02.06.1999

Im Auge des Kajal

Weihnachten, Urlaub und Geburtstag auf dem Leipziger Wave & Gotik-Treffen.

Das Frühstück der Wikinger: Eingebüchste Heringsfilets in Tomatentunke, eingeschweißte Wurst aus der Kühltheke, Joghurt aus dem Plastikbecher, heiße Milch, frische Brötchen, schockierend undogmatisch. Am grob gearbeiteten Holztisch hockt Matthias Schubert, "Der Schmied".

Die Szene spielt im Hof der antiken und ziemlich idyllischen Dölitzer Wassermühle, gleich neben den Hallen und Parkplätzen des alten Leipziger Messeparks, der am Pfingstwochenende das Zentrum des 8. Wave & Gotik-Treffens ist. Daß die Dölitzer Mühle vor ein paar Hundert Jahren in irgendeinem Krieg von irgendeinem ruhmreichen österreichischen Garderegiment erobert wurde, interessiert Matthias Schubert nicht. Seine Zeit ist eine, in der es ruhmreiche österreichische Garderegimenter noch gar nicht gab.

Der Schmied, Mitglied der Hamburger Wikinger-Gruppe Hammerberg, hat sein Zelt im "Heidendorf" aufgebaut, gemeinsam mit Kelten, Germanen, Druiden, Hexen und Händlern. "Ob man Kelte oder Wikinger wird", sagt Schubert, "ist auch ein bißchen Zufall. Es kommt eben drauf an, mit welchen Leuten man in Kontakt kommt."

Im Heidendorf herrscht reges Treiben. Der keltische Schmied nebenan bearbeitet mit Hammer und Hingabe ein frisch gefertigtes Schwert, Germanenkinder üben sich in der Kunst des Bogenschießens. Ein Heidentrupp zieht von Zelt zu Zelt und überprüft die Qualität der feilgebotenen Amulette, Trinkgefäße und Zaubertränke: Eine germanische Stiftung Warentest, das muß so sein vor der Eröffnung des Marktes. Die Leute reden sich mit "Gevatter" an. Überwacht wird die Szenerie vom schweigsamen Oberdruiden Deimos, der mit majestätisch verschränkten Armen vor seinem Tipi steht. Später wird er den Grufties Runen-Orakel deuten.

Ein paar Schritte entfernt, im Hofhaus der Dölitzer Wassermühle, ist die Ausstellung "Vergessene Völker Europas" zu besichtigen. Auf dem Infotisch liegen Abo-Coupons der Zeitschrift Pogrom, die von der völkischen Gesellschaft für bedrohte Völker herausgegeben wird. Selbstgebastelte Papptafeln berichten über die großen Kulturen der Bretonen, Basken, Fähringer, Samen, Nenzen und Wepsen. Was jeder wissen muß: Die Wepsen sind der "finnische Zweig der finno-ugrischen Völker" und siedeln zwischen Tallin und St. Petersburg, während die Liven von der lettischen Regierung unlängst endlich ein eigenes Reservat bzw. "Schutzgebiet" zugewiesen bekamen. In den Pausen zwischen den Konzert-Events schlendern vereinzelt auch echte Grufties in dem kühlen Raum umher.

Überhaupt die Grufties. Sie stellen natürlich die Mehrzahl der Teilnehmer auf dem Pfingsttreffen. Ihre Garderobe korrespondiert wie ihr Gehabe mit unterschiedlichen musikalischen Vorlieben, wobei Kontraste entstehen, die zum Sortieren geradezu einladen. Groß im Kommen scheint der Hang zum Mittelalter. Die Szenerie gleicht einem Komparsen-Casting für einen aufwendig gedrehten Monumentalfilm. Die Granden und Prinzessinnen wandeln - meist paarweise und sacht untergehakt - demonstrativ ziellos über das Gelände und versprühen edle Unnahbarkeit und tadellose Manieren. Die Frauen sind angetan mit Reifröcken, Korsettagen, Samtgewändern, nicht selten führen sie ein Sonnenschirmchen mit; die Männer, tragen viel Rüschentextil und dreiviertellange Samthosen, die Bärte sind sorgfältig gestutzt. Für den Adel unter den Grufties spielt abends im Schauspielhaus Nikolai de Treskow, "Deutschlands einziger Minnesänger".

Weniger romantisch treten die Anhänger von Industrial- oder Death-Metal-Musik auf. Diese Fraktion ist dem Leben zugewandt: Bier vom Camping-Frühstück bis zum Morgengrauen, im Outfit dominieren neben Piercings und Tattoos metallverzierte Lederwaren (Männer) sowie Domina-Staffagen mit Latex, Stiefeln, Lackmiedern und Netzstrümpfen.

