29.09.1999

»Cappuccino, Australien, asiatische Küche, blau«

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Rapha'l Vogt wird Ehrenmitglied im Woolworth Junior Club, und Sandra Bogdan trifft Nico.

Es muß schon eine ganze Menge passieren, daß die zwölfjährige Sandra ihre absolute Lieblingssendung "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" verpaßt. Am letzten Freitag aber ging es nicht anders, Sandra schaltete einfach nicht ein: "Ich mußte mir die Fragen an Rapha'l ausdenken."

Ein Treffen mit Rapha'l Vogt, dem Darsteller des Nico Weimershausen in GZSZ, hatte Sandra bei einem Preisausschreiben des Woolworth Junior Club gewonnen. Der "Aktivclub für Kinder" (Woolworth) veranstaltet immer wieder solche Aktionen, zuletzt das Projekt "Stromdetektive", bei dem Energiefresser im elterlichen Haushalt gesucht werden sollten. Mit dem Schirmherren, dem Bundesumweltminister Jürgen Trittin, gab es damals kein Treffen zu gewinnen, aber da hat Sandra sowieso nicht mitgemacht.

Nun sitzt sie gemeinsam mit ihrer Mutter in einem abgetrennten Bereich der Zehlendorfer Woolworth-Filiale, neben dem Notausgang. Ein kleiner Kühlschrank ist dort aufgestellt worden, in dem alle Produkte der Coca Cola-Company kaltgestellt sind, daneben stapeln sich Schokoriegel. GZSZ-Hefte liegen auf den Tischen herum. Und drumherum drängeln sich Fotografen, Journalisten, Woolworth-Würdenträger und neugierige Fans.

Natürlich sei sie nervös, sagt Sandra, aber das gehöre ja dazu und sei deswegen wohl auch in Ordnung. Und ganz eigentlich habe sie sich das Treffen mit Rapha'l schon anders vorgestellt, irgendwie persönlicher, "vielleicht so, daß man in einem Raum allein ist". Eben abgeschieden von der Öffentlichkeit. Die teuren Blumen, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter besorgt hat, hätte sie ihm dann in die Hand gedrückt, das unweigerlich folgende Dankeschön bescheiden abgewehrt, ein paar Fragen gestellt, ein Erinnerungsfoto gemacht und das wär' er dann gewesen, ihr großer Tag.

Statt dessen ist Sandra nun Bestandteil eines öffentlichen Rummels. Und gesuchte Interviewpartnerin. Immer wieder wollen Journalisten von ihr wissen, wie sie sich fühle. "Gut!" antwortet sie dann, und daß sie natürlich nervös sei. Völlig normales Zeugs eben. Aber ein bißchen hat sie den Eindruck, daß die Presseleute enttäuscht sind. Was die wohl erwartet haben? Einen von Weinkrämpfen geschüttelten Teenie vielleicht oder jemanden, der völlig stulle nur noch "Rapha'l, Rapha'l" stammeln kann?

Nein. Nicht mit Sandra. Gleichbleibend freundlich beantwortet sie die immergleichen Fragen und knüllt den Notizzettel in ihren Händen. Da erscheint ihr Star. "Was hast du denn gewonnen?" fragt er sie, Sandras Antwort "Na, ein Treffen mit dir!" irritiert ihn. Mit dem deutlichen Unterton "Ist das alles?" fügt Rapha'l schnell hinzu: "Naja, ich dachte, vielleicht bekommst du noch mehr."

Dann ist der Star auch schon wieder verschwunden und steht mit dem Promo-Team draußen auf dem Parkplatz herum. Sandra und ihre Mutter bleiben am Tisch sitzen, weitgehend unbeachtet, aber das ist dem Mädchen auch ganz recht. So bleibt noch ein bißchen Zeit, an den vorbereiteten Fragen zu feilen und sich weiter zu beruhigen. Und den zerknüllten Zettel wieder glattzustreichen.

