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Eine Geschichtsstunde besonderer Art verspricht der Eichborn Verlag zum 50. Jahrestag des Endes der "Berlin-Blockade" am 12. Mai: Man plant eine Veranstaltung mit sogenannten Nachkriegsspeisen und allerlei Zeitzeugen. Da es sich um einen Verlag handelt, wird natürlich auch ein Buch vorgestellt. Da es sich um einen als mehr oder weniger seriös geltenden Verlag handelt, erwartet man zu diesem Anlaß historisches Grundwissen, zumindest keine Kommunistenhetze oder gar deutschtümelndes Gedankengut. Rosemarie Köhlers Werk "Berliner Notkochbuch" liest sich jedoch wie ein Rückgriff in die Zeiten des Kalten Krieges.

Das Buch besteht leider nicht nur aus Rezepten, die manchmal - zumindest für die Ökoköchin oder den Schlankheitsfanatiker - ganz lustig zu lesen sind (Wildkräutersüppchen, Kuchen ohne Fett). Die Autorin hat ihre Ansichten in, wie es heißt, "sozialgeschichtliche Texte" eingearbeitet, und die sind an Ignoranz über die NS-Zeit, die Verbrechen der Nazis und die Nachkriegszeit in Deutschland bzw. Berlin kaum zu übertreffen.

Wirklich gelitten haben damals nämlich eigentlich nur die Deutschen, besonders die Berliner. Und richtig böse waren die Russen. Daß die Westmächte in Berlin ein Abkommen nach dem anderen brachen, steht nicht in Köhlers Buch. Ebenso nicht, daß die Deutschen einen Krieg angezettelt hatten und daß es Menschen gab, die den Sieg der Alliierten als Befreiung erlebten. Bei Köhler heißt das "bedingungslose Kapitulation" in Anführungsstrichen. Es gibt in diesem Buch keine Nazis, sondern nur "ehemalige Parteimitglieder", die - im Zusammenhang mit der Zuteilung von weniger Lebensmittelkarten durch die Sowjets - bemitleidet werden. Ganz im Gegensatz zu den "Privilegierten", den Überlebenden der Konzentrationslager oder ehemaligen politischen Häftlingen, die zusätzliche Lebensmittel erhielten.

Die "Rosinenbomber", jene Flugzeuge der Briten und US-Amerikaner, die fast ein Jahr lang den Berliner Luftraum behelligten, haben keineswegs nur Nahrungsmittel transportiert, sondern vor allem Industriematerialien - u.a. ein ganzes Kraftwerk. Die Luftbrücke verminderte mit einem gigantischen militärischen Aufwand, wie dem Bau neuer Flughafenanlagen und der Sprengung zweier Sendetürme des von den Sowjets kontrollierten Berliner Rundfunks, die Abhängigkeit der Westsektoren von der Infrastruktur des sowjetisch kontrollierten Umlandes. Das wird heute von keinem Lexikon mehr abgestritten, und so bleibt es dem altlinken Eichborn Verlag vorbehalten, einen Aufguß Kalter-Kriegs-Romantik zu vertreiben.

Rosemarie Köhler: Brennesselsuppe & Rosinenbomber. Das Berliner Notkochbuch. Eichborn Verlag, Berlin 1999, 299 S., DM 39,80