Die echtesten Grufties sind die Nachfahren jener Leute, die einst den Pionieren des Dark-Wave zuhörten, also Gruppen wie The Cure oder Sisters of Mercy. Sie tragen alles, was schwarz ist, laufen mit dunkel geschminkten Augenhöhlen und Lippen herum und tragen eine Melancholie des Abschieds von der Welt zur Schau. Hoch im Kurs stehen hier Vampire und andere Symbole für Nacht und Tod, abends sehen sie sich szenische Adaptionen der Dracula-Geschichte an. Eine Ikone der Dark-Wave-Bewegung, Siouxsie (ehemals: and the Banshees), trat mit ihrer Gruppe Creatures am Sonntag abend in der großen Festivalhalle auf und positionierte sich im Potpourri der Identitäten gleich eindeutig: "Fuck all uniformes. They are confused."

Adressiert war das an eine spezielle Gruppe von Grufties, die dem Leipziger Stelldichein ebenfalls beiwohnte. Als beispielsweise am Sonntag nachmittag auf der Parkbühne die Gruppe Hagalaz Rune Dance auf die Bühne tritt, versammelt sich auf den vorderen Rängen eine größere Anzahl streng gescheitelter und sonnenbebrillter Männergestalten, allesamt ausgestattet mit schwarzen Hemden und Krawatten. Auch mit militärischer Tarnbekleidung teiluniformierte Vierschröter fühlen sich von der Musik angezogen. Was kein Wunder ist.

Ein blonder Joan Baez-Verschnitt singt mit verklärter Miene romantische Lieder, dazu schlagen sehr ernst dreinblickende junge Männer auf ihre Trommeln ein. Teils verziert mit halbierten Rautenmustern, sehen die Trommeln aus wie jene, die Neonazis gerne auf ihren Demonstrationen mitführen, und es klingt auch so. Schicksalschwangeres dumpfes Donnergehall, vorgetragen in einem stark beschleunigten Marschrhythmus. Frenetischer Jubel, als die Sängerin demonstrativ feierlich zur Volksweise "Die Gedanken sind frei" anhebt. Wenig später erscheint die italienische Combo Camerata Mediolanense mit einer Sopranistin und einem ganzen Trommlercorps, um eine ähnliche Show abzuziehen. Wir gehen dann zu Bullo.

Bullo lebt in Hannover, verdient sein Geld zum Teil als Bestattungsunternehmer für Tierleichen und macht einen netten Eindruck. Er ist auch Chef von "Art of Dark". Die Ladenkette besteht aus neun Filialen und ist der "Ottoversand für Grufties". Sagt Bullo, der sich in der Messehalle vor dem Verkaufsstand seiner Firma postiert hat. Die Geschäfte laufen gut, "vor allem SM-Fetisch-Ware". Trotzdem ist Bullos Laune nicht die beste. Am Vorabend habe es in der Halle Mißstimmung wegen der massenhaft auftauchenden Tarnuniformen gegeben.

Bullo mag diese Leute nicht, "und die meisten Kollegen an den anderen Ständen haben auch was gegen die Rechten". Ein Kamerateam des ZDF tritt an den Stand und filmt die hübsch drapierten und in verschiedenen Größen und Ausstattungen angebotenen Särge ab. "Wir haben lange überlegt, ob wir die hier hinstellen, wegen Kosovo und so. Aber eigentlich ist es doch nur Holz." Mit Pressevertretern hat der Dark-Wave-Unternehmer einschlägige Erfahrungen: "Gestern waren welche vom Fernsehen da und wollten wissen, ob wir etwas mit der US-Trenchcoat-Mafia zu tun haben. Die, die nach dem Massaker in der Schule neulich in die Schlagzeilen kam. Für die meisten Medienleute besteht die Szene aus katzenfressenden Satanisten."

Und was ist die Szene wirklich? Anscheinend kennt Bullo die Frage: "Jeder Mensch braucht einen Tempel, wo er in Kontakt mit etwas kommt, dem er nie gegenüberstehen wird. Das ganze Festival hat etwas davon. Für viele Leute ist das Weihnachten, Urlaub und Geburtstag gleichzeitig."

Für Wikinger-Schmied Matthias Schubert hat die Transzendenz mehr Bodenhaftung: Was die Fraktionen der Szene eint, sei die Suche nach einem Zuhause. "In allen alternativen Szenen ist doch der Wunsch nach Geborgenheit und Familie vorhanden. Hier im Heidendorf gibt es Platz und Ruhe. Die Grufties kommen zum Relaxen hierhin, und wir suchen den Kontakt zu ihnen. Das funktioniert."

Und ergibt eine bizarre Optik. Drüben läßt sich eine Barock-Prinzessin von barfüßigen Germanenkindern im Bogenschießen unterrichten, nebenan im Birkenhain versucht sich ein gepiercter Stachelirokese im Lederoutfit lässig im gezielten Wurf mit dem Beil der Vorfahren, das allerdings aus dem Baumarkt stammt. Fünf Versuche für drei Silberlinge. Der Lehrer, ein kariert berockter Kelte, nimmt die Sache ernst. "He, nun tu mal die Hand aus der Hüfte, auch wenn's edel aussieht." Gehorsam nimmt der Stachelirokese Haltung an. Beim nächsten Versuch federt das Beil mitten in der Scheibe aus Eichenholz.