Demokratischer Rassismus
Selbst das Wunder der Volksgemeinschaft, die vom Vernichtungskrieg gezeugte Wohlfahrt, währt nicht ewig. Die gesellschaftliche Schwerkraft des Wertgesetzes, das vom NS-Staat nur sistiert, dessen Wirkungsweise durch den Krieg nur aufgeschoben worden ist, macht sich erneut unangenehm bemerkbar. Mit dem Schrumpfen der Wachstumsraten und vom Fall des Eisernen Vorhangs beschleunigt, kehrt die große Krise zurück.
Das Subjekt wird sich nach der Entzauberung des Wirtschaftswunders aufs neue seiner wirklichen oder potentiellen Wertlosigkeit, genauer: seiner Unfähigkeit, Wert (im Sinne des Kapitals) zu bilden, bewußt, und es weiß mehr oder weniger deutlich, daß es, ohne das Kriterium dieser Unfähigkeit - den Wert - in Frage zu stellen, nur als fetischisierter Staatsbürger, das heißt als nationales Subjekt, diese Unfähigkeit gutmachen, einzig in der Volksgemeinschaft den Ausstoß aus der Gemeinschaft der Wertbildenden kompensieren kann.
Und je mehr Kraft die Freuden des Warenkonsums inzwischen spenden können, desto schwächer der einzelne, der sich immer weniger Waren leisten kann. Das Subjekt der heutigen Demokratie sehnt sich insofern nach dem Nationalsozialismus zurück, als damals der Staatsbürger alles war, und der Warencharakter der Arbeitskraft in ihm verschwand. Bewußt oder unbewußt ist die einstige Volksgemeinschaft der Referenzpunkt der Demokratie geworden: Jörg Haider hat nur ausgesprochen, was viele - niemand weiß wieviele - insgeheim oder offen meinen: "Im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht ..."
Doch der Referenzpunkt kann nicht mehr erreicht werden; er erscheint vielmehr als archimedischer Punkt der postfaschistischen Demokratie. Und insofern sind alle "Ewiggestrigen" immer auch Ewigmorgige. Denn die ordentliche Beschäftigungspolitik wird niemand machen können, dazu sind die Individuen als Geldmonaden und Arbeitskraftbehälter bereits zu sehr vereinzelt, die Staaten als Standorte und Märkte zu sehr verflochten.
Wer sollte also wie der NS-Staat den Arbeitern die Sorge um den Verkauf ihrer einzigen Ware abnehmen? Welcher heutige Staat wäre in der Lage, Arbeits- und Kaufkraft seiner Bevölkerung zu verstaatlichen, Lohn- und Preisstopps durchzusetzen und mit dem Wechsel auf künftige Beutezüge ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zu finanzieren? Eine Beute, auf die ein solcher Wechsel ausgestellt werden könnte, gibt es nur mehr in einem Raum zu holen, den der Staat nicht erobern kann: auf den Finanzmärkten.
Was in dieser Situation entsteht, ist als demokratischer Rassismus zu begreifen: Der Referenzpunkt wird in jede einzelne Geldmonade eingesenkt. Da der Staat nicht imstande ist, die Individuen der Sorge um den Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft zu entheben, sieht sich jedes einzelne, vereinzelte vor der Aufgabe, in sich selbst und für sich selbst zu tun, was der faschistische Staat einst für alle gemeinsam tat. Diese Atomisierung der Volksgemeinschaft, die in den einzelnen Atomen - im Bewußtsein der Warensubjekte - die Volksgemeinschaft bewahrt, läßt sich ebenso an der Geburtenförderung wie an der "Sterbehilfe" ablesen.
Von den Nazis als staatliches Programm in Angriff genommen, um die eigene "Rasse" "höherzuzüchten", wird heute vor allem die sozialdarwinistische Selektion demokratisch neu organisiert: jeder sein eigener Staat. Es wird dem einzelnen überlassen - dem einzelnen Behinderten oder der zukünftigen Mutter eines möglicherweise Behinderten oder dem einzelnen "unheilbar" Kranken und dessen Verwandten - zu erkennen, daß es sich bei ihm selbst oder bei seinem Kind oder Verwandten um "unwertes Leben" handelt (und im Sinne des zu realisierenden Werts handelt es sich tatsächlich um unwertes Leben); der Druck, der dem einzelnen diese "Erkenntnis" vermittelt, geht nun nicht mehr wie früher unmittelbar vom Staat aus, die Vernichtung wird nicht autoritär durchgesetzt, sondern sollte nach Möglichkeit von jedem einzelnen Betroffenen bejaht werden: Hier ist nicht nur seine Opferbereitschaft für den Staat, sondern ebenso sein Selbstbewußtsein als Arbeitskraftbehälter und Warenvehikel gefragt. Eine Gesellschaft von potentiellen Selbstmördern, von Menschen, die stets zum Suizid bereit sind, sobald sich ihre mangelnde Fähigkeit, Wert zu bilden und zu realisieren, herausstellt: Das ist das neue Ideal, das die demokratische Rassenhygiene bereithält.
