06.10.1999
Deutsche Passiva

Profite und Provisionen

Deutsche Banken und die Staatskasse erzielten Gewinne in Milliardenhöhe bei der Enteignung jüdischen Vermögens.

Im Streit um die überfällige Entschädigung der Zwangsarbeiter ging bisher fast unter, dass die Industrie mit ihrem Fonds auch gleich noch die "Arisierung und anderes Unrecht aus der Zeit der NS-Herrschaft" beglichen haben will.

Allein die noch nicht entschädigten Bereiche der "Arisierung" würden jeden Fonds sprengen, selbst wenn er zweistellig wäre. Die Bundesregierung hat zwar bereits rund 100 Milliarden Mark an Entschädigung gezahlt, wie es immer wieder heißt, aber der größte Teil der Summe entfällt auf Entschädigungen für erlittene KZ-Haft, Gesundheitsschäden usw., nur ein Bruchteil auf Entschädigungen für Vermögensverluste. Die "Rückerstattung wiederauffindbaren Vermögens" wegen der alliierten Militärregierungsgesetze blieb unter fünf Milliarden Mark. Verglichen mit dem tatsächlichen Raub an jüdischem Vermögen ist dies jedoch eher beschämend und lächerlich.

In der Fachliteratur wird das Vermögen von Juden im Deutschen Reich für das Jahr 1933 mit zwölf Milliarden Reichsmark (RM) angesetzt. Für Österreich weisen die Statistiken ein Vermögen von 2,3 Milliarden RM aus. Zieht man die Schulden ab, bleiben zusammen noch rund 13 Milliarden RM übrig. Mindestens 80 Prozent davon, also über zehn Milliarden RM, wurden enteignet oder vernichtet.

Der Staat kassierte allein an sogenannter "Reichsfluchtsteuer" rund eine Milliarde RM, mit der "Judenvermögensabgabe" und den Erlösen aus Beschlagnahmungen über zwei Milliarden RM. Diese Zahlen beschreiben sicherlich eine untere Grenze, da viele "Einnahmen" dieser Art einfach im Haushalt der Allgemeinen Finanzverwaltung unter "Vermischte Einnahmen" zusammen mit anderen verbucht wurden und deshalb nur noch schwer rekonstruierbar sind.

Aber nicht nur der Staat bereicherte sich. Auch Industrie, Handwerk und Banken beteiligten sich fleißig an der Ausplünderung der Juden. Um möglichst "schöne Gewinne aus derartigen Geschäften [zu] erzielen", nutzten die Banken alle sich ihnen bietenden Möglichkeiten, von quasi "freundschaftlicher Arisierung" (bei der immerhin noch ein nennenswerter Betrag gezahlt wurde) bis hin zu "Zwangsarisierungen", die bei "widerspenstigen" Kunden auch schon mal von der Bank beantragt wurde. Im Juli 1938 hielt etwa die Deutsche Bank in einem Aktenvermerk fest, dass von "700 in der Zentrale erfaßten jüdischen Unternehmungen ca. 260 arisiert" waren. Ende November 1938 hatte sie von 569 "größeren nichtarischen Objekten" 363 arisiert.

Wie die "Arisierungen" in der Regel abliefen, verdeutlicht der Brief eines als Sachverständiger bei "Arisierungsfragen" herangezogenen Kaufmanns - nach eigenen Angaben Nationalsozialist, SA-Mann und Bewunderer Hitlers: Er sei "von den brutalen Maßnahmen und (...) dieser Art von Erpressungen an den Juden derart angeekelt, dass ich von nun ab jede Tätigkeit bei Arisierungen ablehne, obwohl mir dabei ein guter Verdienst entgeht (...) Als alter rechtschaffener ehrlicher Kaufmann [kann] ich nicht mehr zusehen, in welch schamloser Weise von vielen 'arischen' Geschäftsleuten, Unternehmern etc. versucht wird (...), die jüdischen Geschäfte, Fabriken etc. möglichst wohlfeil und um einen Schundpreis zu erraffen. Die Leute kommen mir vor wie die Aasgeier, die sich mit triefenden Augen und heraushängender Zunge auf den jüdischen Kadaver stürzen (...)" Große Firmen gingen teilweise für lediglich zehn bis 20 Prozent des tatsächlichen Wertes "in arische Hände" über, manchmal waren es auch weniger.

Zur Kaufpreissenkung wurde der jüdische Besitzer nicht selten während der Verhandlungen in ein KZ gesperrt. Baron Louis Rothschild etwa wurde zwei Tage nach dem "Anschluss" Österreichs verhaftet, praktisch als Geisel im Kampf um Rothschilds Bergbau- und Eisenhütten im Wert von über zehn Millionen Pfund Sterling. Für 3,6 Millionen Pfund und die Freilassung von Baron Louis bekamen die Deutschen schließlich die Werke.

Der Leiter der Verhandlungen, Dresdner-Bank-Chef Dr. Rasche, bedankte sich nach Abschluss der Aktion beim Chef des persönlichen Stabes des Reichsführers SS für die aktive Hilfe. Wertvolle Informationen und die Verhaftung von Baron Louis Rothschild hätten "dazu geführt, die Kaufpreisbasis mit selbst von der Gegenseite anerkannten Argumenten um einen wesentlichen Devisenbetrag zu ermäßigen. Es ist mir ein Bedürfnis, mich auch auf diesem Wege vielmals für diese so besonders wirksame Unterstützung, über die ich Ihnen gelegentlich unserer nächsten Zusammenkunft gern Näheres berichten würde, zu bedanken."

