06.10.1999
Unanständige Berufe I

Schutz der Schönheit

Zahnärzte, Türsteher und Henker leiden mehr als andere unter ihrem Beruf. Sie schrecken aus dem Schlaf hoch, weil sie die Flüche und Schreie ihrer Opfer zu hören glauben. Dabei sind die Henker gegenüber den Zahnärzten und Türstehern noch einmal im Nachteil: Während Letztere sich vornehmen können, die Sonde beim nächsten Mal nicht ganz so tief ins Fleisch zu rammen bzw. den schlecht Gekleideten doch einzulassen, hülfe es dem Henker wenig, seinen letzten Klienten mit dem Versprechen trösten zu wollen, beim Wiedersehen die Schlinge etwas liebevoller zuzuziehen - wenn der Henker nicht ein großer Pfuscher ist, wird er an seinem Kunden nichts gutmachen können.

Der Zahnarzt wiederum hat den Vorteil, dass die von ihm Gemarterten doch insgeheim von der Notwendigkeit ihres Martyriums und der Zahnarzt-Zunft an sich überzeugt sind. Henker und Türsteher stehen in nicht ganz so hohem Ansehen. Das ist zumindest im Fall des Türstehers ungerecht. Ich unterstütze zwar Chestertons Plädoyer gegen die "konventionelle Schönheit" und für die "dramatische Fülle der Natur", schon allein, weil ich fast so dramatisch füllig bin wie er. Aber in Diskotheken müssen andere Gesetze gelten, gewissermaßen rotchinesische: Alle müssen gleich aussehen. Ich habe das begriffen, als ich einst Stammgast in einer Tanzbar war, in der nur Anzugträger und leicht anämische Schönheiten verkehrten. Ich liebte es, da zu stehen in meinem Anzug und die anämischen Schönheiten anzuhimmeln.

Eines Abends fragte mich ein Bekannter, ob er mich begleiten dürfe. Ich blickte ihn an: Er war ein älterer Jazz-Fan in abgewetztem Parka und in speckigen Jeans, seine wirren und ungewaschenen Haare trug er halblang. Um das Maß vollzumachen, hatte er sich seit Wochen nicht rasiert. Mir war sofort klar, dass dieser Krauter in der Lage gewesen wäre, das empfindliche ästhetische Gleichgewicht der Tanzbar zu stören. Er wäre vom Türsteher abgewiesen worden, und das zu Recht. Ich verneinte also seine Bitte.

An diese Unfreundlichkeit denke ich gelegentlich zurück, und sie tut mir auch ein bisschen leid. Über die Jahre bin ich diesem Bekannten immer ähnlicher geworden. Ich höre jetzt auch ein wenig Jazz und rasiere mich selten. Aber ich gebe mir andererseits Mühe, den Türstehern ihre tapfere und unbeliebte Arbeit zu erleichtern, und bleibe einfach zu Hause. Es befriedigt mich, dass dadurch die anderen noch besser zueinander passen. Und vielleicht hat schon manch ein Türsteher meinetwegen besser geschlafen.