Henry Miller und ich. Hoffmann und Campe, Hamburg 1999, 381 Seiten , DM 44,90