So könnte vielleicht auch von einer Verinnerlichung oder Subjektivierung der Volksgemeinschaft gesprochen werden - allerdings nicht im ursprünglichen psychoanalytischen Sinn. Denn dessen Voraussetzungen - die Introjektion der väterlichen Autorität als primäre Vergesellschaftung des Individuums und die Spannung zwischen Ich und Über-Ich, die Innerlichkeit überhaupt erst möglich werden läßt - können von der Durchsetzung der Warenform, insbesondere in der individuellen Reproduktion der Arbeitskraft, nicht unberührt geblieben sein.
Werden doch nun die Staatsbürger en détail zu jenem Konsum motiviert, den einst für sie der Staat en gros besorgte, und ist somit auch der "Miniaturstaat", wie Wilhelm Reich die Familie nannte, aufgefordert, ein schlanker Staat zu werden.
Sei es die unter Zeitdruck geratene traditionelle Kleinfamilie, sei es die neue alleinerziehende Mutter mit Teilzeitbeschäftigung - ein gewisser Teil der Erziehung wird mittels elektronischem und digitalem Warenverkehr (TV, Computerspiele, Internet etc.) ausgelagert. Statt der klassischen Neurosen oder neben ihnen entsteht hier die ständige Frustration, zu wenig konsumiert zu haben - und die Angst, zu wenig produktiv zu sein, weil Produktivität die Voraussetzung des Konsums ist, das weiß bereits jedes Kind.
Die Familie verschwindet unter solchen Bedingungen nicht einfach, sie verliert jedoch an Eigengewicht gegenüber dem Verwertungsprozeß, indem sie nun nicht allein auf die Arbeit vorbereitet, sondern vor allem den Konsum vermittelt, die Ware in die Erziehung einspeist und die Reklame zur frühkindlichen Erfahrung werden läßt. Ebensowenig verschwindet der "autoritäre Charakter", wie ihn Adorno einstmals als Voraussetzung des Faschismus beschrieb. Er tritt lediglich variierter in Erscheinung; Gehorsam und Unterordnung werden flexibler gehandhabt, um es sachgemäß auszudrücken: diversifiziert.
Solche Atomisierung der Volksgemeinschaft produziert einen neuen Führer-Typus, der sich als Gegenpol zu den Parteiapparaten begreift und ein unmittelbares Verhältnis zum "Volk", zu den "Bürgern" beansprucht. Nach dem aufhaltsamen Abstieg des Silvio Berlusconi verkörpert ihn derzeit Jörg Haider am überzeugendsten. Immer wieder fordert "der Jörg", wie er in der Parteiwerbung als Kumpel und naher Verwandter präsentiert wird, mehr Demokratie - "mehr Demokratie in Richtung Direktwahlrecht": "Wer die Rolle des Volkes als dem obersten Souverän in Frage stellt, der stellt die Demokratie überhaupt in Frage."
Dieser Typus vermag die direkte Demokratie gegen die Mechanismen der formalen Demokratie nur darum zu mobilisieren, weil die Medien dafür den Boden bereiten - einerlei, ob diese ihm nun kritisch oder apologetisch gegenüberstehen. Durch die Warenform, die jede politische Information annimmt, durch die Degradierung des Politischen zum Anhängsel eines umfassenden Reklameapparats, wird sukzessive jene Distanz des Politischen zurückgenommen, die einstmals in Form von Parlament, Ausschüssen, Parteiapparaten und anderen zwischen Bevölkerung und Exekutive geschalteten Institutionen hergestellt worden ist - eine Distanz, die es immer wieder auch erlaubt hat, gewisse Möglichkeiten einer Erziehungsdiktatur zu realisieren (etwa wenn Bruno Kreisky - Verkörperung des alten josephinisch-keynesianischen Regenten-Typus - die Frage der Todesstrafe explizit von einer Volksabstimmung ausschloß).