Plötzlich ist Rapha'l dann doch wieder da, nimmt Sandra in den Arm, küßt sie und zieht sie auf einen Stuhl neben sich. Die Fotografen trampeln sich gegenseitig auf den Füßen herum, während Sandras Mutter strahlt. Dabei hatte sie sich vor drei Wochen, als die Gewinn-Mitteilung kam, ganz furchtbar erschrocken. "Ich fall' um", hatte die Tochter plötzlich gestammelt, während sie die Post öffnete und die Mutter so augenblicklich in Sorge versetzt. "Ist dir schlecht?" hatte sie gefragt. Aber das Kind hatte bloß etwas gewonnen, Gottseidank.

Und sitzt nun als Hauptperson an einem Tisch mit dem Serienstar Rapha'l Vogt. Als beneidete Hauptperson überdies. Es sind, trotz absoluter Geheimhaltung dieses Termins, doch einige GZSZ-Fans gekommen, fast alles Mädchen, mit allen Abzeichen der Pubertät geschmückt: die Tattookette, das geflochtene Freundschaftsband, das abwaschbare Tattoo und das aufgeplusterte Haargummi, aber auch blaue Lidschatten, denn schließlich wollen sie alle schön sein für ihren Star. Der hat jedoch zunächst nur Augen für Sandra.

Die Blumen nimmt eine der Promotion-Damen an sich, und wahrscheinlich hätten sie bis zum Ende der Veranstaltung unausgepackt auf einem der Tische gelegen, wenn Rapha'l nicht ausdrücklich nach einer Vase verlangt hätte. Sofort entsteht hektisches Durcheinander, eine Vase, klar, eine Blumenvase muß her, warum hat man da nicht sofort dran gedacht.

Sandra bekommt Geschenke überreicht. Gleich zwei, und nun sitzt sie da und weiß nicht, wohin mit den Paketen und dem Zettel mit den Fragen. Schließlich greift die Mutter ein und nimmt die Geschenke an sich. Nun kann Sandra ihre Fragen stellen. Die erste ist ein Flop, denn Rapha'l fährt gar kein Motorrad, hat keinen Motorradführerschein, also auch keine Lieblingsmarke und keine Antwort. Dann jedoch wird klar, daß Sandra am Abend zuvor nicht umsonst auf GZSZ verzichtet hat. "Was ist dein Lieblingswort?" fragt sie den verdutzten jungen Mann, der sich nicht anders zu helfen weiß, als mit der Gegenfrage "Was ist denn deins?" zu antworten.

"Ich glaube, 'Scheiße'", sagt Sandra, und alle lachen. "Das darf nicht mein Lieblingswort sein", bedauert das Vorbild und überlegt. Lange. Sehr lange. "Guten Morgen? Gute Nacht?" Nein. "Liebe vielleicht", entscheidet er. "Oh!" jubeln die Promo-Frauen, die wild entschlossen sind, jeden gelungenen Satz des Stars unglaublich toll zu finden. Der hat sich erholt und macht ungefragt weiter: "Cappuccino, Australien, asiatische Küche, blau", beantwortet er vorbeugend alle nicht gestellten möglichen Fragen nach anderen Lieblingssachen.

Dann sind auch die anderen dran. Der Star bekritzelt geduldig T-Shirts, Käppis, Rucksäcke und garantiert tagelang ungewaschen bleibende Unterarme. Und unterhält sich nebenher mit Sandra und jedem anderen, der sich traut, Fragen zu stellen. Hauptsächlich interessiert das Star-Leben, aber das scheint bei weitem nicht so glamourös zu sein, wie sich die Fans das vorstellen. Nix ist's mit durchgemachten Nächten am Set, die Schauspieler müssen morgens früh raus und dementsprechend früh schlafen gehen, am Wochenende sind sie meist zu kaputt für ausgedehnte Partys. Hört sich nach einem ziemlich unspannenden Leben an, enttäuschend eigentlich. Und sich vorzustellen, daß man gar nicht in Ruhe einkaufen gehen kann!

Die Fans schütteln mitfühlend die Köpfe, aber ihr Star will gar kein Mitleid. Natürlich, sagt Rapha'l, leide sein Privatleben, aber so schlimm sei das auch nicht. "Dort, wo ich wohne, kann ich ohne Probleme einkaufen gehen, da kennen mich die Leute und haben sich an mich gewöhnt. Dorthin, wo die Zielgruppe erfahrungsgemäß stark vertreten ist, vermeide ich zu gehen. Volksfeste zum Beispiel gebe ich mir nicht."