Die Verdienstmöglichkeiten der Banken bei diesen Plünderungen waren fast unbegrenzt. Banken- oder Vermittlungsprovisionen fielen an für: Betriebs-"Arisierung" (zwei bis vier Prozent), Grundstücks-"Arisierung" (drei bis vier Prozent), Personal-, Waren- und Geschäftskredite für arisierte Betriebe (fünf bis 6,5 Prozent), Treuhandkonten, Sperrkonten, Zwangsdepots, Überweisungen von Zwangsgeldern, entsprechende Sonderkonten, Gewinne von Tochterunternehmen usw.

Zudem hatten die Banken Treuhandgesellschaften, die zum einen die Preise für die zu "arisierenden" Firmen festlegten und zum anderen als "Verkaufstreuhänderin" fungierten. Sie kauften also Firmen günstig auf und verkauften sie später mit beachtlichen Gewinnen weiter.

Hinzugerechnet werden müssen natürlich auch die Gewinne aus den "Arisierungen" und nationalsozialistischen Plünderungen in den während des Zweiten Weltkriegs okkupierten Ländern. Die deutschen Banken übernahmen Firmen und Banken, kauften und verkauften mit staatlicher Unterstützung riesige Mengen Aktien, um die "kapitalmäßigen Verflechtungen" mit Deutschland zu organisieren, verdienten an Geschäften mit geraubtem Gold usw. Hier fehlen bislang für einzelne Länder aber immer noch verlässliche Zahlen, die Forschung ist teilweise leider erst am Anfang.

Nach den vorliegenden, unvollständigen Angaben wurden allein im Westen (Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich) Vermögens- und Kapitalwerte von weit über zwei Milliarden RM "arisiert" und beschlagnahmt. 1944 gab das Reichsfinanzministerium den Wert des nur in Holland beschlagnahmten jüdischen Vermögens mit rund einer Milliarde RM an. Geraubt wurde alles: von großen Firmen über kleine Handwerksbetriebe, Bankkonten, Gold und Schmuck bis hin zu den Wohnungseinrichtungen.

Um sich das Ausmaß vielleicht etwas vorstellen zu können: Der "Gesamtleistungsbericht" vom Juli 1944 des Leiters der Dienststelle Westen des "Sonderkommandos" in Paris berichtet, dass man 71 619 jüdische Wohnungen ausgeräumt und neben 11,6 Millionen RM Devisen und Wertpapieren das Mobiliar und komplette Inventar im Umfang von 1 079 373 cbm in 674 Zügen mit 26 984 Waggons nach Deutschland transportiert hatte. Hier in Deutschland wurde das Mobiliar in den verschiedenen Städten an "Bombenopfer" verteilt, größere Teile wurden jedoch auch gewinnbringend versteigert. Selbstverständlich verdienten die Banken auch hieran, indem sie beispielsweise die Gestapo-Konten führten, auf die die Versteigerungserlöse eingezahlt wurden.

An dieser Stelle wird auch der Zusammenhang von Massenvernichtung und wirtschaftlicher Ausplünderung sichtbar: Das "Sonderkommando" bemängelte im Dezember 1943 in einem Brief an den "Sicherheitsdienst", dass man in Belgien nicht genügend Juden verhaftet und von dort nach Osten deportiert habe. Der Verfasser verlangte, "baldmöglichst die Judenaktion in Lüttich weiter zu führen, damit eine Erfassung der Judenmöbel und Abtransport in das Reich erfolgen kann".

Im Osten waren die Plünderungsaktivitäten noch viel umfangreicher: Zwischen 1939 und 1942 wurden beispielsweise in Polen 112 000 jüdische Firmen und Geschäfte sowie 115 000 Werkstätten konfisziert und teilweise "in arische Hände überführt". Allein in Warschau wurden Häuser und Grundstücke im Wert von etwa einer Milliarde RM "arisiert".

Es war also insgesamt ein gigantischer Raubzug, an dem neben dem Staat auch Industrie und Banken teilnahmen und kräftig verdienten. Seit der gewaltigen Aufrüstung 1936/37 über die Kriegsjahre - die mit der Annexion Österreichs im März 1938 begannen - bis zur Kapitulation im Mai 1945, stiegen die Aktiva und Gewinne beider deutschen Großbanken sprungartig an. Bei der Dresdner Bank stiegen die Aktiva - nachdem sie bis dahin bei etwa 2,5 Milliarden stagniert hatten - von 2,515 Milliarden RM im Jahre 1937 auf 8,613 Milliarden RM im Jahre 1944. Bei der Deutschen Bank verdreifachten sich die Aktiva von 3,3 Milliarden RM im Jahre 1937 auf über 9,5 Milliarden im Jahre 1944.

Von den zwischen 1937 und 1945 erwirtschafteten Erlösen beider Banken in Höhe von etwa 2,045 Milliarden RM entfielen mindestens 290 Millionen RM (nach heutigem Wert etwa zwei Milliarden Mark) auf Provisions-Gewinne aus Raub, Enteignungen und Zwangsarbeit. Das sind rund 14,2 Prozent der erzielten Gewinne in dieser Zeit.

Wenn Peter Gibowski, Sprecher der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, heute meint, dass Banken zu jeder Zeit Provisionen nehmen, damals wie heute, muss man dem entgegnen: Da diese Provisionen aus dem Raub des jüdischen Vermögens stammen, sind sie - wie Hehlergewinne - zurückzuzahlen.

Der Autor ist freier Mitarbeiter der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und Gutachter für die Anwälte der Opfer in den gegenwärtigen Verhandlungen.