Diese Möglichkeiten setzen allerdings eine relative Autonomie von Parlament, Ausschüssen und Parteien voraus, die eben durch jene Kapitalisierung politischer Information schrittweise liquidiert wird. Die Macht, die so vom "Volk" ausgeht, hat die Distanz zum Staat verloren und darum immer nur den eigenen Staat im Sinn. Wozu der Nationalsozialismus mittels Verstaatlichung die Grundlagen geschaffen hat, wird nun durch Kapitalisierung eingelöst: Das Volk ist - wie der Name schon sagt: Kriegsschar, Heerhaufen - eine nach den Schlachtplänen des Staats schon vorformatierte Bevölkerung, aber es ist umso mehr Volk, je mehr es den Souverän verinnerlicht, Staat und Kapital in sich bereits versöhnt hat.
Ein Satz aus Haiders Public Relations bringt es auf den Punkt: "Keine Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates". Doch der vermenschlichte Staat oder das kapitalisierte Volk zerfällt sofort in Banden und Marodeure. Und Haider tut im Prinzip nichts anderes, als gleichsam diese volksgemeinschaftlichen Atomteilchen zu beschleunigen; sein ganzes Auftreten scheint weniger davon bestimmt, das voneinander Abgekapselte zu vereinen zu einer großen homogenen staatstragenden Massenpartei, als es in Gestalt lauter kleiner, irrsinnig und irregulär agierender, rassistischer Banden und Einzeltäter zu akzelerieren.
Im Unterschied zur alten nationalsozialistischen Rhetorik mit ihrem endlosen Redeschwall und ihrem hysterisch-beschwörendem Tonfall genügen Haider stets einige spitze Bemerkungen und eindeutige Anspielungen, z.B.: "Wenn man heute an einer Baustelle (....) vorbeigeht und dort die Ausländer bis hin zu Schwarzafrikanern Ziegel schneiden und tragen sieht, dann denkt sich der österreichische Bauarbeiter schon etwas."
Eben damit sollen die Weißösterreicher motiviert werden, den Fetisch des Kapitals und die rassistische Ideologie durchaus selbständig weiterzudenken. Haider stachelt eher an, als in Trunkenheit zu versetzen. Er hat auch meist keine Massen vor sich, sondern nur das Mikrophon und die Kamera der Journalisten.
Wie die medialen Auftritte und Statements von Haider sich von den Massenkundgebungen und Schauspielkünsten der Nazis abheben, so unterscheiden sich auch die Partei, die er formiert, und der Staat, den er anbietet, von NSDAP und "Drittem Reich": Wenn er - ganz im Gegensatz zur "ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" - immer wieder einen "schlankeren Staat", eine "Verschlankung des Staates", fordert und in Aussicht stellt, so ist darin nicht allein eine seiner taktischen Anleihen beim Neoliberalismus zu sehen, sondern ein durchaus neues politisches Konzept. Der schlankeste Staat ist die Verbrecherbande.
Tatsächlich bietet die Partei Haiders in ihrer inneren Struktur wie in ihrem öffentlichen Auftreten, in der politischen Aktion wie in der Physiognomie ihrer Protagonisten - mitsamt den in letzter Zeit grassierenden Finanzaffären - eine perfekte Illustration für die These, daß sich Staat und Gesellschaft mehr und mehr in Gangland verwandeln, das von rivalisierenden Banden oder Rackets beherrscht wird. (Dabei handelt es sich freilich zunächst nur um Analogien, die sich im einzelnen feststellen lassen - die Trennung zwischen rechtsstaatlichem und kriminellem Raum aber nicht unbedingt aufheben.)
Auch die NSDAP trug in mancher Hinsicht und in mancher Phase die Züge einer Gangsterbande - es war nicht so weit hergeholt, daß Brecht gerade ihren Aufstieg mit einem Stück aus dem Chicagoer Gangstermilieu porträtierte. Und so hat die Durchsetzung des Nationalsozialismus ebenso bereits Horkheimer und Adorno über den Ausgang der Geschichte als Bandenkrieg spekulieren lassen. Horkheimers Analyse des Racket könnte sogar unmittelbar auf die Haidersche Partei angewandt werden: Racket bedeutet Erpresserbande ebenso wie Selbsthilfegruppe und Wohltätigkeitsverein. - "Die völlige Brechung der Persönlichkeit wird verlangt, absolut bündige Garantien der künftigen Zuverlässigkeit. Das Individuum muß sich aller Macht begeben, die Brücken hinter sich abbrechen. Als der echte Leviathan fordert das Racket den rückhaltlosen Gesellschaftsvertrag."