Ein kleiner Junge drängelt sich an ihn heran: "Bist du allein hier?" Vogt schaut sich verdutzt in der Menge um, bis ihm klar wird, was der Junge meint: "Nein, die anderen aus der Serie sind nicht da." Das passiere häufig, sagt er, der Zuschauer denke, daß die GZSZ-Stars auch in Wirklichkeit eine ständig miteinander herumhängende Happy Family seien, dabei beschränken sich die Privatkontakte auf ein Minimum. "Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da ist man froh, wenn man abschalten kann."

Hinter den Kindern warten die Woolworth-Angestellten auf eine Chance zum Autogrammsammeln. Das sei alles ganz schrecklich aufregend, freuen sie sich, und nun endlich einen der Stars aus der Serie, die man seit der Verlängerung der Ladenschlußzeiten nur noch unregelmäßig verfolgen kann, am eigenen Arbeitsplatz zu Besuch zu haben, sei etwas ganz Besonderes.

"Geh du doch, als Frau hat man's da leichter", bittet derweil ein Reporter der Nachrichtenagentur ADN seine Kollegin. Nein, nein, sie seien keine Fans, versichern beide, man wolle nur ein Autogramm für die Tochter einer Redakteurin besorgen. Dummerweise haben die beiden den Vornamen des Mädchens vergessen, nun wird es nichts mit der persönlichen Widmung. "Oder kannst du dich nicht doch erinnern? Denk doch noch mal nach!"

Mittlerweile ist auch die Vase eingetroffen, jemand packt Sandras Blumen aus dem durchweichten Papier aus und steckt das Rosen-Efeu-Arrangement, das im Laden noch so viel hergemacht hat, in den ziemlich scheußlichen Glasklumpen.

Ist es nicht schwierig, ein Drittel des Tages jemanden zu verkörpern, der mit dem eigenen Leben kaum etwas zu tun hat? Trennen könne er zwischen Job und Privatleben, sagt Vogt, aber das habe er erst lernen müssen. "Nun mache ich den Job aber schon so lange, daß ich ganz gut abschalten kann."

Computerspieler, die stundenlang und völlig konzentriert in eine fremde Rolle geschlüpft sind, haben meistens ein extrem nervendes Schlafproblem. Sie träumen das, womit sie sich im Wachzustand so intensiv beschäftigten, weiter, immer wieder. Das kenne er, sagt Vogt, solche Träume habe er auch, sie seien schlimm und es gebe eigentlich kein Mittel, sie zu verhindern. "Manchmal hat man am Set ein paar Stunden Pause, und wenn ich dann dort einschlafe, dann träume ich immer die Serie. Meistens sind es Alpträume, in denen ich z. B. völlig unvorbereitet eine Szene spielen soll oder alle auf mich warten und ich nicht komme."

Dann drängeln sich wieder Autogrammjäger an ihn heran. Die Security, einzig wegen des Events von Woolworth verpflichtet, steht herum und betrachtet die wartenden Fans. "Das ist ein easy Job", sagt Morris. Normalerweise, bei den angekündigten Promo-Terminen der GZSZ-Stars, gehe es "wesentlich schlimmer" zu. Auch das eher kindliche Alter der Fans macht seinen Job normalerweise nicht leichter: "100 Kinder sind so schlimm wie 30 Erwachsene. Die ganz Kleinen hören dabei wenigstens noch, die kann man meistens einfach wegdrücken. Aber wenn man auf der einen Seite fünf Kids weggeholt hat, stehen auf der anderen Seite gleich fünf neue."

