Eine tolle Geschichte

Gefährliche Orte LXI: Im Martin-Gropius-Bau wird die Jubelausstellung der Deutschen für die Deutschen zum 50. Geburtstag der BRD eröffnet

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Wer meint, der Skandal um die Neue Wache Anfang der Neunziger könne nicht übertroffen werden, sollte gelegentlich die Ausstellung "Wege der Deutschen" besuchen, die am 21. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet wird. Der Rundgang durch die Geschichte der Republik(en) umfaßt nach der Ankündigung der Veranstalter rund 5 000 "Originalobjekte aus der deutschen Nachkriegsgeschichte". Deren Auswahl spricht für sich. Als Organisatoren zeichnen das Deutsche Historische Museum, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland; zu den Sponsoren gehören SFB, DeutschlandRadio, InfoRadio und Der Tagesspiegel.

Zur Jubiläumsausstellung gibt es einen "leserfreundlichen Begleitband", billig und mit vielen Bildern, alles drin, sogar schon ein Grußwort des neuen Bundeskanzlers. Der handliche Katalog will laut Verlagsankündigung "ein kompakter Führer durch die Geschichte der Bundesrepublik" sein. Das Buch wurde bereits Anfang April auf den Markt geworfen, und zu diesem Anlaß veranstaltete der Verlag ein Pressefrühstück - Kaffee, Tee, O-Saft, Tomatensüppchen und fein belegte Brötchenhälften - in der damaligen Baustelle, bei dem man nichts erfuhr, außer daß man die Ausstellung nicht betreten dürfe und sie einfach supergroß und superinformativ und superhistorischwertvoll sei. Eine besondere Herausforderung eben, Countdown, fieberhafte Arbeit, einmalig kurze Realisierungszeit ... Alle drei Chefs der großen Träger-Museen waren anwesend, um Reden zu halten.

Die zirka 150 Pressevertreterinnen und ihre männlichen Kollegen nahmen brav ihre Häppchen ein, und einmal durfte man auch kurz Arbeiter begucken, die im Lichthof des Martin-Gropius-Baus unter Denkmalsauflagen werkelten. Intellektuelle Superlative und Lachsbrötchen versus Proletariat in Aktion. Lustig war auch, daß der Projektleiter Rainer Rother sich "Generalsekretär des Ausstellungsprojektes" nennt.

Rother zeichnet verantwortlich für die in den 39 Räumen versammelten 15 Themenkomplexe, auf die hier die deutsche Nachkriegsgeschichte zusammengestrickt wurde. Die "oft ungewöhnlichen und manchmal sogar anrührenden" Dokumente und Objekte stammen von etwa 700 Leihgebern und wurden von acht Architekten, 25 Autoren, zahlreichen weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern, Praktikanten und studentischen Hilfskräften in Formation gebracht. Der Bundeskanzler schreibt in seinem Vorwort: "Aber wir können stolz sein nicht nur auf unsere Wirtschaftskraft und unsere erprobte Demokratie, sondern auch auf unsere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte." Das läßt Böses ahnen.

Einer der 15 Schwerpunkte heißt wirklich "Gegenwart und Vergangenheit". In der Ankündigung erfahren wir: "Die beiden deutschen Staaten gingen auf unterschiedlicher Grundlage mit dem Nationalsozialismus um. Für die Bundesrepublik war dabei die kontroverse öffentliche Diskussion wesentlich. In der DDR war der Antifaschismus konstitutiv für das staatliche Selbstverständnis." Davor haben wir aber bereits - Thema: "Das Deutschland im Osten" - gelernt: "Hier trat ein deutscher Staat an, der vorgab, moralisch besser zu sein als alle deutschen Staaten zuvor. - Und der doch von Anfang an eine zweite deutsche Diktatur wurde."

Die sechziger Jahre lassen grüßen, es wird nicht einmal mehr relativiert, allein jene zweite deutsche Diktatur wird mit Ausnahme einiger Anstandshinweise auf den Nationalsozialismus noch als Feindbild erwähnt ("Im Osten benutzte die SED die sogenannte Abrechnung mit der Vergangenheit, um ihre politischen Ziele durchzusetzen."). Die Shoah ist bereits vergessen, der Name Auschwitz kommt ein einziges Mal vor - beim Themenschwerpunkt "Glaubensdinge", in dessen Kontext neben einem Bild des Dalai-Lama und einem islamischen Gebetzeiten-Kalender auch ein Thora-Vorhang abgebildet ist, auf dem in hebräischer Sprache zweier ermordeter Juden gedacht wird. Versteckter geht's kaum noch.

Zum Kriegsende heißt es im Katalog: "Millionen Menschen waren gefallen oder ermordet worden, Millionen waren auf der Flucht, irrten umher, auf der Suche nach Angehörigen oder verlorenem Gut." Deutsche, versteht sich.

Eingestimmt auf dieses deutsche Leid nach "der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges" nehmen wir nun teil am wundersamen Aufstieg der BRD zum "festgefügten Haus der Demokratie", bis dann endlich die Teilung Deutschlands "mit der gewaltlosen Revolution in der DDR" überwunden wurde. Nichts bleibt einem dabei museumspädagogisch erspart, auch nicht "der DDR-Reisepaß einer alten Dame, die ihre Tochter regelmäßig mit Kosmetika aus dem Intershop versorgte" und auch nicht das Trikot von Jürgen Sparwasser, das er beim WM-Spiel 1974 trug. Ach ja, eine Umzugskiste gibt es auch noch zu sehen, eine jüdische sogar ("Zielort: Shanghai"), die von einer emigrierten Familie 1945 wieder mit nach Berlin gebracht wurde. Wir freuen uns über diese glücklich Zurückgekehrten und erfahren nichts über die vielen Ermordeten.

Wir nehmen lieber teil an einer Überblicksführung "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", der Spezialführung "Zu neuen Ufern - Schwul in Deutschland" oder der dreißigminütigen Mittagskurzführung, die die Fragestellung "Gab es eine Stunde Null?" zu beantworten verspricht. Das kostet acht Mark; leider gibt es aber keine Preise für die richtige Antwort zu gewinnen.

"Einigkeit und Recht und Freiheit - Wege der Deutschen 1949 bis 1999". Vom 23. Mai bis zum 3. Oktober, täglich außer montags 10 bis 22 Uhr, Martin-Gropius-Bau, Käthe-Niederkirchner-Straße, Eintritt frei.

Ausstellungskatalog: Einigkeit und Recht und Freiheit - Wege der Deutschen 1949 bis 1999. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999, 150 S., DM 10