Solche Verträge schließen Haiders Gefolgsleute ab. Entspricht das Individuum nicht dem absoluten Treuebund, und wird es etwa unzuverlässig, droht es die Interessen der Bande zu verletzen, muß es natürlich ausgeschaltet werden. Die Geschichte der Freiheitlichen in Österreich ist voll von derartigen Aktionen, wovon in der Presse jeweils ausführlich berichtet wird. Auch hier arbeitet die liberale Öffentlichkeit ganz im Dienste der Haiderschen Politik: Sie ist die große Verstärkeranlage, durch die das Menetekel, das mit der Ausschaltung eines Parteifunktionärs gesetzt wird, erst seine ganze Bedrohlichkeit bekommt. Ein großer Teil der Faszination dieser Partei geht gewiß auf die offene Zurschaustellung und mediengerechte Aufbereitung von Gangsterattitüden zurück. Haider ist der große Gangsta-Rapper der europäischen Politik.
Die Gang ist "primitive democracy" schrieb Frederic M. Thrasher in seiner grundlegenden Studie über die amerikanischen Gangsterbanden der zwanziger Jahre. Daß es sich bei Haiders "Buberlpartie" um eine funktionierende Parteiendemokratie handelt, ist also für jemanden, der die inneren Strukturen von Verbrecherbanden kennt, keineswegs ironisch zu verstehen. Jeder, und sei er noch so klein und unbedeutend, hat hier die Chance aufzusteigen - und anders als im bürokratisierten Staatsapparat, kann er dies sehr schnell (direkte Demokratie!); und er kann jederzeit das Recht auf umfassenden Schutz beanspruchen - solange er sich mit der Macht identifiziert, die ihn beherrscht.
Es ist diese innerparteiliche Demokratie, von der die sogenannten Protestwähler magnetisch angezogen werden: So wollen sie ihren Staat. Für die politischen Schutzgelder, die der Staatsbürger und Wähler mit Steuern und Stimmen zahlt, erklären sich "Partei" und Staat bereit, in ihrem Revier den Schutz der Bevölkerung und die Vertretung ihrer Interessen zu übernehmen - den Standort zu sichern und den Arbeitsmarkt abzugrenzen. Die Transformation der Partei alten Typs in eine Bande neuen Typs stellt demnach den Versuch dar, Flexibilität des Kapitals und Fixierung der Arbeitskräfte neu zu vermitteln. Gerade dies aber heißt, den Rassismus zu intensivieren: Der nationale Schutz des Arbeitsmarktes ist von umso größerer ideologischer Bedeutung, je mehr das Kapital nationale Grenzen real überwindet.
Der Begriff der Bande hat allerdings die Tendenz, sich zu verselbständigen: Mit ihm verbreitet sich nicht selten jene Nacht, in der alle Kühe schwarz sind. Wolfgang Pohrt, dessen Polemiken gegen die deutsche Nation in den Köpfen der Linken von einzigartiger Bedeutung waren und mittlerweile legendär sind, scheint ganz in seinen Bann geraten. "Brothers in Crime", Pohrts letztes Buch, läßt Geschichte als Abfolge von Rackets in wechselndem Gewand erscheinen und ersetzt die Frage von Gewaltmonopol und Wert durch den Hinweis auf Waffen und Beute. Was als Resultat gilt, löscht sein Gewordensein aus - und die Theorie hält nur noch das Resultat fest, statt in der Kritik des Resultats das Gewordensein sichtbar zu machen.
Schon in Horkheimers und Adornos Überlegungen aus den vierziger Jahren treten Rackets das Erbe der Marxschen Klassentheorie an, als hätten die Banden in Gestalt von Monopolen den Wert nur als Mittel benutzt, um an die Macht zu kommen und ihn dann - zusammen mit der Zirkulationssphäre - beseitigt.
Fixiert diese These den historischen Moment, da der NS-Staat das Wertgesetz sistierte oder besser gesagt: auf die Probe stellte, wodurch der Verwertung des Werts schließlich neue Bahn gebrochen wurde, so nehmen Adornos spätere Studien zur Negativen Dialektik (auch unter dem Einfluß Alfred Sohn-Rethels) die Kritik des Werts als Inbegriff aller Kritik sozusagen stillschweigend wieder auf, ungeachtet der früheren Annahme, daß die Rackets dessen ökonomische Apparatur längst zerschlagen hätten.
Pohrt hingegen hält an der Position der frühen vierziger Jahre fest: Der Wert habe aufgehört zu bestehen, das Wertgesetz sei durch das Gesetz des Stärkeren abgelöst worden, heißt es bereits in der "Theorie des Gebrauchswerts" von 1975. Und ohne sich die Frage zu stellen, ob solche Stärke sich nicht fortwährend der Verwertung des Werts verdankt, malt der Theoretiker, der zum Satiriker geworden ist, dieses Gesetz des Stärkeren nur mehr in allen Facetten aus. Für die Vorgeschichte des Staats deutet Pohrt immerhin noch so etwas wie einen geschichtlichen Prozeß an, wenn er den als Mafia-Jäger berühmt gewordenen und schließlich ermordeten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone zitiert, der erkannte, daß die Mafia "der Ausdruck eines Verlangens nach Ordnung und damit nach Staat" sei - und daran die Bemerkung anschließt, daß der "Staat die Spätform der Bande ist und die Bande im Erfolgsfall die Frühform des Staats".