Morris beobachtet die Fans trotzdem intensiv, denn schließlich kann man nie wissen, ob irgendein Verrückter dabei ist. Mehr hat er diesmal eigentlich nicht zu tun. Andere Prominente sind weitaus zickiger als Rapha'l, "die bestehen darauf, daß ihnen niemand zu nahe kommt, die wollen zum Beispiel einfach nicht angefaßt werden." Aber auch für den gutwilligsten Star wird die Begeisterung hin und wieder bedrohlich. Und dann kann auch die Security nichts mehr tun: "Wenn's zu schlimm wird, dann packen wir sie in den wartenden Wagen und der Termin ist einfach zu Ende. Die Fans sind dann meistens sehr enttäuscht, dabei haben sie sich das selber zuzuschreiben. Mir tun sie dann aber immer ein bißchen leid."

Heute aber ist so etwas nicht zu befürchten. Sandra hat eigentlich nun genug vom Rummel und ist aufgestanden. Mit ihrer Mutter, die "einen ganzen Film verknipst hat", steht sie abseits. War's das schon? "Nachher, wenn er geht, werde ich bestimmt traurig sein", sagt sie, aber jetzt werde es ihr doch ein bißchen stressig. "Kannst du dich vielleicht doch noch einmal neben ihn setzen?" bittet kurz darauf ein Fotograf. Sandra ist in der letzten halben Stunde Profi geworden, klar kann sie, und selbstverständlich posiert sie mit Vogt noch einmal für den Nachzügler. Und hört ein bißchen teilnahmslos weiter den Fragen zu, die die Fans so haben. Sie zeigen Bilder von sich, erzählen langatmige Geschichten - "Du hast mich mal in Sachsen angeschaut" -, denen Rapha'l gleichbleibend freundlich lauscht, und wollen Autogrammeautogrammeautogramme.

Auch diejenigen, die wohl nicht zur klassischen Zielgruppe gehören wie der etwa 50 Jahre alte Mann mit dem kleinen Mädchen an der Hand. Nachdem Vogt für alle Mitglieder der Familie Nasrallah Widmungen auf die Hochglanzkarten geschrieben hat, möchte der Mann gleich auch noch etwas loswerden.

Immer neue Figuren, da kenne man sich ja bald nicht mehr aus, und die Probleme seien die immer gleichen, das langweile doch sehr. Manche Themen kämen dagegen nie vor, wie z.B. Rassismus. Rapha'l sieht sich im Erklärungsnotstand. Selbstverständlich, da stimme er zu, sei Fremdenfeindlichkeit ein wichtiges Thema, aber leider habe er persönlich keinen Einfluß auf die Drehbücher. Und natürlich wiederhole sich manches, das sei ja auch klar bei einer Serie, "die eine Soap ist, das heißt, die in erster Linie unterhalten soll". Herr Nasrallah, Fan seit dem GZSZ-Start, ist mit dieser Antwort trotzdem zufrieden. "Ein netter Kerl", sagt er, seine kleine Tochter nickt zustimmend, und beide freuen sich darauf, heute abend der Familie viel erzählen zu können.

Sandra, die immer noch neben Rapha'l sitzt und immer wieder von ihm angesprochen wird, möchte eigentlich noch ein paar Autogramme zusätzlich haben. Für Freundinnen, die ihr den Hauptgewinn gar nicht geglaubt hatten. "Erst als ich die Geschichte bestätigte, waren sie davon überzeugt, daß sie nicht lügt", sagt die Mutter.

Und nun will Sandra diese Zweiflerinnen überraschen. Zunächst zögert sie jedoch. Denn sie möchte auf keinen Fall aufdringlich erscheinen oder nerven. Ihre Mutter ermutigt sie aber, nach ein paar Autogrammkarten mehr zu fragen. "Morgen ist Sonntag, da kann er sich dann ausruhen", sagt sie, und ihre Tochter überwindet sich schließlich. "Klar unterschreib' ich noch!" macht ihr Rapha'l die Sache leicht, fragt nach den Vornamen ihrer Freunde, malt Herzchen auf die Fotos und bittet Sandra, ihre Geschenke, ein GZSZ-Spiel und eine -CD, auszupakken, damit er auch die beschriften kann.

Und dann ist Sandras großer Tag vorbei. "Mach's gut", sagt Rapha'l, "wenn du mich mal irgendwo siehst, dann sprich mich ruhig an." Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuß und der Star verläßt die Woolworth-Filiale. Die Blumen hat er nicht mitgenommen.