Näher denn je aber liegt es heute, die Bande auch als Spätform des Staats zu begreifen: die Krise nationaler Systeme treibt das Individuum in die Bande, die allein noch sein Sicherheitsbedürfnis zu erfüllen und ihn mit dem Notwendigen zu versorgen verspricht. Zur Spätform wird sie, weil ihr im Unterschied zum Nationalsozialismus die Möglichkeiten fehlen, der Krise der Verwertung im großen Maßstab zu begegnen.
Der Rassismus ist der Punkt, an dem die Analogie zwischen den öffentlich, legal oder illegal agierenden politischen Banden und den ganz gewöhnlichen, im Geheimen operierenden, rein kriminellen Gangs falsch wird. Sie ist, von diesem Punkt aus gesehen, nicht nur eine Verkürzung, sondern eine Verharmlosung.
Die Gemeinschaft der kroatischen, serbischen und albanischen Nationalisten und deren Bindung an die jeweiligen War Lords unterscheidet sich von dem, was Bauern und Drogenbarone in Medellin oder Händler und Camorra-Bosse in Neapel zusammenhält. Und unter diesem Gesichtpunkt ist auch die Drogenmafia von Albanern zunächst etwas anderes als die Befreiungsarmee UCK - so viele Spuren auch von dieser zu jener zurückführen. Die Beutezüge der jugoslawischen "Banden" sind im selben Maß "ethnische Säuberungen" - das heißt rassistische Aktionen: Und die Gewalt nimmt auch aus diesem Grund andere Formen und Dimensionen an, wenn auch alle Vergleiche mit dem Nationalsozialismus durch die westliche Presse (die immer nur die Serben betreffen) fehl am Platze sind.
Ein "reeller Gesamtkrimineller", wie zum Beispiel Ernst Lohoff die nationalen Spaltprodukte Jugoslawiens bezeichnet, ist etwas anderes als ein realer Normalkrimineller: In ihm konzentriert sich das Interesse einer Bevölkerungsgruppe, die sich als Nation fühlt und ihren Staat will, in welcher Form auch immer sie ihn noch bekommen kann. Es handelt sich um eine Organisation mit einer in höherem Grade fetischisierten Zusammensetzung, und auf dieser Basis gehen Terror und Vernichtung stets über die rationale Mittel-Zweck-Logik rein krimineller Taten hinaus. Der Mythos eines Bandenführers ist harmlos im Vergleich zu dem eines nationalen Führers, mag dieser - die Ideologie der Nation abgezogen - auch nur eine Bande anführen.
Bande ist nicht Bande, wie auch Auflösung und Spaltung des Gewaltmonopols im ehemaligen Jugoslawien nicht mit dem Strukturwandel des Parteiensystems in den rechtsstaatlichen Verhältnissen von "Schengenland" gleichzusetzen sind. Das Problem liegt vielmehr darin, daß es der postfordistischen Demokratie gelingt, solche Tendenzen zu integrieren, die außerhalb der geschützten Metropolen das Gewaltmonopol unterminieren. So transformiert Haider die Strukturen von Banden einstweilen in rechtsstaatliche Instrumente der direkten Demokratie; so gefährdet die reale Existenz "national befreiter Zonen", die von Neonazi-Banden auf dem Gebiet der ehemaligen DDR beansprucht werden, nicht unbedingt das Gewaltmonopol, kann vielmehr sogar als eine Art Outsourcing des Staats begriffen werden.
Der realen Abstraktion gemäß, die vom Kapital vollzogen wird, setzt sich überall die gleiche Tendenz durch - aber sie tut es überall unter je verschiedenen Voraussetzungen. Die Voraussetzung in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ist die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. Weder das flexibilisierte Autoritätsverhältnis und die demokratisierte Sterbehilfe noch die neueren Formen der Bandenbildung und der Reklame-Demokratie sind allerdings auf die Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" beschränkt: Sie finden sich überall - und daß Haider aus demselben Land wie Hitler kommt, könnte man eben auch als bloßen Zufall betrachten.
Sind also die Voraussetzungen des "Dritten Reichs" in dessen Nachfolgestaaten nicht doch getilgt, oder vermag die nationalsozialistische Volksgemeinschaft der Vergangenheit für das Deutschland und Österreich der Gegenwart und Zukunft - und für ein von Deutschland dominiertes Schengenland - zum besonderen ideologischen Standortvorteil zu werden? Die Existenz "national befreiter Zonen" und die hohe Zahl rassistischer Übergriffe, einzigartige Phänomene wie die überaus erfolgreiche, direkte Demokratie eines Jörg Haider und die Briefbomben eines Franz Fuchs legen nahe, daß sie sich zumindest bei dem, was hier als Outsourcing des Staats verstanden wird, bewährt.
Umgekehrt belegen aber die international zunehmenden rassistischen Attentate, die sich mehr oder weniger explizit auf den Nationalsozialismus berufen, daß solche Standortvorteile nicht an ihren Ursprungsort gebunden bleiben müssen. Der Referenzpunkt vermag durchaus über nationale Grenzen hinweg verallgemeinert zu werden.
Es ist jedenfalls unsinnig, von einem "Volkscharakter" der Deutschen und Österreicher auszugehen - wie negativ auch immer er eingeschätzt werden mag. Aber es genügt auch nicht, ganz allgemein von Kontinuitäten zu sprechen, kommt es doch darauf an zu erfassen, wodurch sich das, was als Kontinuum bezeichnet wird, reproduziert. Die spezifische Spannbreite, die ein solcher kritischer Begriff der Nation im Unterschied etwa zu dem des Kapitals erfordert, hängt wohl mit dem konkreten, geschichtlichen wie individualgeschichtlichen Ausgangspunkt der Nationsbildung zusammen.
Schließlich geht es dabei um die Verallgemeinerung des Familienzusammenhangs - allerdings unter den Bedingungen jenes real Abstrakten, das die Individuen zu Staatsbürgern und Warenvehikel macht, also entlang der Koordinaten von Staat und Kapital.
Während das Kapitalverhältnis etwa den Status des Überflüssigseins hervorbringt und dem Individuum einprägt, wird das Gefühl, nicht überflüssig zu sein, wie es die Familie dem einzelnen zuerst vermittelt, zur nationalen Angelegenheit. Denn mit dem Selbstbewußtsein als Nation kann das gesellschaftliche Unbewußte des Werts reguliert werden; in ihm vereinen sich Familie, Staat und Kapital zur Dreifaltigkeit der Identität - grenzt sich das Subjekt rassistisch nach unten, gegenüber den weniger "Produktiven", und antisemitisch nach "oben", gegenüber den, aus dem Unbewußten geschöpften Personifikationen des Tauschwerts, ab. Der ideologische Kern der Familie - die "Blutsverwandtschaft" - bewährt sich darum auch als Kern der Nation (nur am Rande und in geringer Zahl gibt es bekanntlich die Adoption bzw. Einbürgerung).
Die Nation ist sozusagen das Gebiet des Staats, das zwischen den Generationen liegt: Es verbindet sie. Dieses ideologische Territorium, das hierzulande die Generationen mit dem Nationalsozialismus verbindet, kann nicht als "Konstruktion", als "Text", der sich spielerisch "dekonstruieren" ließe, begriffen werden. Es handelt sich vielmehr um einen von Staat und Kapital hergestellten Zwangszusammenhang, dem jedes Individuum unterworfen ist ("Subjekt").
Als kategorischer Imperativ kann zwar gelten, daß jedes die Freiheit hat, dagegen Widerstand zu leisten, aber "überwinden" läßt sich der Mythos der Nation solange nicht, als Staat und Kapital existieren, d.h. er läßt sich nur in bewußter Negation von Staat und Kapital überwinden. Er ist eben notwendig falsches Bewußtsein - wenngleich seine Notwendigkeit anderer Art ist als die des Warenfetisches, der weniger ein notwendig falsches Bewußtsein als ein notwendig Unbewußtes der Gesellschaft darstellt.
Als eine auf den Staat (und zwar immer auf einen bestimmten!) bezogene Ideologie setzt der Mythos der Nation eine Bewußtheit voraus, die dem Fetisch von Ware, Geld und Kapital wesentlich abgeht. Adornos Hinweis, ein Deutscher sei ein Mensch, der keine Lüge aussprechen könne, ohne sie tatsächlich zu glauben, trifft den Nerv dieser merkwürdigen, zwischen politischer Taktik und religiösem Glauben changierenden Bewußtheit nationaler Identität ziemlich genau: Sie ist die self-fulfilling prophecy des Staatsbürgers. Zum einen hat die Nation also Teil an der gespenstischen Gegenständlichkeit der Tauschabstraktion - sie existiert und existiert auch nicht: Sie ist reales Faktum, indem sie das Handeln der Menschen bestimmt, und ist zugleich ein bloß Vorgestelltes, nur Schein.
Zum andern ist sie das Selbstbewußtsein der Individuen als Bürger eines bestimmten Staats, als Subjekt eines spezifischen abgegrenzten Markts (Standorts!). Und ihr Begriff erlaubt, diesen Zusammenhang zu reflektieren - im Gegensatz zu dem der "Rasse", worin wie beim Preis in der politischen Ökonomie das Gewordensein vollkommen ausgelöscht ist: Die "Rassen" sind in der Tat die Preisschilder im Produktions- und Zirkulationsprozeß nationaler Ideologie.
"Sie wissen das nicht, aber sie tun es", sagt Marx von den Waren-Subjekten, die sich am Markt betätigen. Von den Subjekten, soweit sie politisch handeln, gilt hingegen, daß sie jenes Nicht-Gewußte und dennoch Vollzogene nicht nur rationalisieren, d. h. mit Motiven ausstatten, die der Form des Staats gemäß sind, z.B. Menschenrechte, Rassenkunde etc., sondern sich eben darum auch in dem, was sie tun, unterscheiden können. Und hier liegt tatsächlich so etwas wie ein ethisches Moment, kommt es doch im einzelnen immer wieder darauf an, welche Beweggründe bevorzugt werden - ob es etwa die Gleichheit aller Menschen ist oder die Ungleichheit der "Rassen".
So erweist sich die Nation im Grunde als etwas Intimes - als bewahrte sie den Charakter ihres familiären Ursprungs: Sie läßt den Staat als ein persönliches Verhältnis erscheinen und verwandelt die realen persönlichen Beziehungen in eine Frage der Politik; sie existiert tatsächlich in der Beziehung zu "Papa" und "Mama" und spiegelt zugleich den Staat als ein solches Verhältnis vor. Denn im Gegensatz zum anonymen Warenfetisch, dem von den Individuen als einfachen Waren-Subjekten oder gewöhnlichen Kriminellen unbewußt und unpersönlich Rechnung getragen wird, hat es das notwendig falsche Bewußtsein der Nation stets mit einer bestimmten Familie, einem bestimmten Staat und damit einer besonderen Geschichte der Akkumulation zu tun.
Es macht nun die Eigenart der Gesellschaft in den Nachfolgestaaten des "Dritten Reichs" aus, daß sie sich, wie Joachim Bruhn sagt, auf dem Boden der Resultate bewegt, die der Nationalsozialismus geschaffen hat. So gehört zu den Resultaten eine besonders innige Beziehung zum Staat, gestiftet durch das kollektiv beschwiegene Fundament von Massenmord und Vernichtungskrieg, die eben nach 1945 nirgendwo revolutionär geahndet wurden - auch im Osten Deutschlands nicht und schon gar nicht in Österreich. In diesem Verbrechen hat sich die Bevölkerung mit dem Staat zum Volksstaat vereinigt - worin das Singuläre des Nationalsozialismus liegt, das jede Totalitarismustheorie Lügen straft. Und diese Vereinigung lebte öffentlich und privat gerade in der Verdrängung des Verbrechens fort und konstituierte das Bewußtsein der Staatsbürger.
Daß der größten Vernichtung, die jemals vonstatten ging, der größte Reichtum entspringt, der jemals zu haben war, dies war doch das eigentliche Wunder der Nachkriegszeit, das man mit dem Begriff Wirtschaftswunder schon wieder zu rationalisieren suchte. Daß Massenmord und Vernichtungskrieg offenkundig notwendig waren, um den Nachkriegsboom zu bekommen, die Krise zu überwinden, dies war die Erfahrung, die ins Unbewußte verschoben wurde, und die sich in Sätzen wie: "Wenn das der Führer hätte erleben dürfen ..." plötzlich einen Weg bahnte: Durchbruch des Verbotenen aus der Mitte der Abwehr, Wiederkehr des Verdrängten aus dem Verdrängenden.
Und dieser Durchbruch, diese Wiederkehr wird in den sogenannten Rechtsextremen der Gegenwart endemisch und zur unmittelbaren Gewalt. Der Wahn, die Krise durch Vernichtung zu bewältigen - ein Wahn, der von der kapitalisierten Gesellschaft eben stets bestätigt worden ist, der so recht der Krisen-Dynamik des Kapitals entspricht - macht vermutlich wirklich den Kern dessen aus, was deutsch ist.
Wenn nun der Reichtum auf den Finanzmärkten verschütt zu gehen droht und zugleich die Arbeit ausgeht, die den einzelnen Staatsbürger an diesem Reichtum partizipieren ließ, dann wird der Zusammenhang von Vernichtung und Reichtumsproduktion erneut akut. Aber die Vernichtung selbst wird - wie die Dinge stehen - weniger staatlich autoritär exekutiert, als demokratisch ausgelagert. Die offene Gewalt der Neonazi-Banden und die versteckte der Haider-Anhänger eint, daß sie nicht nur - sozusagen nach rationalen gewerkschaftlichen Überlegungen - den Arbeitsmarkt schützen und einfach den kapitalen Reichtum des Standorts Deutschland bzw. Österreich reklamieren und mit niemandem teilen wollen, in diesem Sinn also die allgemeinen Konkurrenzbeziehungen in gesteigerter, brutalisierter und ästhetisierter Form zum Ausdruck bringen. (Ganze Teams von Sozialpsychologen und Soziologen sind damit beschäftigt, sie darauf zu reduzieren.)
Die vielfachen und punktuellen Vernichtungsaktionen der nationalen Banden wie der Verbalradikalismus und die Gewaltphantasien von Haiders Spießgesellen gehen darüber hinaus, als sollte aufs neue das Wunder beschworen werden, so wie sie es unbewußt aus der Geschichte gelernt, der Verdrängung ihrer Eltern und Großeltern abgelauscht haben: Wiederauferstehung des Wirtschaftswunders als eine Art heilsgeschichtliche Erwartung. Es sind Vernichtungsrituale, die hier in merkwürdiger Spontaneität zelebriert, Beschwörungsformeln, die in privatem Kreis wiederholt werden. Darin liegt die unheimliche, schwer faßbare und am schwersten einzuschätzende Energie des Rassismus deutscher Provenienz.
Zum einfachen, wenn auch seinerseits bereits wahnhaften Aus- und Abgrenzungs-Mechanismus treten die Züge einer Erlösungsreligion, d.h. einer gesellschaftlichen Zwangsneurose. Und besonders ausgeprägt ist der heilsgeschichtliche Wahn offenkundig dort, wo die wenigsten Ausländer leben und kaum etwas an die Existenz des Judentums gemahnt, wo man jedoch von der fixen Idee besessen ist, durch den Staatssozialismus von jenem durch Vernichtung und Massenmord errungenen Reichtum ausgeschlossen worden zu sein.
Wie groß diese Energie noch werden wird, hängt von der Intensität der Krise ab. Daß sich ihr Wirkungsfeld ausdehnen kann, nationales Bewußtsein also ähnlich wie in den letzten Jahren der Naziherrschaft sich nicht mehr nur auf die Nation im engeren Sinn, sondern auf "Europa" bezieht, ist mit der Konzeption von EU und "Schengenland" bereits angelegt. Ebenso zeichnet sich ab, daß der Rassismus anderer Nationen den spezifisch deutschen Vernichtungswahn auch zu adaptieren vermag.
Die Vernichtung wird in jedem Fall eine stärker nach Innen gewandte sein; sie wird weiterhin atomisiert und spontan in Erscheinung treten - Vermenschlichung des Staats, sagen Haiders Spießgesellen, man könnte auch sagen: ein Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz (die Glatzen suggerieren eingewachsene, Menschennatur gewordene Wehrmachtshelme); ihre äußere Form wird vermutlich nicht die Partei und das Heer, sondern die Bande sein; aber wie sich Partei und Heer der Nazis von den westlich-demokratischen Organisationen und Militärapparaten unterschied, so werden sich diese nationalen Banden von den übrigen unterscheiden.
In einem Brief eines Luftwaffen-Helfers von 1944 heißt es über die Behandlung der Juden: "Um sie zur Höchstleistung anzutreiben, müssen natürlich nun Judenbewacher mit Karabiner hinterherlaufen, ihnen bei langsamer Arbeit Stockschläge übersünden und sie bei Entfernung über 3 m erschießen (...) Man muß erst richtig dreckig sein, um zu Gott zu kommen, im Konfirmationsanzug geht das nicht so (...)" Beim Prozeß über die erste rassistische Mordtat nach der 'Wiedervereinigung' protokollierte Sighard Neckel (Kursbuch, Nr. 134/1998) die Aussagen: "'Als der Neger dann am Boden lag, da ist ihm einer auf'n Kopf gesprungen. Also drei, vier Schritte Anlauf, und dann volle Pulle', schildert es einer der Angeklagten später dem westdeutschen Richter. Der hat das in seiner Urteilsbegründung eine 'Jugendverfehlung' und einen 'gruppendynamischen Prozeß mit Ritualcharakter' genannt."
Die vollständige Fassung des Artikels erscheint in Nr. 23 der Zeitschrift krisis.